Interview: Wolfgang Müller-Pietralla

Blick nach vorn: ein Gespräch mit Wolfgang Müller-Pietralla

Das letzte gebaute Auto wird ein Sportwagen sein. Hat Ferry Porsche gesagt. Aber was sagt ein Zukunftsforscher dazu? Ein Gespräch mit Wolfgang Müller-Pietralla über die Zukunft im Allgemeinen und die des Autos im Besonderen.

Interview: Michael Köckritz Foto: Benjamin Pichelmann 18.12.2018 7 min

Herr Müller-Pietralla, wann beginnt die Zukunft?

Ich könnte es mir leicht machen und sagen, ab jetzt ist Zukunft. Aber das stimmt so nicht: Die Zukunft beginnt viel früher. Mit einer Entscheidung, mit der wir die künftige Entwicklung festlegen. Insofern kommt die Zukunft aus der Vergangenheit, zurückliegende Entscheidungen prägen alles, was in Zukunft kommt.

Mit ein bisschen Nachdenken könnten wir so entscheiden, dass die Zukunft planbar wird?

Bei vielen Entscheidungen ist uns nicht bewusst, in welcher Form sie unser Leben beeinflussen werden. Das ist das Problem. Ich glaube aber schon, dass wir etwas aus dieser Erkenntnis lernen können. Wir sollten unser Bewusstsein schärfen und bedenken, welche Auswirkungen diese Entscheidungen haben. Vielleicht können wir fragen: Was wäre, wenn? Was würde geschehen, wenn wir andersherum entscheiden würden?

Interview: Wolfgang Müller-Pietralla

Können uns Zukunftsforscher bei der Suche nach dem richtigen Weg helfen?

Verlangt wird von uns häufig eine konkrete Navigation in eine sichere Zukunft. Das können wir nicht leisten. Wir versuchen aber, Landkarten mit Wegen in die Zukunft aufzuzeigen. Dieses Landschaftsbild zeigt uns Pfade, auf denen man sich bewegen kann, Abgründe werden erkennbar oder auch Flüsse, durch die man nur als guter Schwimmer kommt. Ich sehe uns als Bergführer auf solchen Wegen.

Ihre aktuelle Forschung, in die viele Berechnungen eingeflossen sind, nennt sich »Stop and Go«. Was dürfen wir darunter verstehen?

Das Szenario zeigt, dass wir in einer Welt leben, die sich sehr schnell verändert. Mal in die eine Richtung, dann in die entgegengesetzte. Die Stabilität, die wir heute erleben, ist nicht in Stein gemeißelt. Kleine Veränderungen politischer Natur wie eine Unsicherheit im Finanzsystem können sehr schnell zu erheblichen Veränderungen des Gesamtsystems führen. Eine kurze Rezessionsphase oder ein kurzer politischer Handelskrieg könnten rasch dazu führen, dass das Wachstum zurückgeht. Dann ist eine Finanzkrise nicht fern. Wir errechnen für Szenarien wie diese verschiedenen Zukunftswelten.

Blick nach vorn: ein Gespräch mit Wolfgang Müller-Pietralla
Interview: Wolfgang Müller-Pietralla
Interview: Wolfgang Müller-Pietralla

Schlagen wir den Bogen zum Auto: Werden Designer immer wichtiger, weil sie den Dingen Gestalt und Orientierung geben?

Das trifft absolut zu. Designer und alle kreativen Menschen sind hervorragende Seismografen für zukünftige Entwicklungen. Die Gestalter haben die besondere Fähigkeit, diese Zukunft zu antizipieren und im Rahmen ihrer Disziplin auszudrücken. Nun zum Automobil: Ich gehe mal davon aus, dass die Autowelt in weiten Zügen noch eine ganze Weile so bleiben wird, wie sie ist. Das Auto wird aber um neue Eigenschaften und um neue Formensprachen bereichert werden, ohne dass die anderen absterben. Also es wird eine Koexistenz geben von neuen und bestehenden Fahrzeugkonzepten.

Zeichnet sich ab, welche Konzepte sich durchsetzen werden?

Es ist noch lange nicht ausgemacht, dass die aktuellen Konzepte überleben werden und alle anderen verdrängen. Das ist auch gut so. Unbestritten ist, dass es neue Antriebskonzepte geben wird. Darüber hinaus wird der SUV noch eine ganze Weile unser Bild prägen. Und zwar weil die Wertemuster unserer Gesellschaft auf Sicherheit, Schutz und Geborgenheit fokussiert sind.

Und danach kommt nichts mehr?

Ich glaube, dass wir beim Thema Auto noch lange nicht am Ende sind. Kommen wir auf das Design zurück. Ich sehe jetzt gerade mit den neuen Antriebskonzepten auch eine Chance für die Designer, eine neue Formensprache zu entwickeln, die individueller ist, die mehr Spannung erzeugt und Mut macht. Das wird dem Auto mehr Aufmerksamkeit geben und es in die Position rücken, die ihm in der Gesellschaft gebührt. Das Auto bietet nach wie vor eine hervorragende Form der Mobilität. Ich finde es weder richtig noch fair, diese Mobilitätsform einfach so mit dem Badewasser auszuschütten, wie es gerade in der Diskussion um Mobilität und Mobilitätsservices passiert. Das hat das Auto nicht verdient. Und auch nicht diejenigen, die zurzeit die Autos bauen und nutzen.

Blick nach vorn: ein Gespräch mit Wolfgang Müller-Pietralla

Welche Rolle spielt die zunehmende Digitalisierung im Auto?

Ich bin der festen Überzeugung, dass die zu starke Fokussierung auf die Digitalisierung eine Fehlentwicklung ist. Ohne Zweifel wird sich das Auto im Bereich der digitalen Erlebniswelt noch weiter entwickeln. Aber es muss nicht sein, dass in jedem Sportwagen die gesamte digitale Elektronik an Bord ist. Ich brauche auch kein Motorrad, das nicht umfallen kann. Ich erwarte, dass verantwortungsbewusste Menschen nicht wollen, dass die Technik alles für sie tut. Die Digitalisierung sollte den Mensch unterstützen im Rahmen seines Wunsches nach Selbstbestimmtheit. Wenn es jemand komplett autonom mag, bitte schön, dann soll er es bekommen. Mit einer perfekten Technik und mit einer absoluten Sicherheit. Andererseits sollte jeder Mensch das Recht haben, zu entscheiden, wie weit er die Technologie und die Digitalisierung als eine Assistenz nutzt. Ich halte eine Entwicklung nicht für erstrebenswert, bei der Assistenz und künstliche Intelligenz unsere eigenen Entscheidungen übertrumpfen und wir nicht mehr in der Lage sind, selbst irgendwie zu entscheiden, was für uns gut oder schlecht ist.

Ferry Porsche sagte einmal, dass das letzte Auto, das gebaut wird, ein Sportwagen sein wird. Denken Sie auch so?

Das ist nun keine einfache Frage, aber ich glaube, Ferry Porsche hat recht. Im Wort Autonomie steckt ja auch das Wort Auto. Das bedeutet auch Selbstbestimmtheit. Die Möglichkeit des Menschen, mit einer Maschine zu einer Einheit zu verschmelzen, hat nach wie vor eine extrem hohe Faszination. Das Prinzip des Wettbewerbs, des Fortschritts und die Faszination von Geschwindigkeit und Bewegung werden Bestand haben. Dies gelingt am besten in einem Sportwagen.

Blick nach vorn: ein Gespräch mit Wolfgang Müller-Pietralla

VITA

Wolfgang Müller-Pietralla und sein Team analysieren gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und zeigen deren Auswirkungen auf den Volkswagen Konzern auf. »Wir sind keine Hellseher, aber wir sind durchaus in der Lage abzuschätzen, welche Strömungen die Welt von morgen maßgeblich verändern werden«, sagt er. Seit 1992 ist der Diplom-Biologe im Volkswagen Konzern beschäftigt, zunächst im Aufbau eines konzernweiten Umweltmanagementsystems, anschließend in verschiedenen prägenden Positionen für die Autostadt GmbH. Seit 2002 leitet er die Abteilung Zukunftsforschung und Trendtransfer im Volkswagen Konzern, die er maßgeblich aufgebaut hat.

Info: Erstmals erschienen in der rampdesign