Die Vermessung der Fahrfreude: unterwegs im Porsche 911 S und  959 S

Die Vermessung der Fahrfreude: unterwegs im Porsche 911 S und 959 S

Ein Erlebnis? Lässt sich über unsere Reize wunderbar intensivieren. Man benötigt dafür nur das passende Auto. Und dann zwei davon.

Text: Thomas Crown Foto: Laurent Nivalle 8 min

Natürlich ist so ein Porsche ein verdammt genial-perfekter Sportwagen. Aber das wissen wir (und alle anderen) natürlich längst. Nichts Neues. Immerhin erklärt diese Einordnung schon einmal fein, warum wir uns für diese Porsche derart begeistern können. Und das immer wieder. Na ja, und dann ist ein Porsche eben auch etwas intensiv Sinnliches. Das wiederum erklärt dann wunderbar plausibel, warum wir diesem Auto so leidenschaftlich verfallen können. Ganz einfache Angelegenheit. Dabei punktet ein Porsche gewissermaßen als multireiz-auslösendes Gesamttechnikkunstwerkspielzeugdynamik-sporterlebnis. Weil dieser Begriff jetzt doch leicht sperrig daherkommt, haben sie das Auto dann damals vermutlich einfach nur kurz Porsche genannt. Ingenieure denken praktisch.

Aus neurowissenschaftlichen Studien wissen wir, dass Reize, die uns über unsere verschiedenen Sinneskanäle erreichen, einen neuronalen Verstärkermechanismus aktivieren. Die Wirkung addiert sich nicht nur – sie multipliziert sich. Bis auf das 10-fache. Je mehr Sinne angesprochen sind, desto intensiver das Erlebnis. Der entsprechende Fachbegriff für das Phänomen lautet „Multisensory Enhacement“ beziehungsweise „Superadditivität“. Für die sachgerechte Beweisführung empfiehlt sich eine denkbar einfache Versuchsanordnung: Man benötigt lediglich geschärfte Sinne, zwei Porsche-Klassiker (gerne Elfer), einen Freund sowie möglichst freie, gute Straßen inklusive der entsprechenden Kurven. Wochenende und etwas gutes Wetter wären okay, eine Bilderbuchlandschaft würde das Setting schließlich angenehm abrunden. Die Hamptons etwa wären hier nicht so verkehrt. So viel zum munteren Ansatz.

Konkret ist es dann eine scharfe Kombination aus einem silbernen 911 S und einem weißen 959 S. Der Freund ist selbstverständlich sofort dabei, auch die Hamptons mit ihren wunderbar weißen, endlosen Sandstränden haben gerade nichts anderes vor, sogar die Sonne spielt für ein paar gute Momente vor den kommenden kalten Tagen und Wochen an einem der letzten Spätsommertage noch einmal mit, während sich unser Verstand kurzerhand für eine Weile in den Stand-by-Modus verabschieden darf. Und die Sinne? Fühlen sich angesprochen. Sehr! Alle sechs! Sechs-Appeal-Alarm! Alles auf Fühlen!

Einen Überholmoment später saugt sich dann der Elfer in den Windschatten des 959 S. Unsagbar breit und tief liegt dieser Technikträger des 20. Jahrhunderts auf der Straße, röhrt und bellt aus seinen Endrohren. Und er könnte, wenn sein Fahrer es wollte, mit infernalischem Gebrüll auf und davon ziehen. Aber darum geht es ja heute nicht.

Also erspüren und erleben wir. Vorfahren und nachfahren, genießen. Die Porsche auf der Straße ausgeben und zugleich unmittelbar auf sich wirken lassen. Sicher könnte man mit einer Kamera alles aufzeichnen, aber so ist es viel direkter, näher, intensiver. Superadditiv eben. Kongeniale Reize in Verbindung mit Raum, Bewegung und Geschwindigkeit. Gerade so, als würde man hinter sich selbst herfahren. Oder auch vor sich her. Oder drumherum.

Die Vermessung der Fahrfreude: unterwegs im Porsche 911 S und  959 S
Die Vermessung der Fahrfreude: unterwegs im Porsche 911 S und  959 S

Der Ausflug unter Männern beginnt am Golfplatz. Bis in die späten 80er wurde hier aber mit ganz anderen Sportgeräten gefightet, auf dem Bridgehampton Race Circuit. Leider ist von der Legende aus der CanAm-Serie nichts mehr übrig. Hier werden heute mit Vorliebe weiße Bälle durch die Gegend gepfeffert. Wäre schön gewesen für ein paar heiße Runden.

Porsche ist auch in diesem Teil von Long Island noch lange kein Alltagsauto. SUVs sind auch hier im Trend. Zweisitzige Sportwagen (und hier vor allem die Klassiker) ziehen gerne die Augen auf sich. Und der 959 S mit seinem brachialen Sound und 545 PS – das sind noch einmal 100 PS mehr als bei der Normalversion – ist auch nicht so einfach zuzuordnen. Nur 29 Stück dieser forsch in die Zukunft gedachten Rakete auf Rädern sind je gebaut worden. Da kommen selbst alte Golfspieler ins Schwärmen.

Aber auch der 911 S, einer der letzten aus der Ferdinand Porsche Ägide, ist nicht ohne. Sein unvergleichbarer rauh-sägender Sound aus dem luftgekühlten 2,2 Liter-Boxer, der immer etwas markant unrund klingt, beschwört Bilder von James Dean bis Mark Donohue herauf.

Der 959 fährt nicht, wenn er steht – er explodiert. Mitten im Auge. Unsere gängigen Vorstellungen von Ästhetik werden förmlich paralysiert. Wer den 959 S gefahren ist, berichtet von einem elektrisierenden Ritt auf der Kanonenkugel, alle Feingeister zucken bereits unwillkürlich beim Anblick. Der 959 S scheint sich aus einem Porsche Paralleluniversum in unsere gelernte Sportwagenwelt verirrt zu haben. Vorne getarnt mit der Elfer-Urform bricht das Auto dann urplötzlich mit allen gestalterischen Elfer-Regeln. Der 959 S definiert sich über eine geballte Technik-Vision und pure Leistung, alles andere, so scheint es, klärt man dann später. Irgendwie. Auch so folgt die Form dann der Funktion. Vermutlich hat man sogar noch versucht, die optischen Spitzen dieses brutalen Funktionalismus einigermaßen zu glätten. Das Risiko einer leichten Gefälligkeit geht der 959 S mit seiner Präsenz jedenfalls nicht ein. Die Augen lässt man dennoch nicht von ihm.

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Aber das ist ja auch erst Teil eins der Ausfahrt: Beide Porsche entspannt auf Temperatur bringen, die Reifen warmfahren, genüsslich Ohren und Augen vorbereiten und merke: Sex-Appeal entfaltet seine Wirkung bevorzugt über die Augen.

Für die nähere Erläuterung liegt der 911 S gerne einmal vorn. Die unglaubliche Eleganz und Sportlichkeit, mit der es dem luftgekühlten Klassiker gelingt, wie mit Laser geschnitten die Kurven zu durcheilen – das ist so, als ob man mit antiken Göttern dionysische Feste feiern würde.

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Der 911 S brennt sich mit seinem klaren Design in unsere Wahrnehmung. Alles ist irgendwie da, wo es hingehört. Überflüssiges? Gibt es nicht. Die Linien und Proportionen scheinen mit selbstverständlicher Leichtigkeit einer zwingenden Logik zu folgen, jenseits aller Moden und Effekte. „Form follows function“ wird hier zum Prinzip – und der Porsche 911 in der Konsequenz zur modernen Stilikone. „Einen typischen Porsche kann man anfassen“, hat Ferdinand Alexander Porsche einmal erklärt. „Er hat einen Körper. Er ist eine Sie.“ Wenn man beobachten kann, wie der 911 S die Welt und die Blicke um seine Hüften herumströmen lässt, ahnt man dann, was der Mann, der dem Elfer diese unaufdringlich sensationelle Form gegeben hat, damit gemeint hat. „Er fährt, auch wenn er steht“, hat der Designer Otl Aicher die Sache einmal locker auf den Punkt gebracht.

Später halten wir noch einmal nahe der Brücke mit dem Chevron-Schild, dort, wo vor Jahren auf dem Bridgehampton Race Circuit Geschichte und Geschichtchen geschrieben wurden. Lassen die beiden Sportwagen, unsere Sinne und das ganze superadditive Reizfeuerwerk entspannt zur Ruhe knistern.

Überhaupt wäre jetzt ein Spaziergang am Strand nicht schlecht. Den machen wir dann auch. Barfuß.

Die Vermessung der Fahrfreude: unterwegs im Porsche 911 S und  959 S
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