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Spyder-Man: ein Rennen der Superlative

Unterwegs im Porsche 550 Spyder. Und plötzlich überholt erst Walter Röhrl. Und wenig später ein Gulf-Porsche 917. Kein Traum nach langen Sommernächten. Alles genau so geschehen. Beim Solitude-Revival.

Text: Michael Petersen Foto: Kirill Kirsanov · ramp.pictures 25.07.2019 8 min

»Hätten Sie Lust, beim Solitude Revival einen 550 Spyder zu fahren?« Es gibt Momente im Leben, wo man keine Sekunde zögern sollte. Astrid Böttinger, die Pressesprecherin des Porsche Museums, vernimmt ein hastig ausgesprochenes »Ja, klar!« Ihre Reaktion: »Habe ich auch nicht anders erwartet.« Nur Tage später stehe ich vor einem wunderschönen 550 Spyder mit der Chassisnummer 64 aus dem Jahr 1956. »Bitte beim Einsteigen auf die Streben am Boden oder auf den Sitz treten, nicht auf den dünnen Fahrzeugboden«, betont der Porsche Mann neben mir. Er bemerkt mein Stirnrunzeln. »Auch wir steigen auf den Sitz.« Vielleicht mit Socken, denke ich und fädele mich mit vielleicht etwas ungelenken Bewegungen in den flachen Wagen hinein. Sitze sind zum Sitzen da, und dieser ganz besonders. Alles passt sofort. Fünf einzelne Gurte – die gab es vor mehr als sechs Jahrzehnten noch nicht – stecke ich in das Zentralschloss.

Kurze Konzentration auf alles, was mir die Mechaniker um Kuno Werner, den Leiter der Porsche Museumswerkstatt, mit auf den Weg gegeben haben. Schlüssel drehen, Starterknopf drücken. Der Zugschalter für die Benzinpumpe ist herausgezogen. Passt also. Kurz dreht sich der Anlasser, dann bellt der Motor los. Es ist der legendäre Fuhrmann-Motor mit dem Kürzel 547. Was das heißt? Es handelt sich um die fünfhundertsiebenundvierzigste Porsche Konstruktion. Und richtig, der 550 Spyder erhielt seine Kennzahlen eben etwa drei Blätter später. Dass er kaum mehr als 550 Kilogramm wiegt, hat mit seinem Namen nichts zu tun. Vierzylinder-Boxer, 1,5 Liter, das Datenblatt gibt 110 PS bei 6.200 U/min an. So hohe Drehzahlen wollen wir dem Veteranen besser nicht zumuten. Womöglich kein so guter Gedanke, wie mir erst im Rückblick klar wird. Dass ein 550 Spyder vor einiger Zeit für 5,5 Millionen Euro versteigert wurde, daran denke ich nicht.

Es soll losgehen: Etwas schwerfällig rollt der Porsche aus dem schützenden Zelt. Moment: Rasch die tief unten im Fußraum liegende Handbremse lösen, den zurückhaltenden Start hat – hoffentlich – keiner bemerkt. Die vier Gänge lassen sich leicht einlegen, auch wenn die Schaltwege früher etwas länger waren. Wir rollen im Konvoi aus dem auf dem Verkehrsübungsplatz liegenden Fahrerlager vor die Boxen. Schön renoviert, erinnert das Start-und-Zielhaus an die legendären Zeiten dieser Rennstrecke bis 1965. In die Wälder unweit Stuttgarts pilgerten bis zu 400.000 Zuschauer. Sie besetzten Abhänge, kletterten Bäume hinauf. Streckenübersicht? Meist Fehlanzeige. Porsche, Lotus, Ferrari, BRM. Jim Clark, Graham Hill, John Surtees, Innes Ireland, Graf Berghe von Trips, Dan Gurney – die Zuschauer riefen sich die Namen zu.

»Eine Rennstrecke wie für Porsche gemacht«, sagt Stéphane Ortelli heute, »eng, kurvenreich, bergauf, bergab«, beschreibt der Solitude-Neuling seinen Eindruck. Der Franzose hat 1998 mit dem Porsche 911 GT1 98 in Le Mans gewonnen. Ich stimme zu. Gewissermaßen als Solitude-Veteran, 1964 saß ich am Glemseck auf einem Ast, um über die Köpfe der Erwachsenen auf die Piste schauen zu können. Genau dort beschleunigen wir. Aber was ist jetzt los? Das Feld um mich herum gibt richtig Gas! Von wegen Oldtimer, gemächliches Hochschalten mit Zwischenkuppeln. Zwischengas beim Runterschalten gehört so oder so dazu. Vor mir ziehen zwei Solitude-Sieger davon. Ich meine die Autos, der Porsche 804 Formel 1 und der 718 Formel 2 aus den Jahren 1962 und 1960. Die Fahrer haben zur großen Solitude-Ära entweder ihre Karriere noch nicht begonnen, wie Hans-Joachim Stuck (Jahrgang 1951), oder waren noch gar nicht auf der Welt, wie Marc Lieb (Jahrgang 1980). In Le Mans gewonnen haben beide, Stuck 1986 und 1987 mit dem Porsche 962C, Lieb 2016 mit dem Porsche 919 Hybrid.

Auf der langen Geraden vor Büsnau wird es einem zweifachen Rallye-Weltmeister hinter mir zu bunt. Walter Röhrl zieht mit dem Porsche 718 RS 60 Spyder vorbei. Über 5.000 U/min liegen im 550 Spyder an, um 150 km/h zeigt der Tacho, der Wagen könnte schneller, der Fahrer zögert. Dann wird es vollends surreal. Stéphane Ortelli überholt mich, mit dem Gulf-Porsche 917! Gut, dass Fotograf Kirill mit im 550 Spyder sitzt. Er kann diese kaum zu glaubende Szene bezeugen. Der Punkt im bunten Programm des Solitude Revival nennt sich »Herbert Linge Sonderlauf«. Linge ist 91, er fährt auf dieser Rennstrecke nicht mehr selbst. Anders als bei Ausfahrten rund um seinen Heimatort Weissach mit seinem eigenen 911 Targa. »Beim letzten Solitude-Rennen 1965 bin ich mit dem Porsche 904 Dritter geworden, es war der mit dem Sechszylinder-Motor.« Linge weiß es noch genau. Der Rennfahrer, der 1943 (!) als Lehrling bei Porsche begann, ist auch 2019 voll bei der Sache und immer im Gespräch. Ein Kernsatz: »Der Motorsport zieht sich durch mein ganzes Leben, da kann ich doch jetzt nicht abschalten und sagen, das interessiert mich nicht mehr.«

Mit dem 550 Spyder gewannen Hans Herrmann/Herbert Linge 1954 bei der Mille Miglia die Klasse. Porsches erster speziell für den Rennsport entwickelter Wagen war im Oktober 1953 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt worden. Schon bald nach seinem Debüt erhielt der 550 die aus dem englischen Kutschbau stammende Bezeichnung »Spyder« (leichter, offener Wagen). Erfolgreich war der 550 Spyder auf vielen Rennstrecken. In Erinnerung geblieben sind zum einen die Carrera Panamericana 1954. Hans Herrmann belegte hinter zwei viel stärkeren Ferrari Platz drei im Gesamtklassement beim damals mit Abstand schnellsten und härtesten Straßenrennen der Welt. Unvergessen allerdings auch der Tod des Schauspielers James Dean. Am 30. September 1955 war Dean nach Abschluss der Dreharbeiten zu »Giganten« in Deans privatem 550 Spyder auf dem Weg zu einer Rennstrecke in Salinas (Kalifornien). Im öffentlichen Straßenverkehr nahm ihm ein Ford-Fahrer die Vorfahrt. James Dean konnte nicht ausweichen.

Auf der Solitude bleibt keine Zeit für solche Gedanken. Anbremsen für die Kurven am Hotel Schatten. Dann geht es hinunter in das Kurvengeschlängel im Mahdental. Jede Kurve ist ein bisschen anders, manchmal schwänzelt das Heck des 550 Spyder. Das Gas stehen lassen, wie die Herren vor mir es sicherlich tun? Besser nicht. Rechts oben im Wald stand ich 1962 bei Dan Gurneys Sieg im Formel 1-Porsche. Mein Vater fand es langweilig, die Rennwagen seien immer nur für höchstens eine Sekunde zu sehen gewesen. Das erzählte er noch nach Jahrzehnten. Ich fand es großartig! Erst auf der Zielgeraden sehe ich Lieb, Stuck, Röhrl und Ortelli wieder.

Dort wird das Feld zusammengeführt. Und dann geht es in die nächste Runde...

Zurück im Fahrerlager fragt mich Walter Röhrl: »Michael, bist mir nicht bös‘, dass ich Dich überholt habe?« Geschenkt, Walter.