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Bruce Brown: Surfing, schlamming, drecking

Zwei der ganz großen Kult-Dokus der 60er und 70er Jahre gehen auf Bruce Browns Konto. Mit dem zeitlosen Surf-Movie »Endless Summer« und dem oscarnominierten Motorradfilm »Ony Any Sunday« hat sich der Kalifornier vor vierzig Jahren zwei Denkmale gesetzt, die bis heute ihre Fans finden. Einen großen Anteil am Erfolg hatte Steve McQueen, der nicht nur Geld, sondern auch mächtig Gas gab.

»Hey, du brauchst nur ’ne gute Idee!«, lacht Bruce Brown über meine Frage, wie man denn einen ikonischen Film dreht, der locker vierzig, fünfzig Jahre überlebt, und das in unserer kurzlebigen Zeit. »Wenn du eine gute Idee hast, ist es nicht so schwer, einen guten Film zu machen.«

Mr Brown sitzt in seiner Ranch in der Nähe von Santa Barbara, Kalifornien, in einem jener bequemen amerikanischen Fernsehsessel, den man per Hebeldruck flachlegen kann, ein hölzernes Longboard über’m Kamin, gleich neben einer antiken Winchester, und grinst sich einen, aber eigentlich meint der 74-Jährige es sehr ernst. Die ehemalige blonde Elvis-Locke hat sich gelichtet, um es vorsichtig auszudrücken, die Ray-Ban wurde durch dicke BiFocals ersetzt, und das Beinkleid ist nicht mehr unterm Knie abgeschnitten, sondern sitzt erstaunlich hoch über der Taille, eine modische Unart von Senioren heutzutage, die dadurch abgemildert wird, dass Bruce – immer noch – am liebsten schlabbrige Hawaiihemden trägt, die den Gürtel der Jeans gnädig camouflieren.

Bruce Brown? Who the fuck is Bruce Brown?

Im Mainstream Amerikas von heute kennen nur noch wenige den Namen, und trotzdem haben zwei von Bruces Filmen die Kultur der Vereinigten Staaten radikal verändert. In »Endless Summer«, bis heute das ›Surfer-Movie‹ schlechthin, reiste ein knackiger 27-jähriger Bruce Brown (mit vollem Haupthaar) zwei Surfern auf ihrer Suche nach der perfekten Welle hinterher, von Kalifor¬niens San Diego über die Küste Südafrikas bis nach Australien und Neuseeland. Mit »On Any Sunday«, Browns genialem Rundumschlag über die Welt verrückter US-Motorbike-Racers aus dem Jahr 1971, setzte er sich ein Denkmal. Fast fünzig Jahre ist das jetzt her, und immer noch gilt Browns »Beliebiger Sonntag« als der Dokumentarfilm schlechthin über alles, was Durchgedrehte mit einer Stoppuhr, einem (sehr) langen Meterstab und zwei Rädern anfangen können. Okay, Bruces Oscar-Nominierung für »Sunday« ging in die Hose – er verlor ausgerechnet gegen einen Film über Killer-Insekten, und wenn das keine Ironie ist!

Aber das hielt den jungen Kalifornier nicht davon ab, »Endless Summer II« zu drehen und gleich mehrere »On Any Sundays« hinterher, plus ein paar »Baja 1000 Classics«, »Golden Years of Surf« und »The Edges« noch dazu, na ja, man merkt schon, wo’s hinging mit unserem Bruce, denn keiner seiner vielen anderen Filme erreichte je wieder den alten Kultstatus. Trotzdem. Im Zeitalter von X-Games, Jackass Movies und YouTube-Siebzig-Sekunden-Boogie Board-Wash-Outs hält sich der alte Krieger immer noch wacker. »Es erstaunt mich immer wieder, was die heute alles machen«, wundert sich Brown in seinem Fernsehsessel. »Als wir ›On Any Sunday‹ drehten, gingen die Trials über Baumstämme. Hah! Heute springen sie über Häuser, und Motorradrennen sind ein Millionengeschäft. Damals war Motocross ’ne Levi’s, ein T-Shirt und ein Helm. Früher hatte ja keiner Geld, heute haben sie alle Sponsoren und riesige Transporter.«

Früher, ja früher, da hätten sich einfach ein paar Freunde getroffen und Gas gegeben, aber dann wäre das Geld hinzu gekommen, und Motorradrennen hätten zum reinen Job evolviert.

Was sich anhört wie die selbstmitleidige Nostalgie eines alten Mannes, wie das Haare raufen, selbst wenn davon nur wenige übrig geblieben sind und das Gerede davon, dass früher sowieso alles besser war als heute, ist in Wirklichkeit mehr ein Wundern über die Existenz eines Publikums, das ihm immer noch die Stange hält. »Ich wollte eigentlich nur meine Liebe zum Sport filmen und realistisch zeigen, was Motorradfans an¬treibt«, sagt Brown und meint damit nicht nur Zwei- und Viertakter. »Ich wollte allen meine Freude an Motorradrennen zeigen, ich wollte die sensationelle Faszination für Jedermann erkennbar machen. Ich wollte eine Sportart legitimieren, einen Sport, der mehr Aufmerksamkeit und Fans verdient hätte«.

Damals jedenfalls.

Vor »On Any Sunday« galten Motorradfans als Krachmacher, Surfer vor »Endless Summer« als arbeitsunwillige Punks, Outsider in einer Gesellschaft, die vom Vietnamkrieg, Nixon und dessen »silent majority« geprägt war. Zu Browns Verdienst gehört es sicher, dass beide Sportarten im amerikanischen Mainstream heute mehr als akzeptiert sind, Anwälte als Biker durchgehen und Hedge Fond-Manager morgens in Malibu auf’s Board steigen. Mehr noch, ohne die vielen endlosen Sommer oder das fast halbe Dutzend Sonntage, gäbe es heute wohl weder X-Games noch Extreme Sports, Red Bull müsste sie erst erfinden. Trotzdem ist Bruce sein eigenes Pioniertum, sein Missionseifer nicht ganz geheuer. »Es fasziniert mich ohne Ende«, sagt er, »dass mich die Leute heute für den Paten des Extremsports halten.«

Den Respekt der nachfahrenden Generationen scheint sich Opa Brown verdient zu haben, und weder der Opa noch der Respekt ist ein Witz. Als das »Surfer Magazine«, jene trefflich, wenn auch unoriginell benannte US-Surfer Bibel, vor ein paar Jahren eine Geschichte über die einflussreichsten Surfer-Personalities aller Zeiten produzierte, war Bruce Brown, Sohn Dana und Enkel Wes eine ganze Doppelseite gewidmet. Der 1968 verstorbene Pionier des modernen Surfing, der Hawaiianer Duke Paoa Kahinu Mokoe Hulikohola Kahanamoku, musste sich mit nur einer Seite begnügen, und die war schon mit dessen Namensnennung gefüllt.

Einen gewissen, in Wahrheit einen gar hohen Anteil an Ruhm und Ehre des Bruce Brown gebührt sicherlich Steve McQueen. »Ich traf ihn zum ersten Mal in seinem Büro von Solar Productions«, erinnert sich der einstige Protégé des Superstars der 60er und 70er Jahre. Steve McQueens Vorliebe für alles, was von Verbrennungsmotoren angetrieben wurde (und das möglichst schnell), war ein sehr offenes Geheimnis in Hollywood, und so hätte er McQueen einfach mal angerufen um ihn zu fragen, ob er denn ein paar Dollar in Bruces Motorrad-Projekt investieren wolle. Die Studios wollten ihren Kassen¬magneten nur äußerst ungern physischer Gefahr ausgesetzt sehen und sah-en Steve in hoher Geschwindigkeit nur mit großem Magensäureeinsatz. McQueen hingegen rebellierte gerne offen gegen solch widrige Vorschriften – was, by the way, seinem öffentlichen Image nicht unbedingt schadete – und fuhr trotzdem weiterhin so schnell er konnte, und mit allem, was er unter den hochbezahlten Hintern bekam.»Er sagte mir, er bekomme normalerweise dafür Geld, in Filmen aufzutreten. ›Ich gebe mein Geld nicht dafür aus, in Filmen zu sein.‹ Aber einen Tag später rief er mich an und wollte mitfahren.«

Zwei durchaus öffentliche Rebellen hatten sich endlich getroffen.

Steve schoss das Produktionskapital für »On Any Sunday« vor, egal wie viel Brown von ihm verlangte. McQueen hätte ihm den ganzen Film vom Start an durchfinanziert, erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter des Hollywood Reporters heute an den oktanhaltigen Deal, aber Bruce hätte immer nur das verlangt, was er für die nächsten Drehtage benötigte. »Vollkommen untypisch für Hollywood«, kommentiert der Journalist. »Aber Bruce Brown gehörte niemals auch nur annähernd zur ›Hollywood crowd‹.« McQueens einzige Bedingung war seine Teil¬nahme als Biker, er würde auch sein eigenes Krad mitbringen – danke sehr! – gerne auch zwei, aber er wollte eben mitfahren. Um einen möglichen Fan-Ansturm bei den Dreharbeiten zu verhindern und wohl auch, um die Studios zumindest ein wenig in die Irre zu führen, fuhr Steve unter dem Pseudonym Henry Mushman für gute zehn Minuten durch Sanddünen und über Rennstrecken, ein Pseudonym, das die tatsächlichen Teilnehmer nur kurzfristig verwirrte – Brown hielt die Kamera auf seinen Star, so lange es der Anstand des Filmemachers zuließ.

Dreck und Schlamm und gleich darauf Schlamm und Dreck, unterbrochen von mehr Dreck und Schlamm, erinnert sich Bruce Brown heute an die Dreharbeiten. »Aber wir hatten auch einen Riesenspaß«, erinnert sich Brown. »Steve war unser Cheerleader. Er hatte immer gute Laune, und er war ein richtig großartiger Kollege.« Und er hätte sich aus all dem üblichen Ego-Getue herausgehalten – er wollte keinen Einfluss auf den Inhalt, und er sei weder bei der Vorproduktion, noch in der Phase der »post production« involviert gewesen. »Er wollte nicht mal wissen, was wir eigentlich vorhatten. Sag mir nur, wann und wo ich mich hinstellen soll, war alles, was er wissen wollte. Steve wollte einfach nur Motorrad fahren.«

Ziemlich genau das, was auch auf Bruces Arbeits¬plan stand. Es gab weder ein Script, noch genaue Drehpläne. »Kurz bevor wir mit den Dreharbeiten begannen«, sagt Brown, immer noch in seinem Fernsehsessel sitzend, »schrieb ich mir ein paar Ideen auf, aber die waren in dem Augenblick vergessen, in dem wir auf der Strecke waren.« Es gab kein Art Department, das die richtigen T-Shirts auswählte. Den ganzen Dreck hätten sie sich alle ganz alleine aus den Zähnen kratzen müssen, selbst McQueen hätte auf die üblichen Assistenten und Hanger-Ons verzichtet. Allerdings, das gäbe er zu, sei Steves T-Shirt jeden Morgen frisch gewaschen und gebügelt gewesen. Auch von Make-Up Artists und solchem Krams sei während der ganzen Zeit keine Spur zu sehen gewesen. Wen hätte er auch schminken sollen, amüsiert er sich und grinst. Es kommt hinzu, sagt Brown, dass er anfangs als Außenseiter unter den Bikern eh ein wenig geschnitten wurde. »Keiner der Fahrer respektierte mich«, sagt er und lehnt sich weit zurück. »Bis ich mir eines Morgens eine Helmkamera aufsetzte und splitternackt durch die Motel Lobby rannte.« Danach, so lächelt er in sich hinein, hätten sie ihn akzeptiert, die Fahrer, was zugegebenermaßen ein etwas seltsames Licht auf die Gemeinde der Motorradsportler der späten 60er Jahre wirft.

Heute hätte er keine Lust mehr auf Filme, meint er. Sein Sohn und sein Enkel hätten das übernommen. Eine Zeitlang fuhr er mit seiner Ehefrau als Co-Pilotin Rallyes an der Westküste, restaurierte alte Autos und Motorräder, aber die Gesundheit hat ein wenig nachgelassen, die Hüften sind ein wenig weiter geworden, und die Knie tun anständig weh, was Motorradfahren bekannterweise schwierig macht. Auf einem Surfbrett stand er schon lange nicht mehr. »Als meine Frau Krebs hatte, wollte ich nicht surfen, sondern mich um sie kümmern. Als ich dann wieder surfen wollte, war ich so außer Form, dass ich Angst hatte, ich würde mich umbringen da draußen«, sagt Bruce Brown, nicht ohne sichtliches Bedauern. »Ich habe die besten Stories schon im Kasten. Ich bin fertig damit.«

Bruce Brown starb im Dezember 2017. Er wurde 80 Jahre alt. In einem Nachruf bezeichnete ihn die New York Times als »the unofficial poet of the sports world.«