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Stille Nacht: mit Michael Mauer im Taycan

Stille Nacht? Elektrische Nacht. Heute hören wir ganz genau hin, denn es lohnt sich: ein Gespräch mit Michael Mauer, VW-Konzerndesignchef und Chefdesigner von Porsche. Über? Stille. Im Taycan.

Interview: Michael Köckritz Foto: Stephan Bauer 23.12.2019 5 min

Heute ist alles anders. Der Fahrer sehnt sich nicht nach dem Hörgenuss der hohen Drehzahlen des 911 GT3 RS. Er genießt genau das Gegenteil, die Stille des Taycan. Die schärft Sinne und Wahrnehmung. Von Baden-Baden aus geht es auf 16 kurvigen Kilometern, die 500 Höhenmeter überwinden, hinauf auf einen Bergsattel mit dem Namen Rote Lache. Er begrenzt das Nordschwarzwälder Murgtal an seiner Westseite. Es ist eine Hausstrecke von Michael Mauer, VW-Konzerndesignchef und nach wie vor Chefdesigner von Porsche.

So ziemlich jeden Porsche und so manchen anderen Sportwagen hat Mauer hier durch die Kurven gejagt. Ein perfektes Referenzsystem. Bei seiner ersten Fahrt mit dem Porsche Taycan auf dieser Schwarzwaldstrecke nehmen wir auf dem Beifahrersitz Platz, und das iPhone hat endlich einmal ideale Bedingungen, alle Antworten auch gut aufzuzeichnen.

Herr Mauer, wie empfinden Sie das Fahren mit einem Auto?

Für mich ist das Auto schon immer ein Rückzugsort gewesen. Das macht auch den Reiz der individuellen Mobilität aus. Wo bin ich noch ganz alleine und oft auch ganz bei mir, wo kann ich für mich spontan entscheiden, ich will jetzt losfahren, genau jetzt und von hier nach dort?

Im Taycan fehlt das gewohnte Motorengeräusch, fehlt es Ihnen?

Das Fehlen des Motorengeräuschs ist eine neuartige Erfahrung, ist ein neues sinnliches Erlebnis für jemanden, der mit Verbrennungsmotoren groß geworden ist. Ich hatte geglaubt, die Geräuschkulisse des Motors zu vermissen. Aber das ist nicht so. Ich nehme alles noch intensiver wahr als sonst. Mit dem Effekt, dass du das Auto, das Fahren und auch dich selbst plötzlich noch fokussierter erleben kannst. Ich möchte sagen, das ist fast wie Yoga.

Ist dieses Fahren ohne Verbrenner-Sound ein meditatives Erlebnis, oder übertreiben wir jetzt?

Nein, das tun wir nicht. Einschränkend möchte ich aber sagen, dass Autofahren ganz grundsätzlich für mich meditative Züge hat. Die werden durch die Stille noch hervorgehoben. Umso mehr kann ich meinen Gedanken nachhängen, auch weil bei mir meistens das Radio aus ist.

Werden wir uns gerne an den Sound der E-Mobility gewöhnen?

Irgendwann wird es eine Generation geben, die von der Geräuschbelastung eines Verbrennungsmotors irritiert wird. Es hat etwas Befreiendes, nur wenig zu hören. Es wäre spannend zu wissen, was geschieht, wenn eines Tages der gewohnte Klang der Elektromotoren von einem einsamen Verbrenner durchschnitten wird. Wird der Fahrer dann mit Eiern beworfen oder faulen Tomaten? Vielleicht auch nicht, schließlich ernähren wir uns in 50 Jahren nur noch mit Instant-Pülverchen.

Ruhe außerhalb des Autos?

Wenn ich nicht im Auto bin, finde ich die Ruhe in der Natur, ich sitze gerne oben auf dem Berg und lasse meine Gedanken schweifen. Das gelingt am besten dort, wo allenfalls Töne der Natur die Geräuschkulisse bilden.

Gehen wir noch einen kleinen Schritt weiter, was bedeutet Stille für Sie?

Zunächst geht es um die Abwesenheit von irgendwelchen Geräuschen und der allgemein sehr bestimmenden Reizüberflutung. In Momenten der Stille habe ich die Chance zum Nachdenken, ich kann reflektieren und in mich hineinhören. Wenn der ganze Lärmpegel um mich herum fehlt, höre ich meine eigene Stimme besser. Die wird in der permanenten Alltagshektik mit all ihren Geräuschfacetten gerne überhört. So gesehen bietet Stille eine wichtige Grenzerfahrung. Überhaupt ist Stille aber auch essenziell, um sich konzentrieren zu können. Sie nimmt den Druck von uns, der durch den Lärm von außen entsteht. Diese Erholungsphasen sind wichtig für unser Wohlbefinden, darüber hinaus aber auch für unsere Fähigkeit zu denken. Die Stille bietet einen Ruhe- und Erholungsraum und sollte ein fester Bestandteil des Lebens sein. In der Stille kann ich erst aufnehmen, was mein Unterbewusstsein an Ideen und an Kreativität für mich bereit hält. Stile ist eine wichtige Voraussetzung für kreative Prozesse. Dostojewski schrieb übr diese Momente: »Es gibt Augenblicke, da bleibt die Zeit stehen und es wird ewig«.