Sleeping Beauties: ein Besuch im Lager des Porsche Museums

Sleeping Beauties: ein Besuch im Lager des Porsche Museums

Lager haben etwas Magisches. Gilt dann insbesondere für das Lager des Porsche Museums. Zu Staub verdichtete Zeit triggert hier einen flüssigen, wenn auch stummen Dialog zwischen Kopfkino und Eindruck. Auf zigtausend Quadratmetern stehen Ikonen, Einzelstücke, zugedeckte Renntiere und Spantenmodelle. Mithin ein Porsche Museum ohne Chic. Dafür mit reichlich Charme.

Text: Jo Clahsen Foto: Steffen Jahn 5 min

Sleeping Beauties: ein Besuch im Lager des Porsche Museums

Selbst das neunmalkluge Wikipedia ist unsicher, bietet sieben Optionen und vier verschiedene Schreibweisen an für den Ort, in dem sich das Lager mit den Schätzen des Porsche Museums befindet. Wobei es beileibe kein Manko ist, wenn der Name nicht geläufig ist. Und außerdem ist der Zugang in dieses Kaleidoskop der Porsche-Geschichte streng reguliert. Geht allerdings, nach Eingabe eines mehrstelligen Pins das schwere Eisentor auf, stockt der Atem.

Sleeping Beauties: ein Besuch im Lager des Porsche Museums
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Weil viele der älteren und alten Kostbarkeiten mit Tüchern abgedeckt sind, so wie früher die Möbel in der guten Stube, zuckt der eine oder andere Finger, um mit flinkem Griff mal kurz unter diese Stoffhaube zu schauen. Hier ein Lada – ja richtig, es gab da mal eine sehr kurzfristige Kooperation –, da ein 356, der einst einem Diplomaten aus Österreich gehörte.

Sleeping Beauties: ein Besuch im Lager des Porsche Museums

Auch ohne Schutzhüllen entstehen Bilder im Kopf. Weil das Licht aus den großen Fenstern Formen zeichnet, die vertraut sind. Vielleicht noch in Schwarz-Weiß. Oder als Farbabzug aus einem chemischen Film. Bilder von Rennen, bei denen Porsche rund um den Globus brillierte. Renn-Tiere oder Rallye-Ikonen, die mit Namen wie Mario Andretti, Jacky Ickx oder Walter Röhrl in Verbindung stehen.

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Teils sind sie in Regalen integriert, wie Matchbox-Spielzeug, das man mit zwei spitzen Fingern aus der Box nehmen und dann auf die Slotrace-Anlage stellen könnte. Mit Original-Aufklebern von Sponsoren wie etwa Blaupunkt, einer Firma, die es schon seit Jahren nur noch als Randerscheinung gibt. Formel-Fahrzeuge oder Indy-Renner, wie sie nur noch denen vertraut sind, die schon etwas länger leben oder sehr affin zur Marke Porsche sind und das Geschehen der letzten Jahrzehnte verfolgt haben. Wie zum Beispiel die zwei 804 – zwei von insgesamt drei gebauten Exemplaren. In ihnen steckt ein 8-Zylinder Rennmotor mit lediglich 1,5 Liter Hubraum. Teuflisch gefightet haben die Piloten auch damals schon, wie der Schleppzeiger des Drehzahlmessers unter Beweis stellt: 9.000 Umdrehungen hat der Pilot dem Boliden zugetraut. Es riecht fast nach Adrenalin. Nach Herzblut, Mut und verbranntem Rennbenzin.

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Ganz in der Nähe ein sogenannter Langzeit-Testwagen, ein 944 S, der in nur einem Jahr so viel Kilometer herunter geschrubbt hat, als wäre er zum Mond geflogen: 365.000 Kilometer. Jeden Tag 1000 Kilometer. Respekt. Oder, wer denn das Auge dafür hat, ein 917-30 mit der Fahrgestellnummer 001. Er wartet. Ist quasi Work in Progress. Irgendwann wird er wie frisch gefertigt vielleicht ins richtige Museum kommen. Oder noch einmal auf breiten Rennwalzen um Kurven fliegen, wie weiland Willi Kauhsen am Nürburgring.

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Erste Endorphinschübe vermischen Erinnerung und Realität. Auf der Augen-Hornhaut entstehen allmählich Schwielen angesichts dieser geballten Ladung Porsche-Power. Der brutale Klang der einzelnen Renner wird aus den tiefsten Tiefen der Festplatte im Kopf noch einmal hochgeladen. Grandios, das.

Aber was, zum Teufel, macht denn die G-Klasse in Kallenberg? Verirrt aus Untertürkheim? Mitnichten. Dieser unkaputtbare Kraxler mit der Rothmans-Beklebung – ja, damals gab es noch Zigarettenreklame bei Rennveranstaltungen – diente den Technikern bei der Paris-Dakar als Transportmittel und Lieferwagen. Natürlich nicht im Originalzustand, sondern ausstaffiert mit dem Motor eines Porsche 928. Voll gepackt mit Ersatzteilen für den siegreichen Jackie Ickx im Allrad-Porsche.

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Und was ist das da? Hat Porsche etwa auch Motorräder gebaut? Ja, eines. Ein Porsche-Ingenieur namens Hess, wahrscheinlich Motorrad Freak, hat es sich nicht verkneifen können, den Motor von einem Porsche 356 in ein Motorrad einzupflanzen. So ähnlich wie bei der Münch-Mammut mit dem Motor des NSU TT. Gefühlte 300 Kilo schwer und somit kaum serientauglich.

Und Diesel? Auch das hat Porsche früh drauf gehabt. Allerdings als Traktor und kaum schneller als ein Radfahrer. Der Traktorbau hat bei Porsche eine Tradition, die bis in die 1950er des vergangenen Jahrhunderts reicht. Heute feilschen Sammler um die Zugmaschinen, die sie schmeichelhaft Rotnasen nennen.

Und zwischen einer Studie zur Gruppe B in Perlmuttweiß, einem 911 Baujahr 1965 aus Hawai mit Surferaufkleber, einer Aerodynamikstudie von 1984 und Pinky, dem schweinchenrosafarbene Racer aus dem Porsche 944 Turbo-Cup sowie einem Windkanalmodell des RS Spyder, steht auch noch ein 968 Roadster, ganz klar ein Einzelstück. Oder der 924 Carrera GTS, der extra für Walter Röhrl aufgebaut worden ist, weil Mercedes ihm kein rennfertiges Fahrzeug zur Verfügung stellen konnte.

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Genug? Tja, das Auge wird müde. Aber auch genug, um ein eigenes Museum zu bestücken. Ohne Sitzgruppen und Schrifttafeln. Dafür aber mit sogenannten soft restaurierten Porsche wie den allradgetriebenen Renner der Paris Dakar, der fast so da steht, wie er damals siegreich über die Ziellinie strebte. Ein riesiger Himmel auf Erden für Porsche-Fans, die keine Angst vor staubigen Fingern haben, der aber leider für das große Publikum verschlossen bleibt. Und die Hölle für Wikipedia, das zwar auf fast alle Typenbezeichnungen eine Antwort weiß. Aber eben nicht hundertprozentig sicher ist, wo dieser Ort eigentlich liegt, wo diese Typen gut gehütet vor den Augen der Öffentlichkeit stehen.

Jetzt nur noch schnell die Tücher wieder auf die Preziosen zurücklegen. Und dem »Lager« seine gewohnte Ruhe gönnen.

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