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Simon says: »Meinen 911 2.7 RS werde ich nie hergeben.«

Simon Kidston, Autosammler und -händler, Kommentator, Journalist, Influencer und nicht zuletzt Neffe von Glen Kidston, einem der legendären Bentley Boys, sagt: »Ich gebe jedes Auto her, nur meinen Porsche 911 2.7 RS von 1973 nicht.« Der Grund ist eine ganz besondere, 46 Jahre andauernde Familiengeschichte.

Interview: Matthias Mederer Foto: Simon Kidston 05.02.2019 8 min

Ist der Porsche 911 2.7 RS von 1973 das beste jemals in Deutschland gebaute Auto?

Ich wünschte, ich könnte behaupten, jedes deutsche Auto gefahren zu sein, aber so ist es leider nicht, und ich denke, ich werde das auch nicht mehr schaffen. Aber ich bin sicherlich eine gewisse Bandbreite gefahren – angefangen bei diversen Mercedes SL, ich bin das Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut-Coupé gefahren (geschätzter Wert ca. 100 Millionen Dollar, Anm. d. Red.), eine meiner aufregendsten Erfahrungen. Natürlich bin ich auch einige weniger spektakuläre deutsche Autos gefahren, und einer meiner Daily-Driver ist ein 300 SL Gullwing. Wenn Du mich jetzt aber fragst, bitte suche Dir ein einziges Deiner Autos aus, das Du behalten darfst, dann würde ich tatsächlich den 2.7 RS wählen.

Und dafür würdest Du welche Autos abgeben?

Naja, unter anderem einen McLaren F1, den Lamborghini Miura SV und auch einen alten Bugatti.

Und das alles, um den 2.7 RS zu behalten?

Es ist natürlich nicht nur das Auto. Es ist eine Kombination aus der Faszination für das Auto und der emotionalen Verbindung zu ihm. Dieser 2.7 RS ist seit vielen Jahrzehnten im Besitz unserer Familie, ich habe das Auto von meinem Vater übernommen. Da hängen also schon ein paar gute und sehr persönliche Erinnerungen dran. Ich erinnere mich zum Beispiel, als wir das Auto bekommen haben, da war ich noch ein Kind, ich bin mit meinem Vater damit zur Schule gebracht worden, wir sind auf der deutschen Autobahn 1985 Vmax gefahren, da waren wir gerade auf dem Weg nach Zuffenhausen, hatten das ganze Auto voll Gepäck und mein Vater saß mit silbergrauem Haar im Alter von 74 Jahren ganz ruhig am Steuer, während ein junger Fahrer eines Porsche 928 neben uns fuhr, um zu sehen, wer schneller ist.

Erinnerst Du Dich noch an Deine erste Fahrt mit dem 2.7 RS?

Oh ja! Mein Vater war geschäftlich verreist und unser Porsche Händler rief an und meinte, eine Inspektion stünde an. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass ich doch hinfahren könnte. Sie zögerte kurz, dann gab sie mir den Schlüssel. Ich bin ganz vorsichtig losgefahren und dachte mir: Ach, das geht ja alles ganz einfach. Also bin ich ein bisschen schneller geworden und noch ein bisschen schneller. Irgendwann kam eine Kurve, und da habe ich gemerkt, wie sehr das Auto zuerst untersteuert. Das hat mir ein bisschen Respekt eingeflößt.

Fährst Du viel mit dem RS?

Es geht so. Ich habe das Auto in England, es ist ein Rechtslenker. Wenn ich in Europa bin, dann fahre ich ihn tatsächlich regelmäßig, und jedes Mal überrascht es mich aufs Neue, wenn ich den Wagen nach der Fahrt abstelle und denke: was für ein geniales Auto!

Braucht der RS viel Pflege und Aufmerksamkeit?

Überhaupt nicht. Ich kann behaupten, in den 46 Jahren, seit denen ich mit diesem Auto lebe, machte nur einziges Mal das Schiebdach Probleme. Das war’s. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner Mutter unterwegs war und es zu regnen begann. Wir haben dann spontan bei einem zufällig auf dem Weg gelegenen BMW-Händler angehalten, und ein Mechaniker hat das mit zwei, drei Handgriffen wieder repariert.

Ist es eine Liebebeziehung?

Kann man so sagen. Wenn ich die Garage aufsperre und das Auto sehe, dann muss ich immer lächeln. Es macht mich tatsächlich glücklich. Ich liebe das Geräusch, das die Türen beim Öffnen und Schließen machen, der Geruch im Auto, der eigentlich immer noch nach Neuwagen riecht, die Sitze, die sehr gut sind, auch auf langen Strecken, der Sound beim Anlassen. Das alles weckt schon sehr schöne Gefühle. Und dann natürlich das Fahren! Der lange, dünne Schalthebel, die sehr sensitive Lenkung, man braucht ein bisschen, um sich daran zu gewöhnen; das Auto untersteuert wie gesagt erst ein wenig, und dann übersteuert es in der Kurve, aber es spricht sehr direkt und ehrlich zu dir. Und natürlich der Motor. Ab 4.000 Umdrehungen geht es richtig los, und er ändert seinen Charakter deutlich und dreht gierig bis 7.500. Das macht wirklich süchtig. Speziell auf einer schönen Passstraße.

Auch auf der Rennstrecke?

Das kann ich nicht sagen. Ich war mit diesem Auto noch nie auf der Rennstrecke. Aber an der Stelle vielleicht noch kurz eine Anekdote am Rande: Bevor mein Vater den RS gekauft hat, fuhr er einen 911 S von 1967. Sein Händler rief ihn damals an und bot ihm einen RS an, er meinte, es würden nur 200 Stück gebaut und das wäre eine gute Gelegenheit.

Ein freundlicher Händler.

Abwarten. Mein Vater nahm das Angebot auch an, wünschte sich aber eine bestimmte Pale-Yellow-Farbe, die er an einem anderen Auto gesehen hatte. Der Händler meinte, das wäre kein Problem, doch als wir den RS dann bekommen haben, hätte mein Vater beinahe einen Herzinfarkt bekommen, denn die Farbe an diesem RS sah ganz anders aus. Wie dem auch sei, er arrangierte sich irgendwie damit und der RS war tatsächlich das einzige Auto, das er nie verkauft hat. Alle anderen Autos hat er immer für ein paar Jahre behalten und dann wieder verkauft.

Stattdessen hast Du es geerbt.

Richtig. Vor einigen Jahren habe ich den RS dann lackieren lassen, da der Zustand der Farbe nicht mehr so toll war, da rief mich der Lackierer an und fragte, ob der Wagen schon mal lackiert worden war? Ich sagte nein, er meinte, unter der Lackierung sei nämlich eine andere, eine Pale-Yellow-Lackierung. Im Grunde genau die Farbe, die mein Vater gerne gehabt hätte. Für mich ist das bis heute ein Mysterium, wie das alles zustande kam.

Dabei ist die Farbe eigentlich ziemlich cool.

Ja, heute. Damals in den 70er-Jahren war sie not very fashionable, wie wir in England sagen.

Eignet sich der 2.7 RS als Daily-Driver?

Absolut. Du kannst alles mit diesem Auto machen. Einkaufen, die Kinder zur Schule fahren, lange, ausgiebige Touren, zur Arbeit fahren ... Er hat sogar Stauraum, zumindest wenn man nur zu zweit unterwegs ist. Man bringt sehr viel Gepäck unter. Ich erinnere mich an eine Tour mit Freunden 1995 von St. Tropez nach London. Wir waren zu sechst, drei Männer, drei Frauen, und meine beiden Freunde hatten zwei Ferraris, einen damals neuen 355 und einen 348. Wir hatten zwei herrliche Wochen in St. Tropez verbracht, viel Party und so weiter. Es war toll. Aber dann mussten wir zurück und unsere Fähre von Calais nach Dover erwischen, und wir waren spät dran. Einer meiner Freunde meinte dann, dass jeder für sich fahren solle, so hätten vielleicht wenigstens die beiden Ferraris eine Chance, die Fähre zu erwischen, zumal wir im Porsche ja auch noch das ganze Gepäck hatten.

Tolle Freunde.

(lacht). Zwei Playboys eben. Wir sind dann losgefahren und ich konnte an den Ferraris dranbleiben, wenngleich ich fast die ganze Strecke hart am Drehzahlbegrenzer gefahren bin. Und wir haben es geschafft! Zwei Minuten bevor die Fähre ablegte. Ein irrer Trip an einem sehr heißen Tag. Ich sehe heute noch die wabernde Hitze über dem Heck des RS vor mir. Aber er hat mich nie im Stich gelassen.

Fährt man automatisch schnell mit dem RS?

Ich würde sagen, da gibt es andere Porsche, die einen mehr zum schnell Fahren verleiten. Ich bin mal mit einem Porsche 959 S gefahren, und mit dem fährst du wirklich schnell. Nur ein einziges Wochenende hat mir drei Punkte eingebracht.