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Sea You Soon, oder: eine kurze Geschichte des Surfens

Ein Gott, der erschlagen wird, weil er kein Gott ist. Ein gescheiterter Schauspieler. Ein japanischer Einwanderersohn, der Angst vor dem Wasser hat. Nur ein paar Beispiele, die zeigen: Die Geschichte des Surfens ist vor allem die Geschichte ganz spezieller Typen.

Text: Jack Weil Foto: Presse 15.05.2020 3 min

Wie kein Zweiter hatte der Seefahrer und Entdecker James Cook die Welt seinerzeit bereist und kartografiert. Auf seinen Reisen durchkreuzte er alle Ozeane, entdeckte Länder – und das Surfen. Er gilt als erster Europäer, der 1776 auf Hawaii Eingeborene dabei beobachtete, wie sie auf Wellen reiten. Drei Jahre später erschlagen ihn eben diese Eingeborenen. Sie waren skeptisch geworden, als Cook kurz nach seiner Abreise mit einem gebrochenen Mast wieder zurückkehrte, um diesen zu reparieren. So etwas, dachten sich die Einheimischen, passiert einem Gott nicht. Nach ein paar Diskussionen überprüften sie die Göttlichkeit mit altbewährten Methoden. Und Cook war tot.

Es geht beim Surfen nicht um Leben oder Tod. Das wäre zu einfach. Wer versuchen will, Surfen mit einem Satz auf den Punkt zu bringen, kann genauso gut auch einen Stein ins Meer werfen und versuchen, damit das Wasser zu beeindrucken. Gern heißt es, Surfen sei gar kein Sport, sondern eine Lebenseinstellung, ein symbolhafter, schwereloser Lebensstil, beflügelt von Wind und Wellen, endlosen Sommertagen und dem Eindruck kilometerlanger Sandstrände. Stimmt – aber eben nur auch. Vor allem lebt das Surfen nämlich von den Typen und ihren Geschichten.

Wie die von Tom Blake zum Beispiel. Der zog Anfang des 19. Jahrhunderts nach Los Angeles, um Schauspieler zu werden, verdingte sich übergangsweise als Rettungsschwimmer und war ein begabter Surfer. Darüber hinaus dachte er über die Beschaffenheit des Surfbretts nach und erfand die Finne, die dem Brett mehr Stabilität und eine bessere Manövrierfähigkeit verlieh. Damit revolutionierte er das Surfen und etablierte gleichzeitig als einer der Ersten den Surfer-Lifestyle. Nur als Schauspieler machte er nie von sich reden. Oder die Geschichte von Minoru Nii, ein auf Hawaii geborener Sohn eines japanischen Einwanderers, der Angst vor dem Wasser hatte, aber die ersten brauchbaren Boardshorts erfand.

Und dann sind da natürlich auch die Filmgeschichten. Sean Penn als Jeff Spicoli in »Fast Times at Ridgemont High« von 1982, in dem er den legendären Satz sagt: »All I need are some tasty waves, a cool buzz, and I’m fine.« Oder Keanu Reeves und Patrick Swayze in »Gefährliche Brandung« von 1991.

Alle Geschichten zusammenzutragen ist sicherlich unmöglich. Zwei Bücher versuchen es trotzdem. Und zweifelsfrei kommen die beiden Werke dem Kern des Surfens so nah wie noch nie zu vor. Wer es nach der Lektüre dieser beiden Bücher noch immer nicht begriffen hat, der darf weiter Steine ins Meer werfen.

JIM HEIMANN: Surfing. 1778–2015. Taschen. 150 Euro

Solch ein Buch über das Surfen gab es noch nicht. Auf 600 Seiten presst Jim Heimann ein Lebensgefühl in Buchform und trägt mehr als 200 Jahre Surfkultur zusammen.

ANDREW GROVES, MAXIMILIAN FUNK: Surf Odyssey – The Culture of Wave Riding. Gestalten. 39,80 Euro

Typen, Typen, Typen. Surf Odyssey macht ein Lebensgefühl dort fest, wo es sich mit Salzwasser, Sand und Sonne in die Gesichter zeichnet.