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Road Movie: Fahren, um zu fahren.

Nirgends ist Autofahren schöner als im Film. Und nie wieder wurde konsequenter nirgendwohin gefahren als im Road Movie. Und im Sommer.

Text: Peter Lau Foto: Daniel Espírito Santo 15.10.2020 17 min

Irgendwie waren immer alle unterwegs damals, lange vor jeder Zeitrechnung. Das war der Lebensstil. Später nannte man sie Jäger und Sammler, aber niemand weiß, wie sie sich selbst bezeichneten. Als Freigeister? Freaks? Easy Rider? Vor rund 10000 Jahren war dann jedenfalls Schluss: Ackerbau und feste Siedlungen waren die neuen Hauptstraßen der Evolution, Viehzucht und einige primitive Techniken kamen hinzu, und so sah es für einen kurzen Moment, für nur wenige tausend Jahre, tatsächlich so aus, als wäre das Leben ganz simpel. Die Menschen arbeiteten, vermehrten sich und saßen ansonsten stumpf rum, ein Zustand, den wir noch heute in Erinnerung an unsere Ahnen „stoned“ nennen. Doch nicht alle trauten dem Frieden. Einige Easy Rider hockten abends vor ihren Hütten und starrten auf den Horizont, hinter dem die Welt in einem Abgrund endete, und während sie an ihren Nachtmahlknochen nagten, erhob sich in ihnen das merkwürdige Gefühl, etwas ganz Wichtiges verloren zu haben. Es war, als würde ein gigantisches Gewitter aufziehen, ein Tosen lauter als viele Mammuts, das das Leben unendlich kompliziert machen würde, voller Absprachen und komplexer Regeln. Und sie hatten Recht. Das fahle Licht in der Ferne war kein Wetterleuchten. Es war die Dämmerung der Zivilisation.

Niemand hat etwas gegen den Fortschritt. Nur ist das Neue bloß stets eine wenig fragwürdig, weil man es nicht kennt. Als die ersten Eisenbahnen neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellten, hieß es, Menschen würden sterben, bewegten sie sich schneller als mit 30 Stundenkilometern. Als die Brüder Lumière während ihrer frühen Filmvorführungen 1895 die Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof zeigten, stürzten die Zuschauer in Panik aus dem Saal, aus Angst, der Zug würde sie überrollen. In Hongkong bezahlte der Besitzer des ersten Kinos drei Wochen lang seine Mitbürger, damit sie sich Filme ansahen, um ihnen die Angst zu nehmen, die Schatten auf der Leinwand würden über sie herfallen. Später fanden es dann aber alle toll. Die Geschwindigkeit und das künstliche Bild waren die Sensationen der Neuzeit, unheimlich und faszinierend, erst recht zusammen. Bald rasten Männer in Flugzeugen, Zeppelinen, Zügen, Schiffen, sogar in der Wuppertaler Schwebebahn, vor allem aber in Autos über die Leinwand – was für ein Temporausch, den wollte jeder erleben. Das Kino startete als Spektakel und ist dieser Tradition bis heute treu geblieben: Immer noch leben die meisten Blockbuster von hoher Geschwindigkeit und nie gesehenen Attraktionen, von Hormonen, die in schweißnassen Armlehnen versickern, und einem Tempo, das keinen Moment die Frage nach einem Sinn aufkommen lässt.

Schön ist es, unterwegs zu sein, aber leider kommt man irgendwann irgendwo an. Vor der Ankunft ist Platz für Hoffnung: Ein unbekannter Ort könnte eine neue Heimat werden, ein kleiner Job ein großer Sprung in der Karriere, ein fremder Mensch eine Liebe fürs Leben. Doch kaum angelangt, hält neben dem optimistisch in die Sonne blinzelnden Reisenden schon eine zweite Kutsche und ihr entsteigt… Mutter! Na ja, die Vergangenheit eben. Das Elend. Und es geht weiter wie bisher. Besser also, man bleibt unterwegs und verschiebt die Ankunft auf das nächste Leben. Ein Fall für die Traumfabrik.1934 kam „It Happened One Night“ von Frank Capra in die Kinos. Niemand erwartete von der kleinen Komödie besonders viel, die Hauptdarsteller Clark Gable und Claudette Colbert hatten, so hieß es, ihre beste Zeit bereits hinter sich, und die Story war dünn: Ein Reporter trifft im Überlandbus eine ausgerissene Millionärstochter, die von ihrem Vater landesweit gesucht wird, die beiden fliehen gemeinsam durch die USA, verlieben sich, verlieren sich und finden schließlich doch zueinander. Doch zur allgemeinen Überraschung wurde der Film ein Riesenerfolg. Er bekam mehrere Oscars und ging zudem mit seinen rasanten und pointierten Dialogen als erste Screwball-Komödie in die Filmgeschichte ein. Er war aber auch der erste Road Movie, allerdings ein sehr untypischer: Es gab ein Happy End. Und benutzt wurden vor allem öffentliche Verkehrsmittel.

Der Traum des Road Movie ist der Traum von der Flucht: schneller sein als der Alltag – und Mutter! Die große Zeit des Road Movie waren die 60er und 70er Jahre, damals wurden die Regeln und Grenzen des Genres festgelegt. Grundsätzlich geht es um Flucht und Verfolgung: Der Held wird gehetzt, weil er gegen das Gesetz verstoßen hat, manchmal weil er ein Gangster ist, meistens aber nur, weil er andere Vorstellungen vom Leben hat als die anderen. Die anderen, das sind Mutter, der Sheriff, die Regierung, die Banken, die Ex-Frau, die Bevölkerung, kurz alle, die sich zwischen den Helden und seine Freiheit stellen. Der Held könnte dagegen vieles tun, er könnte sich wehren, diskutieren, Verbündete suchen, einen eigenen Staat gründen oder in einer Talkshow auftreten, doch das fällt ihm nicht ein. Abgestoßen von einer Gesellschaft, die ihm das Leben schwer macht, indem sie zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzungen einführt, springt er ins Auto und gibt Gas: Woanders ist es bestimmt besser! Mutter, der Sheriff, die Ex-Frau und all die anderen brettern hinterher, auch ihnen ist eine etwas ungesunde Fixierung auf das Auto anzumerken, und dann gibt es eigentlich nichts mehr zu sehen außer Auffahrunfälle und Statisten, die im letzten Moment zur Seite springen. Richard Sarafians 1971 erschienener Film „Fluchtpunkt San Francisco“ ist typisch: Vietnam-Veteran Kowalski (Barry Newman) wettet, dass er ein Auto in 15 Stunden von Denver nach San Francisco bringen kann. Schnell fällt er durch sein hohes Tempo auf, bald ist die Polizei hinter ihm her, und als er trotz aller Fahrkünste nicht mehr entkommen kann, rast er mit Vollgas in eine Straßensperre, die so fett und böse die Sicht auf den Horizont versperrt, dass man sofort weiß: Das ist ein Symbol! Die PS-Tragödie erregte damals bei den jüngeren Zuschauern Empörung, sogar Abscheu, waren sie doch alle irgendwie Kowalskis, die um ihre Freiheit, sprich Jeans und lange Haare, kämpfen mussten. Hätten die Bullen bei ihnen nicht ohnehin schon verschissen gehabt, wäre spätestens nach dem Kinobesuch die Sache klar gewesen: Die Schweine haben den (den? uns!) umgelegt, und nur wegen zu schnellem Fahren!“ „Ja, ey, aber er ist aufrecht gestorben, wie ein freier Mann!

Geld, Schrift und andere Kulturleistungen schufen vor rund 5000 Jahren die Grundlage unserer Zivilisation, die von ihren Mitgliedern bis heute zunehmend komplexere Verhaltensweisen fordert. Dagegen gab es kaum Widerstand, vermutlich, weil der Überblick fehlte. Als endlich einigen dämmerte, was passiert war, war es zu spät: Die Zeit, als das Großhirn als Spielzeug für Schwächlinge galt, weil echte Männer mit dem Stammhirn jagen, war vorbei. Und weglaufen ging nicht, denn die Welt war rundum zivilisiert. Aber vielleicht wegfahren? Das ist der Mythos des Road Movie. Man könnte jeden dieser Filme auch mit Fußgängern erzählen, etwa „Bonnie und Clyde“ von Arthur Penn mit Faye Dunaway und Warren Beatty, eine längliche Geschichte über ein gutherziges Paar, das von der Armut in der Provinz erschüttert ist und schließlich wegen Kleinigkeiten (Banküberfälle) vom Schweinesystem niedergemacht wird. In der Steinzeit wäre Faye Dunaway zu Fuß im Fellbikini unterwegs gewesen, hinter ihr eine speerwerfende Horde auf Plattfüßen. Das funktioniert bloß nicht, weil es stets einen technologischen Vorsprung geben muss. Der Held hat immer das bessere Auto oder zumindest ist er der bessere Fahrer. Dahinter steht die Hoffnung, mit Hilfe der Technik den Folgen der Technik, der Gesellschaft, zu entkommen.

In ihrer verkehrs- und abbiegungsfreien, also reinsten Form ist eine Straße so simpel wie der Denkprozess eines Reptils: Flucht oder fressen, gehen oder bleiben – es braucht nur einen Impuls, der die Bewegung in Gang setzt, der Rest folgt einer zwingenden Linie, zum Beispiel der des Asphalts. Im menschlichen Gehirn kommen solche Impulse aus dem Stammhirn (auch Reptiliengehirn genannt). Es handelt, während das Großhirn noch hadert, und sorgt so für schnelle Reaktionen – Wettrennen werden im Stammhirn gewonnen. Meistens werden die Verhältnisse im Road Movie allerdings noch unter Reptilienniveau abgehandelt, denn eine Wahl gibt es in der Regel nicht. Jeder Highway wird zur Einbahnstraße, sobald Mutter im Rückspiegel erscheint. Und jede Straße vor dem Wagen verwandelt sich in einen Pfeil, der auf den Horizont zeigt, sobald man die Fluchtperspektive für die Realität hält. Nur wenn sich mehrere Straßen treffen, wird es für das Stammhirn zu kompliziert. Deshalb spielen fast alle Road Movies auf dem Land, bevorzugt in der Wüste, wo nichts an die Zivilisation und ihre üblen Tricks (Diskussionen, langfristige Absprachen, Verantwortung) erinnert. Die wenigen Ausnahmen machen die Genre-Regeln umso deutlicher: In „American Graffitti“ porträtierte George Lucas 1973 eine Gruppe Jugendlicher während der Nacht ihres Schulabschlussballs, in der sie bis zum Morgen durch die Stadt fahren: Das Straßennetz spiegelt das Beziehungsgeflecht, die Autos sind Ausdruck von Persönlichkeit und Medium der Begegnung. Am Schluss gibt es ein illegales Rennen, natürlich außerhalb der Stadt. Am nächsten Morgen trennen sich die Jugendlichen, sie fahren zu ihren Highschools und werden erwachsen. Nur der Sieger des illegalen Rennens, ein echter Easy Rider, bleibt in der Provinz zurück.

Die Grenzen des Genres waren eng, und so war seine Blütezeit kurz. Mitte der 70er Jahre war der Mythenbestand des Road Movie vollständig, vor allem „Easy Rider“ hatte 1969 stilprägend gewirkt: Peter Fonda und Dennis Hopper scheitern als freiheitsliebende Kuschel-Biker (eine groteske Verniedlichung der brutalen, Frauen verachtenden, erzreaktionären Hells Angels) an den Verhältnissen und zementieren so den großen Road-Movie-Mythos. Es gibt keine Lösung, es gibt nur Aufgeben oder Sterben. Gegen diesen Pessimismus konnte nicht einmal Steven Spielbergs „Duell“ von 1972 anstinken, in dem ein Angestellter einen aggressiven, scheinbar fahrerlosen Lkw, sozusagen Technologie pur, am Ende tatsächlich besiegt. Außer Spielberg schien letztlich allen klar zu sein, dass man der Zivilisation nicht wirklich davonfahren kann. Die einzige realistische Hoffnung für jeden, der lieber handelt statt denkt beziehungsweise fährt statt redet, war fortan das Ende der Welt, und so fand der Road Movie seine logische Fortsetzung im Apokalypsenfilm. Hier ist die gesellschaftliche Ordnung von Anfang an ausgelöscht, durch Atomkrieg, Öko-Krise oder schlechtes Wetter. Das ist die Zeit für echte Haudegen, die für wahre Werte kämpfen, wie zum Beispiel Benzin. Der Klassiker dieses Subgenres ist der australische Film „Mad Max“, in dem Mel Gibson Wüstenstraßen nach Treibstoff abfährt, den er braucht, um weiterhin Wüstenstraßen nach Treibstoff abfahren zu können. Der Sinn des Lebens für Leute, die sonst nichts vorhaben. Man fährt, damit man fahren kann.

Es ist schwer zu sagen, was es bedeutet, wenn ein Gebiet von Menschen besiedelt wird, die mit den komplizierten Verhältnissen ihrer Heimat nicht zurechtkommen und nun darauf hoffen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten noch einmal neu anfangen zu können, aber tatsächlich hat außer den USA nur Australien überzeugende Road Movies produziert. In Europa herrschte dagegen vor allem Stillstand. Der Franzose Jean-Luc Godard ließ 1967 in „Week End“ Großbürger im Stau zum Tier werden, sein Landsmann Jacques Tati blieb 1971 in „Trafic“ im zähflüssigen Verkehr stecken, und der Italiener Luigi Comencini inszenierte 1978 in „Stau“ die verstopfte Autobahn als Zentrum unterdrückter Triebe. In Deutschland, der großen Autonation, war das Herumfahren im Film ebenfalls nur selten ein Spaß. Besonders schlimm traf es die Figuren in Wim Wenders „Im Laufe der Zeit“: Zwei frustrierte Herren fuhren mit einem Möbelwagen im gehobenen Schritttempo durch die Provinz an der Zonengrenze, wobei die größte Gefahr darin bestand, dass sie früher einschliefen als die Zu-schauer. Aber so weit kam es nie.

Der Road Movie handelt von der Sehnsucht nach einer einfachen Welt ohne Regeln, die man alleine bewohnt. Das Auto passt prima dazu, denn es wird meistens ebenfalls alleine bewohnt. Die Regeln in seinem fahrbaren Lebensraum macht sich jeder selbst, und weil die beim Fahren geforderten Reaktions- und Orientierungsprozesse die niedrigste Stufe des Hirns fördern, finden das alle völlig normal. George Lucas entwarf 1970 am Schluss seines Sciencefiction-Films „THX 1138“ das konsequente Ende dieses Prinzips: Die Hauptfigur wird von einer Familie aufgesammelt, die den Flüchtling in den Kofferraum ihres Autos steckt, wo er zu Brennstoff verheizt wird. Hauptsache, es geht weiter! Ein entzückendes Kind fragt dazu: „Und was machen wir, wenn wir keine mehr finden? Verbrauchen wir uns dann gegenseitig?“

Doch so böse, wie die Welt zu Richard Nixons Zeiten aussah, ist sie nicht mehr. In den letzten Jahren wurde das Auto besonders in einheimischen jungen Filmen rehabilitiert: In Fatih Akins Reisekomödie „Im Juli“ schlägt sich ein Paar durch den Balkan, wobei es allerdings auf jede Art von Scharmützel verzichtet – es geht nicht ums Fahren aus grundsätzlichen Erwägungen, sondern darum, schnell irgendwohin zu kommen. Und in „Absolute Giganten“ von Sebastian Schipper gibt es zwar kein Ziel, dafür aber Mitfahrer, die auf rollende Symbole ihrer Individualität gut verzichten können. Zu dritt fährt man eine Nacht lang durch Hamburg, feiert nicht das Fremde, sondern die Heimat, und findet das Glück, weil man nicht allein ist. Die düsteren Ahnungen der Road-Movie-Helden, das zeigen diese Filme, waren also richtig: Lässt man die Autotür lange genug auf, sitzen früher oder später andere Menschen auf dem Beifahrersitz, und damit das komplizierte Geflecht der Zivilisation. Was die Easy Rider nicht wussten: Das ist das Beste, was einem passieren kann.

Eine Untersuchung von 150 US-Filmen seit 1938 ergab Mitte der achtziger Jahre, dass in 84 Prozent der Filme ein bestimmter Satz auftauchte: „Let‘s get out of here.“ Das scheint also tatsächlich ein populärer Wunsch zu sein. Man könnte sich fragen, ob er seltener geäußert würde, wäre die Welt besser. Aber vielleicht ist eine andere Frage interessanter: Wäre die Welt vielleicht besser, wenn sich die Menschen mehr um ihr Leben kümmern würden, als davor zu fliehen?