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Reality Check bei den virtuellen 24 Stunden von Le Mans

Mit der Startnummer #93 hat Porsche am vergangenen Sonntag die virtuellen 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Lange Zeit war aber auch der digitale 911 RSR mit der Nummer 92 auf Podestkurs. Wir haben seine beiden Piloten Matt Campbell und Jaxon Evans ganz real besucht – und ihnen beim Sim-Racing über die Schultern geschaut.

Text: Marko Knab Foto: Marko Knab · ramp.pictures 16.06.2020 6 min

Nach 19 Gesamt- und mehr als 100 Klassensiegen in der realen Welt hat Porsche die 24 Stunden von Le Mans am Wochenende auch virtuell gewonnen – in der GTE-Klasse und mit dem 911 RSR #93. Am Steuer waren dabei Werksfahrer Nick Tandy und Porsche Junior Ayhancan Güven sowie die Sim-Racing-Profis Josh Rogers und Tommy Ostgaard. Wir haben während dem Rennen ihren Teamkollegen Matt Campbell und Jaxon Evans aus dem Schwesterfahrzeug Nummer 92 über die Schultern geschaut. Für anderthalb Stunden. Und stellen fest: Die virtuellen 24 Stunden sind kein bisschen weniger aufregend als das Original. Auch für den australischen Werksfahrer und den neuseeländischen Junior-Pilot, mit dem er sich die Wohnung teilt.

19:00 Uhr:

Matt blickt konzentriert auf den Bildschirm und fängt den 911 RSR entschlossen ein. Beim Anbremsen ist dem 25-jährigen Australier der Wagen leicht ausgebrochen. Es ist sein drittes Mal Le Mans. Zwei Mal in der Realität, jetzt wie für alle anderen auch das erste Mal virtuell. Seine Bilanz beim Klassiker kann sich sehen lassen: zwei Starts, ein Sieg in der GTE-Am mit Dempsey Proton Racing im Jahr 2018. Beim Debüt. Jetzt der dritte Anlauf. Sein erster Stint ist gerade zu Ende gegangen, etwas früher als geplant. Lange ist er auf P3 gefahren, dann aber unverschuldet zurückgefallen. Eine Pause? Fehlanzeige. Nach wie vor sitzt Matt im Simulator, der sich im stilvoll und hell eingerichteten Wohnzimmer befindet. Und er arbeitet an sich selbst und der Abstimmung.

19:10 Uhr:

»Wir haben ein paar Probleme«, erklärt uns Jaxon. Die Internetverbindung macht Ärger, die Simulation läuft deshalb nicht ganz flüssig. Auch der Grund, warum Matt im Wohnzimmer gerade trainiert – und nicht wie eigentlich geplant noch gegen die Konkurrenz kämpft. »Wir haben zu viel Zeit verloren«, erklärt mir der junge Neuseeländer. Das Team hat deshalb einen verfrühten Wechsel vorgenommen. Gestern Nacht war auch noch ein Techniker vom Internetanbieter da. Ob sich die Not-OP am Heimnetzwerk der beiden auszahlt? Aktuell sieht es gar nicht schlecht aus, auch wenn die stockende Verbindung und der ungeplante Fahrerwechsel sie von Platz drei auf den siebten Rang zurückgeworfen haben. Aber noch sind fast 20 Stunden zu fahren – und alles ist möglich.

19:30 Uhr:

Wo der größte Unterschied zwischen Sim-Racing und dem echten Motorsport liegt? »Wenn man sich verbremst, dann fehlt der Geruch von verbranntem Gummi. Man merkt es erst, wenn man von der Strecke rutscht«, lacht Jaxon, während Matt weiter testet. Tatsächlich sei das Sim-Racing aber mental deutlich fordernder, erklärt er. Vieles läuft nämlich eher visuell ab – und nicht über die Querbeschleunigung, wie im echten Auto gewohnt. Jaxon setzt sich in den eigenen Simulator und zeigt uns, was er meint. Gekauft haben sie ihn kurz nach Beginn der Corona-Pandemie – irgendwann mussten nämlich beide gleichzeitig und unabhängig voneinander in verschiedenen Sim-Rennen fahren. Positiver Nebeneffekt: Matt und Jaxon haben ein Back-up, falls an einem Simulator etwas schiefgehen sollte.

19:47 Uhr:

»Rote Flagge!« Jaxon nimmt den Kopfhörer ab und teilt uns die Nachricht der Rennleitung mit. Kein Wetterchaos, kein schwerer Unfall, sondern ein Problem am Server der Veranstalter ist der Grund. Matt trainiert immer noch, während Jaxon uns durch die Wohnung führt. Ein bisschen ist sie wie ein Porsche eingerichtet: klar, ohne Schnörkel und mit den Simulatoren auch irgendwie ziemlich funktional. Und dann sind da auch noch die Skateboards im Hausgang: Wenn Matt und Jaxon nicht gerade echte Rennen fahren oder das virtuelle 24-Stunden-Rennen bestreiten, dann rollen sie gerne auch mal zusammen in den Stuttgarter Talkessel hinunter. »Das Board mit Motor gehört aber Matt – mit ihm hat er mich schon ein paar Mal den Berg hochgezogen!«

20:08 Uhr:

Noch immer ist das Rennen unterbrochen. Matt kommt herüber und fragt, ob er sich in Jaxons Simulator setzen kann. Inzwischen macht auch sein eigener Rechner Ärger. Der für ein Langstreckenrennen typische doppelte Boden zahlt sich aus: Es gelingt ihm, alles passend zu konfigurieren. Einem weiteren Stint sollte jetzt nichts mehr im Wege stehen. Ob Porsche auch für diesen Fall getestet hat? Wissen wir nicht. Dass sie es ernst nehmen, dagegen schon. Jaxon ergänzt: »Das Training im Simulator war sogar noch umfangreicher als im echten Leben!«

20:30 Uhr:

Die Sonne ist hinter den Weinbergen verschwunden, die Nacht kündigt sich an. Auch im Rennen geht es jetzt endlich weiter: Nach einer halben Stunde unter roter Flagge und einer längeren Safety Car-Phase startet der virtuelle Langstreckenklassiker wieder. Und plötzlich fühlt sich die kleine Drei-Zimmer-Wohnung dann doch an wie das Cockpit eines 911 RSR: Die Schaltwippen klicken und es breitet sich Hitze aus. Im Gegensatz zum echten Fahrzeug stammt sie aber nicht vom Motor, sondern vom Prozessor und den Bildschirmen. Und die ganz reale Jagd aufs virtuelle Podium beginnt von Neuem.

Bis gut eine Stunde vor Rennende am Sonntag wird alles halten. Dann schlägt Le Mans auch virtuell mit voller Härte zu: Direkt hinter dem Zweitplatzierten gelegen, muss die #92 von Matt und Jaxon einen Disconnect hinnehmen. Heißt: Die Internetverbindung bricht zusammen, das Auto wird an die Box zurückversetzt. Und aus einem möglichen zweiten Platz wird ein elfter Rang. Die vorausfahrende #93 aber bleibt von allem Übel verschont. Und fährt in den Händen von Nick Tandy, Ayhancan Güven, Josh Rogers und Tommy Ostgaard ungefährdet zum Sieg.