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Porsche und die Elektrizität: So schließt sich der Stromkreis

Alle reden aktuell über den Taycan. »Der erste rein elektrisch angetriebene Porsche«, heißt es dann. Das stimmt nur halb. Mit dem »Lohner-Porsche« setzte Ferdinand Porsche die Idee eines Elektroautos bereits dreißig Jahre vor der eigenen Firmengründung um. Wir gehen auf Spurensuche.

Text: Alfred Rzyski Foto: Porsche 18.09.2019 4 min

Mit dem Strom schwimmen? War nie der Anspruch von Porsche. Mit Strom fahren schon eher. Siehe: Taycan. Dabei ist der kürzlich vorgestellte Sportwagen nicht das erste rein elektrisch angetriebene Fahrzeug mit dem Namen Porsche. Diese Tradition begründet nämlich vor mehr als hundert Jahren der sogenannte »Lohner-Porsche« auf der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900.

Über Experimente mit elektrischen Schaltungen im elterlichen Haus, ein Praktikum bei der Elektrotechnikfirma »Béla Egger & Co.« und erste elektrische Fahrzeuge kommt Ferdinand Porsche 1899 zum Kutschenbauer Lohner, der angesichts sinkender Verkaufszahlen nach einem neuen Antrieb für seine sonst von Pferden gezogenen Fuhrwerke sucht. Zusammen mit dem jungen Ferdinand entsteht so pünktlich zur Weltausstellung 1900 in Paris der sogenannte »Lohner-Porsche«, der die etablierte Firma für die Zukunft bereit machen soll – eine ähnliche Situation wie knapp 120 Jahre später bei Porsche. Auch sein Antrieb ist dabei rein elektrisch: Lange bevor die eigene Sportwagenmarke gegründet wird, der Sechszylinder-Boxer geboren wird und Porsche Stuttgart seine Heimat nennt, hält so der alternative Antrieb Einzug in den Automobilbau und die Geschichte von Porsche.

Das neuartige Fahrzeug verblüfft die Weltöffentlichkeit um die Jahrhundertwende mit einem innovativen Radnabenmotor, also einem Antrieb, der im Gegensatz zur zeitgenössischen Konkurrenz und seinen eigenen Vorgängern ohne Riemen, Ketten und Getriebe auskommt. Die Kraft wirkt unmittelbar auf die Räder und ist zu seiner Zeit unschlagbar effizient: 83 Prozent Wirkungsgrad sind über jeden Zweifel erhaben. Mit 80 Volt Systemspannung operieren die beiden Innenpol-Elektromotoren so an der Vorderachse und beschleunigen das Gefährt auf gut 35 Kilometer pro Stunde, alles bei einer Reichweite von rund 50 Kilometern. Richtungsweisend zu seiner Zeit, aber noch nicht in der Breite der Gesellschaft angekommen.

In der Summe gerade mal 5 PS stark, sind die beiden Radnabenmotoren trotzdem ein Quantensprung – und Startpunkt einer rasanten Entwicklung: Porsche erkennt schon früh die Herausforderung der Reichweite bei der Elektromobilität und legt noch im selben Jahr nach, indem er das Konzept weiterentwickelt und das erste Hybridfahrzeug der Welt, den »Semper Vivus«, entwirft. Dessen Vorderräder mit bewährtem Radnabenantrieb werden dabei von einem Verbrennungsmotor gespeist – so ist der Lohner-Porsche reinen Elektromobilen einen weiteren Schritt voraus, denn mit 200 Kilometern Reichweite muss er seltener zum Laden halten. Damals wie heute Trumpf.

Von wegen schief gewickelt: Mit verbesserten, breiteren Wicklungen des Elektromotors kann Porsche 1902 das Gewicht seines inzwischen patentierten Antriebs senken, ohne Leistung einzubüßen – der geringere Durchmesser der Motoren zahlt sich aus und die bis dahin oft geschundenen Reifen halten nun ohne Probleme. Und die Entwicklung nimmt auch auf der Rennstrecke Fahrt auf. So wie beim Exelbergrennen 1902, wo sich Porsches eigene Entwicklung unter Wettkampfbedingungen erfolgreich beweisen kann – der junge Konstrukteur am Steuer seines »Mixte« siegt in der großen Wagenklasse. Und beweist damit der Öffentlichkeit die Leistungsfähigkeit des Mischantriebs. Sogar Kaiser Franz Joseph begeistert sich für das einzigartige Fahrzeug, doch die elektrischen Antriebe geraten unter dem enormen Druck der deutlich günstigeren Verbrenner immer mehr ins Hintertreffen.

Nach einem langen Dornröschenschlaf hält die Technik über ein Jahrhundert später wieder Einzug beim inzwischen selbstständigen Sportwagenbauer Porsche: Die Elektromotoren wandern beim Taycan dabei von den Radnaben zurück in das Fahrgestell, auf einen Verbrennungsmotor wird ganz verzichtet. Dafür verzehnfacht sich die Systemspannung von 80 auf 800 Volt und das Laden, aber auch das Fahrzeug sind schneller denn je. Mit umgerechnet 761 PS im Overboost katapultiert sich der Taycan in 2,8 Sekunden von 0 auf 100 und ist in knappen 5,5 Minuten Ladezeit wieder bereit für 100 Kilometer Fahrt. Was die Zukunft bringt? Die Sicherheit, dass Porsche auch weiter nicht einfach mit dem Strom schwimmt. Sondern vielmehr damit fährt.