Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

1.500 Liebhaber gaben für den Porsche Carrera GT jeweils knapp eine halbe Million Euro aus. Sie werden ihn für immer lieben. Denn so einen Porsche wird es nie wieder geben.

Text: Wolfgang Peters Foto: Roman Kuhn 11 min

Der Porsche Carrera GT ist verkauft. Und verraten hatte ihn bisher noch niemand, dafür müsste man ihn besitzen, aber wer tut das schon. Ohnehin stellt sich die Frage, ob man ein Auto dieses Schlages überhaupt besitzen kann, im Sinne des Beherrschens seines Willens, man wird wohl Eigentümer, aber dann ist es meist doch so, dass der Wagen mit seinen Höckern vor dem Fahrer hockt und darauf wartet, dass man ihm den Dompteur des Tigers zeigt.

Denn der Fahrer eines Porsche Carrera GT darf sich nicht scheuen, den Tiger am Schwanz zu packen, sich ins Innere zu flüchten und ganz schnell den Käfig zu schließen. Dann kann er mit der Großkatze vielleicht umgehen, aber er wird sie nie besitzen. Immerhin haben 1.500 Menschen für den Carrera GT jeweils rund 450.000 Euro investiert, und wir wünschen ihnen damit alles Glück dieser Erde. Auf dem Rücken der Pferde kann man sich ähnlich fühlen wie in diesem Zweisitzer. Es ist der Adel des Exklusiven. Die Steigerung der Arroganz auf das Niveau des Hengstes Hatatitla. Diesen GT umgibt die kühle Aura des Einsamen, und nichts ist ihm fremder, als sich anzubiedern. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens
Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

Eine Geschichte des Einfachen
Die Historie der Autos aus dem Hause Porsche ist eine Geschichte des Einfachen. Immer ging es darum, den Vorgang der Ortsveränderung nicht als Transport einer Last, sondern als Thema der Lust daran erfahrbar zu machen. Das ist nicht zu verwechseln mit der Bequemlichkeit des automobilen Reisens. Das kann man zwar auch mit einem Porsche erleben, aber es ist die Erfahrung jener Form des Komforts, die man nach der Rettung aus dem Einflussbereich einer durchgehenden Rinderherde schätzen lernt. Kein Porsche ist wirklich bequem, aber das will ja auch niemand. Das gilt sogar für die mächtigen Cayenne, die vor allem auf deutschen Straßen ihren Fahrern mit dem Gurgeln der Benzinleitungen in den Ohren liegen.

Doch Porsche hatte sich schon immer den Regeln der Bürgerlichkeit entzogen und gleichzeitig ihre Regeln geachtet. Wobei sich dieser GT allen Definitionen der bürgerlichen Mobilität schon deshalb zu entziehen weiß, weil er ein Rennauto ist, das sich zum späten Abend seiner abgebrochenen Karriere auf der Straße bewegen darf. Deshalb schreiben wir auch keinen klassischen Fahrbericht über ihn und werden nicht mit Beschleunigungszeiten und Verbrauchswerten langweilen. Nur wo es zum Verständnis der innersten GT-Regungen nötig ist, dürfen wir darauf zurückgreifen.

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

Höchstmögliches Technik-Niveau
Ein Porsche war immer auf – natürlich im Vergleich über die Jahre hinweg unterschiedlichem – höchstmöglichem Technik-Niveau. Das heißt nicht, dass es nicht immer wieder in der Eigenschaftssumme bessere Sport-Autos gegeben hätte. Höchst selten aber sind Autos entstanden, die eine ähnliche Dichte in ihren Eigenschaften aufzuweisen vermochten. Dazu gehört, dass ein Porsche immer seiner Zeit voraus war und dass ihn der Fortschritt niemals wirklich einholte. Vielleicht überholte ihn die technische Entwicklung, aber die Faszination des Fahrens war immer in ihm. Und diese hat sich noch nie zuvor reiner und herausfordernder gezeigt. Was nicht immer ohne eine gewisse Körperlichkeit abläuft. Im Porsche Carrera GT steckt der Geist des Weinens.

Diese Erkenntnis zieht bereits beim ersten Augenkontakt herauf. Man kann automobile Schönheit ja sehr unterschiedlich definieren. Den Freunden der bis zum Sonnenuntergang reichenden Motorhauben, der Harmonie fließender Formen und der Ausgewogenheit von Proportionen spottet der Porsche mit unerhörter Frechheit. Er bemüht sich auch nicht um die Annehmlichkeiten des attraktiven Aussehens, seine Botschaft ist die des nackten Renngeräts, dem die Hitze seiner Bestimmung aus allen Öffnungen des Körpers strömt.

Aber wenn schönes Autodesign aus der Funktion der Geschwindigkeit entsteht, dann ist dieser GT herrlicher als die Nike von Samothrake. Doch es ist gleichzeitig das Tempo der Fortbewegung nicht der Grund seines Wesens, sondern das Ergebnis. So wie das kompromisslose Design nicht um des Spektakels willen entstanden ist, sondern weil es zum verlorenen Glück des einstigen Glühens untrennbar dazugehört. Der Carrera GT glüht schon im Stand. Nicht alles lebt aus der Vernunft heraus.

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens
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Plan zum Entern des GT
Ein Kind blickt über ihn hinweg ohne Mühe. Dem großgewachsenen Fahrer reicht er bis zur Hüfte, und er fürchtet sich vor dem Moment, wo er in der Blüte seiner fortgeschrittenen Jahre unter den Augen einer höchst interessierten Öffentlichkeit den Versuch des Einsteigens unternehmen wird. Aber da weiß er noch nichts von dem, was ihn wirklich erwartet, und er hält einen Moment inne, so als würde er noch eine Anekdote entdecken, die rasch erzählt werden müsste. In Wirklichkeit entwirft der Fahrer derweil seinen Plan zum Entern des GT.

Da gibt es doch diese Geschichte von dem Mönch, der dabei ist, den Hof seines Klosters zu kehren, als man ihn fragt, was er täte, wenn er am Abend des Tages stürbe. Seit wir den GT kennen, zweifeln wir an der Wahrheit des Berichts, in dem der Mönch sagt, er werde weiter auf dem Hof mit seinem Besen hantieren. Alles Lüge. In Wahrheit nämlich wirft der Mönch das Arbeitsgerät zur Seite, rafft mit bebenden Händen seine Kutte zusammen und stürzt sich auf den GT des Philosophen, um mit ihm nach Ibiza zu fliehen. So sieht die Fähigkeit zur wahren Einsicht aus.

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

Ungemütliche Kabine
Zum Einsteigen hat sich die Krabbelmethode der Teletubbies bewährt, und das Aussteigen hat noch ein bisserl Zeit. Die Kabine ist nicht wirklich gemütlich. Aber auch nicht von jener Kargheit, wie sie konsequent in einem reinen Renngerät umgesetzt wird. Man startet im Alltag nicht aus der Boxengasse, sondern aus der heimischen Garage oder unter den Augen der Öffentlichkeit. Und da kann man sich schon mal blamieren oder demonstrieren, wie schwierig ein Renngerät eigentlich zu bewegen ist. Die Kupplung ist der Feind jeder empfindsamen Wade. Entweder sie greift, oder der Motor stirbt ab, so schnell, wie man das Licht in einem Keller mit tausend Vampiren ausknipst.

So erfährt man erst im GT, wie schlecht die Welt wirklich ist. Denn man ist immer umgeben von einer Masse Mensch, die auf das Verröcheln der Maschine wartet. Schadenfreude ringsum. Aber man rollt ohne Gas an und legt den ach so empfindsamen großen Zeh ein wenig auf den Akzelerator, dann tritt man der Kupplung in die Seiten, lässt den Motor kurz röcheln und wuchtet die nächsten Gänge, allesamt so zu schalten, wie man mit einer scharfen Schere einen ganz großen Truthahn tranchierte, bis zur Nummer sechs hinein. Da sollte man die Stadt aber schon hinter sich gelassen haben.

Beschleunigen ist für den Fortgang der Ereignisse im Porsche Carrera GT nicht ganz das richtige Wort. Es spricht sich zu langsam. Es zieht sich. Das Auto agiert ganz anders. Man atmet etwas tiefer ein und ist auf 100. Man leert die Lungen, wirft einen Blick auf die nach oben rutschenden Hemdsärmel und ist auf 200. Porsche verspricht 330, mehr als 315 haben wir nicht erreicht, aber das lag am Fahrer, der im Grund eine feige Natur hat und plötzlich Seitenwind spürte und sich der unangenehmen Vorstellung hingab, wie er dem bulgarischen Reisebus ausweichen würde, wenn sich der nun doch zum Wechsel auf die Überholspur entschlösse. Das Leben ist zu kurz, um es im Taumel der Geschwindigkeit zu verbringen.

Angreifender Fleischfresser
So hält der Fahrer inne, lässt den hemmungslos wie ein Eber beim Akt brüllenden Motor verröcheln und erfreut sich einer relativen Stille. Das Auto hat nach der Autobahn die Landstraße der Qualen absolviert, Querfugen und Unebenheiten initiieren kleine Explosionen im Innenraum, der Vorderwagen taucht in die Wellen, und der komplette Wagenkörper springt wie ein angreifender Fleischfresser unter gutem Gas aus der Kurve. Beim letzten Gasstoß zur Rückkehr brechen aus unserer Eiche zwei Äste. Die begleitenden Raben sind erschöpft, und ihr Gefieder ist matt wie von Schweiß.

Der Porsche Carrera GT knackt irgendwie fordernd in seinen Gelenken: War das schon alles? Im Kopf des Fahrers knistert es, und er fürchtet, es könnten seine Trommelfelle sein, die später in kleinen Segmenten aus den Ohrmuscheln fallen wie Holzspäne an der Kreissäge. Es surrt in dem Porsche, sein Herz schlägt, Flüssigkeiten zirkulieren, Elektromotoren öffnen oder schließen geheime Wege der Kraft, heiße Luft wabert über dem Heck, in dem der Motor frei sichtbar aufgebahrt ist wie der tote Pharao auf dem Weg zur Katzengöttin. Und die faucht und setzt an zum Sprung und wird zum GT. Zu einem Porsche, wie es ihn nie wieder geben wird. Oder doch?

Porsche Carrera GT: die verlorene Ehre des schwierigen Fahrens

Porsche Carrera GT

Motor 10-Zylinder-V-Motor
Hubraum 5.733 ccm
Leistung 612 PS (450 kW) bei 8.000 U/min
Drehmoment 590 Nm bei 5.750 U/min
0-100 km/h 3,9 s
Vmax 334 km/h

Info
Den Text über den Porsche Carrera GT schrieb der Journalist Wolfgang Peters nicht gestern, sondern 2006, in dem Jahr, in dem die Produktion eingestellt wurde. Seine Liebeserklärung an einen ganz besonderen Wagen fanden wir so wunderbar, dass wir beschlossen haben, ihn noch einmal zu veröffentlichen. Ganz abgesehen davon glänzt der Carrera GT noch heute mit seinen Fahrleistungen und seinem Handling und ist damit ein Vorbild für die Ewigkeit – und das gelingt nur ganz, ganz wenigen Sportwagen.

FAZ.NET vom 02.08.2006. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv