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Oil Stain Lab: Über den einzig echten »Fehler« des Elfers

Für Iliya und Nikita Bridan ist der Elfer das ultimative Designerauto. Weil er zeitlos ist. Weil er Spaß macht. Und weil er sich auch im Alltag bewährt. Aber bedeutet »ultimativ« auch »perfekt«? Man muss den Automobildesignern aus Kalifornien diese Frage stellen, denn immerhin nehmen sie ausgerechnet einen alten Elfer als Basis für Oil Stain Lab: Ein Design-Projekt, dem nichts weniger zugrunde liegt als die Vision vom spektakulärsten Supersportwagen aller Zeiten. Ein Gespräch über Neugierde, Extreme und den Drang, der Fantasie freien Lauf zu lassen.

Text: Alexander Morath Foto: Oil Stain Lab 04.10.2019 12 min

Stellt euch und euer Projekt kurz vor.

Wir sind Iliya und Nikita Bridan – beide Automobil-Designer, die derzeit in Kalifornien arbeiten. Logischerweise sind wir von Maschinen, Design und der Geschwindigkeit selbst besessen. Die kreative Designarbeit ist quasi unser Ventil, um uns voll und ganz als Liebhaber der Automobilgeschichte und Technik-Nerds auszuleben. So haben wir irgendwann das Oil Stain Lab entwickelt. Entstanden ist es, weil wir uns gegen die zunehmende Kommerzialisierung von Design und die Homogenisierung der Automobilwelt stemmen wollen. Oil Stain Lab ist unsere Vision einer kollektiven Marke, die für Leidenschaft und Träume steht. Für eine aufregendere, engagiertere und regelbrechende, quasi mit Öl befleckte Zukunft. Das Öl fließt in unseren Adern, es hat unsere Seelen befleckt und wird dort auch immer bleiben. Es ist ziemlich genau wie mit den ölverschmierten Hemden und Einfahrten unzähliger Heimmechaniker auf der ganzen Welt: Dieser imaginäre Fleck, der unser Denken und unsere Leidenschaft antreibt und alles, was wir tun, vereint. Nebenbei verschieben wir noch die Grenzen von Technologie, Trends und Kunst, um unsere Skizzen und Träume zum Leben zu erwecken. Der Kern unserer Marke ist es also, die Wahrnehmung des Automobil-Designs zu hinterfragen. Zusätzlich wollen wir mit unserem vielseitigen Ansatz Menschen und Marken auf sinnvolle Weise miteinander in Dialog bringen. Dabei ist der Half11 unser aktuelles Hauptprojekt. Mit ihm zeigen wir, was wir als Unternehmen alles können. Gerade deshalb haben wir auch den 911, eine der größten Sportwagen-Ikonen überhaupt, genommen: einfach um zu sehen, ob wir die Geschichte der Legende neu schreiben können.

Die Designlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert, vor allem unter der Impression von E-Mobilität. Wie nehmt ihr diese Veränderung wahr und wie bewertet ihr sie?

Elektroautos sind die Zukunft, sie stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung und haben viele Vorteile. Deshalb machen wir uns auch viele Gedanken über ihre Entwicklungsmöglichkeiten. Aber die Vorstellung, dass die Elektrifizierung von heute auf morgen vonstatten geht, ist einfach falsch. Es wird Jahrzehnte dauern und große Investitionen für Ladestationen benötigen, bis wir wirklich in einer rein elektrischen Welt leben. Natürlich sind das saubere Image des Stroms, seine Einfachheit, die Ruhe und die irren Leistungen echte Verkaufsargumente – kein Wunder, dass die Hersteller jetzt an Bord kommen. Diese Autos sind etwas ganz Neues – und doch irgendwie gleich. Marken wie Mercedes und Audi stellen die Elektro- und Benzinautos auf die gleiche Weise her – packen also den Elektroantrieb einfach in dieselbe Karosserie wie vorher. Natürlich müssen wir aktuell noch Kompromisse eingehen und die Elektroantriebe in altbekannten Hüllen mitnehmen – wir als Designer würden uns aber trotzdem mehr Vielfalt und ein bewussteres Design wünschen. So könnte man auch die Vorteile von Elektroautos aufzeigen. Die Elektromobilität bietet schließlich ein riesiges Potenzial – aber nur für die, die bereit sind, die Grenzen des Bekannten zu überschreiten. Nicht für die, die einfach nur Elektromotoren in eine alte Verbrenner-Architektur schrauben.

Mit eurem Designprojekt protestiert ihr gegen gängige Gestaltungsprinzipien. Ist das nur Rebellion oder steckt eine Vision dahinter?

Das Automobil-Design hat die Prinzipien des gesunden Menschenverstands vernachlässigt: Die heutigen Autos haben alle zufällige Linien und Grafiken, die auf identische Proportionen geklebt sind. So schafft man eine nicht mehr differenzierbare, graue Masse. Die Hoffnung, dass kleine Unterschiede ausreichen, um die Autos unterscheiden zu können, ist einfach lächerlich. In der Branche will niemand mehr anders sein – und der Kunde ist zu blass und blind dafür, um es zu bemerken. Genau deshalb protestieren wir gegen die Kommerzialisierung des Designs – denn die Autos von heute sind geradezu wissenschaftlich, übernormiert und viel zu sehr auf den Kunden fixiert. Wir sind an einem Punkt, wo einfach keine Innovation mehr stattfindet. Das Design folgt keinem eigentlichen Zweck mehr – genau dagegen protestieren wir. Der Status quo steht im Widerspruch zu dem, an was wir glauben: nämlich dass alles einen Zweck haben und einem funktionalen Minimalismus folgen sollte. Wir glauben an die ganze Bandbreite einer Person und dass sie einzigartig ist – und nicht nur eine statistische Variable. Genauso hat jeder seine eigene Geschichte, seine eigene Zukunft – die man nicht mit Algorithmen und Daten vorhersagen kann. Wir glauben an den Einzelnen, seine Träume und seine Extreme. Und genau deshalb protestieren wir gegen diese Kommerzialisierung von Design. Einzigartiges ist in unseren Augen nicht gleichbedeutend mit Schlechtem – und ein kleiner Umsatz muss auch kein unattraktives Produkt bedeuten. Wir wollen Fahrzeuge, die die Seele berühren, die eine persönliche Geschichte erzählen und trotzdem mit Leistung und Komfort überzeugen. Unsere Vision ist, dass jedes Objekt gleichzeitig funktional spannend und künstlerisch interessant sein kann.

Gutes Design basiert auf dem Prinzip »form follows function«.Was ist euer Designparadigma?

Wir sind fest davon überzeugt, dass gutes Design und seine Prinzipien auf intelligenter Problemlösung und intellektuellem Denken fußen. Das sollte immer der Ausgangspunkt sein, unabhängig vom Projekt. Sobald ein Problem erkannt ist und die richtigen Fragen gestellt wurden, ist es unsere Aufgabe als Designer, es zu beheben oder zumindest zu mildern. Erst wenn das passiert ist, sollte man sich dann um die Ästhetik kümmern. Die Funktion sollte dabei manchmal auch hinterfragt werden – besondere Formen können aber auch zu neuen Funktionen führen. Dabei sollte der Designansatz zweigleisig fahren: einerseits logisch fundiert, aber auch emotional geformt. Obendrein sollte das Design auch noch möglichst unkompliziert sein und beide Gehirnhälften ansprechen. Kurz gesagt: Unser Paradigma ist, dass Design das Produkt von intellektueller Analyse mit minimalistischer, aber emotionaler Ästhetik ist.

Für viele ist der Porsche 911 das perfekte Auto, nicht zuletzt wegen seines zeitlosen Designs. Jetzt macht ihr euch ans Werk, um genau dieses Design zu ändern. Was stört euch am Elfer-Design?

Es ist alles in Ordnung mit dem 911! Er ist eine Ikone! Deshalb begegnen wir ihm mit dem nötigen Respekt – wir haben schließlich ja auch drei. Er ist das ultimative Designerauto: erschwinglich, sportlich und alltagstauglich. Also in vielerlei Hinsicht das perfekte Auto für viele Menschen. Und der einzigartige Charakter des Heckmotors verleiht ihm noch mehr Charme. Man kann also nicht behaupten, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmen würde. Deshalb haben wir weitergedacht und uns gefragt, was dieses Auto vielleicht nicht erreicht hat. Bei all der Liebe zum 911 war er womöglich immer die eher rationale Wahl unter seinen exotischeren Zeitgenossen. Einer, der neben Fahrspaß auch für Logik und Zweckmäßigkeit stand. Quasi das Gegenteil zu einem Ferrari, der emotional vielleicht ansprechender ist. Das ist der einzige echte »Fehler«, mit dem wir hier spielen können. Und das ergibt für uns das perfekte Problem, das es zu lösen gilt: Kann der 911 zum spektakulärsten Supersportwagen seiner Zeit werden? Kann er den RSR und den 935er emotional und visuell überholen? Oder sogar mit dem legendären 917 in der Porsche Folklore mithalten? Hätte Porsche 1969 ein solches Auto bauen können?

Warum bildet dann ausgerechnet der Porsche 911 die Grundlage für eure weitere Designentwicklung?

Wo sollen wir anfangen? Der 911 hat eine so interessante Modellgeschichte mit vielen Varianten. Damit bietet er uns eine großartige Gelegenheit und die Plattform, unsere Fähigkeiten im Bereich Storytelling und Design zu präsentieren. Der 911 ist quasi eine eigene Marke – jeder, der in seiner Geschichte irgendwie an ihm beteiligt war, hat sie mit aufgebaut. Designer, Ingenieure, Rennteams und Fans bis hin zu den Hinterhof-Schraubern: Alle haben irgendetwas dazu beigetragen und so geholfen, den »Spielplatz« zu erschaffen, der der 911 heute ist. Es ist diese Gemeinschaft, für die wir dankbar sind. Im Laufe der Jahre hat auch Porsche selbst ein Biotop geschaffen, in dem der 911 in jeder Form akzeptiert wurde: von Safari-Versionen über Rennwagen bis hin zu viertürigen Limousinen. So haben die Hotrodder, Customizer und unabhängigen Schrauber auch ihre eigenen, einzigartigen Visionen des 911 kreiert. Es gibt so viele Möglichkeiten, in dieser klassischen 911-Welt zu expandieren und innovativ zu sein. Dem Auto dabei gegenüber ehrlich bleiben, ist aber eine echte Challenge.

Was macht dann einen „Half11-Experten“ im Besonderen aus?

Da sind wir nur ein kleines bisschen sarkastisch – schließlich müssen wir die traditionellen Autoexperten ein bisschen veräppeln und raushängen lassen, dass unsere Arbeit einfach unfassbar ernst ist! (lacht) Ein Half11-Experte verbringt unzählige Stunden in staubigen Räumen und dunklen Kellern, wo er Firmendokumente und alte Notizbücher sucht. Alles nur, um etwas Licht in die Historie des geheimnisvollsten Porsche Prototypen zu bringen, der je geschaffen wurde. Aber im Ernst: Ein Half11-Experte zu sein bedeutet, sich dem Auto selbst zu verschreiben und seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Es bedeutet auch, sich das kindliche Staunen und die Neugierde zu bewahren, nie erwachsen zu werden. Das Auto wird nur für uns selbst gebaut, wir sind seine Kuratoren, seine Erschaffer, also sind wir auch die Experten. Wir hoffen so, auch die Fans zu inspirieren – damit auch sie zu Experten werden und uns bei unserer Kreation helfen. Aber auch, damit sie Experten für ihren eigenen Builds werden. Einmalige Kreationen für einmalige Experten eben.

Ist ein Oil Stain Lab Auto nur etwas fürs Auge oder auch fahrbar?

Im Verlauf des letzten Jahres wurde damit begonnen, einen Half11 aufzubauen – aktuell ist er immer noch in der Konstruktionsphase und wird weiterentwickelt. Das Design schwebt uns schon seit Langem langsam vor, aber der Bau des Autos aus dem Nichts hat sich als sehr schwierig und viel langsamer als erwartet erwiesen. Dafür gehen wir bei unserer Vision aber auch keine Kompromisse ein. Wir kürzen nichts ab und versuchen hier nur, uns selbst glücklich zu machen. Das erste Auto wird eine Roadster-Version, unser ganz persönliches Auto und quasi der Testträger. Es wird sauschnell und hart gefahren werden und auf Herz und Nieren getestet. Anhand der Tests passen wir dann Dachhöhen und Ergonomie an, um das Coupé zu entwickeln. Das Coupé wird komplett aus Kohlefaser bestehen, im Gegensatz zum Roadster, der eine handgefertigte Aluminiumkarosserie hat. Für die Herstellung von mehr als einem Auto ist das der einzige Weg, mit dem wir die Qualität der Karosserie sicherstellen können und jedem Kunde genau das bieten können, was er will. Jeder Half11 soll etwas wirklich Besonderes sein, von den Proportionen her, über den Motor bis zur Karosserie. Alles mit einer anderen Geschichte über seine fiktive historische Existenz. Vor allem wird aber jedes Auto ein Kunstwerk sein ...

Wir hoffen auch, dass die Kunden mit einer eigenen Vision zu uns kommen, aber auch etwas Offenheit mitbringen – was wäre das Leben schließlich ohne Überraschungen? Wir bieten den Kunden die Möglichkeit, ihr eigenes Auto, ihre eigene Geschichte und ihre eigenen Zukunftserfahrungen zu gestalten. Sie werden quasi »Experte« ihres eigenen Traumautos!