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Musikantisch fahren: David Staretz trifft auf Walter Röhrl. Im 911 R.

Auf der ganzen Welt gibt es wahrscheinlich niemanden, der einem das Autofahren besser beibringen kann, als Walter Röhrl. Diese Erfahrung hat auch unser Autor David Staretz gemacht. Eine Parabel über Kurvenscheitelpunkte, Pläne, die über den Haufen geworfen werden, und über Schmeißfliegen.

Text: David Staretz Foto: David Staretz 02.10.2020 6 min

Eigentlich hatte ich vor, von Vorzügen und Problemzonen redlicher Cabriolets zu berichten. Dann stieg ich anlässlich einer Presse-Präsentation zu Walter Röhrl in einen 500-PS-Porsche (911 R, der letzte wahre Sauger), und alle Vorsätze waren dahin. Anschließend hielt ich meinen Bekannten Vorträge über musikantisches Autofahren. Diesen Ausdruck hatte ich eigentlich von einer reschen Trabertrainerin gehört, die mit ihren anvertrauten Pferden durch die Prater-Auen über Stock und Stein und rund um die Bäume kurvte, um ihre Schützlinge beweglich zu machen. Ich saß neben ihr im Sulky und bekam im Rücken jede Wurzel zu spüren, während sie räsonierte: "Man muss musikantisch fahren, ich meine musikantisch, nicht musikalisch. Verstehen Sie richtig? Musikantisch!" Das klang sehr überzeugend, ich glaubte daran, zumal sie ja meine Pferde trainierte – obwohl ich mir nicht ausdenken konnte, wie sie diese Philosophie wohl im Rennen auf der Ovalbahn gewinnbringend umsetzen würde. Tat sie dann auch nicht.

Ähnlich enthusiastisch traktierte ich jetzt meine Bekannten: „Mu-si-kann-tisch“! Die jüngste Fahrt mit Walter Röhrl im 911 R hatte mich übermäßig angeregt, wiewohl ich schon früher reichlich bei Walter beigefahren war.

Einmal war uns, im Vorausauto einer Oldtimer-Zeitgeschicklichkeitsfahrt, ebenfalls in einem Porsche, schon der Gesprächsstoff ausgegangen. Nein, falsch. Anders ausgedrückt: Wir schwiegen einvernehmlich, was ja immer die höchste Qualität von Gemeinsamkeit darstellt. Walter Röhrl geht im Grunde nie der Gesprächsstoff aus. Er blickt als ehemaliger Chauffeur des Bischöflichen Ordinariats Regensburg auf eine epochale Karriere als Autorennfahrer der feinen Klinge zurück und weiß darüber mitreißend zu erzählen, enorm detailreich und durchaus witzig, aber die Geschichten enden unweigerlich damit, dass Walter haushoch gewonnen hat. Was natürlich stimmt. Man liegt nicht falsch, wenn man Walter Röhrl konzediert, der angewandt beste Autofahrer der Welt zu sein, also in dem Sinne, dass dazu nicht nur wahnwitzige Schnelligkeit, sondern auch Gespür für Taktik, Sicherheit, Fahrzeugbefindlichkeit, Wetter und Schmeißfliegen im Auto gehört. So eine war nämlich gerade zur Seitenscheibe unseres alten Rallyeporsche hereingeflogen. Sie strapazierte unser erwähnt einvernehmliches Schweigen, bis Walters Hand mit einem Knall auf seinen rechten Schenkel klatschte. Ein vernichtender Schlag.

Nun konnte ich mich wieder auf seinen Fahrkunstreichtum konzentrieren. Auf der Rennstrecke mitzufahren, das ist so Helter-Skelter mit Kotztüte. Aber einen weltbesten Autofahrer im Straßenverkehr zu beobachten, ist ganz etwas anderes und für mich weit interessanter. Wie reagiert er jetzt? Warum überholt er nicht? "Du glaabst es net, da huckt wirklich ana drinn!" Er hatte eine achtzigprozentige Überholwahrscheinlichkeit ausgelassen wegen eines blinden Fleckes im Landstraßenverlauf, aus dem tatsächlich Gegenverkehr entsprang. Zweimal hatten wir solche Situation. Großer Respekt, denn wir waren sonst keinesfalls langsam unterwegs.

Plötzlich ist die Fliege wieder da. Sie hat offenbar überlebt oder sich zuvor noch rechtzeitig reproduziert, das geht ja blitzschnell im Tierreich. Noch verhält sie sich ruhig an der rechten Türverkleidung. Schwarze Fliege auf schwarzem Kunstleder. Walter, der gewohnt ist, alles unter Kontrolle zu haben, vor allem IM EIGENEN AUTO, wird sichtlich unruhig. Noch ist das Insekt außer Reichweite. Als sich das Tier nach kurzem Gesumse auf mein linkes Knie setzt, gerate ich in Panik. Ich sehe, wie Walters rechte Hand am Lenkrad zuckt. Der Schlag von vorhin ist mir noch in heftiger Erinnerung. Mit purer Verzweiflung und aus dem Handgelenk heraus versuche ich, das Insekt zu fangen.

"Host as?" "Jaa-a." Das ist in diesem Fall eine erlaubte Notlüge, denke ich. Ich tue auch so, als wäre ich meiner Sache sicher, öffne das Seitenfenster und die Faust. Tatsächlich, welch Überraschung, löst sich die Fliege, verschwindet im Fahrtwind. "Guat." "Mit der Linken ist man oft besser in solchen Dingen", sage ich, um ihn ein wenig zu trösten.

Wir kommen zu einer Sonderprüfung, gerade werden noch die Hütchen für eine Geschicklichkeits-Übung aufgebaut, Reversieren mit einem zugebundene Auge oder sowas. „Wie llliebe ich diese historischen Motorsportveranstaltungen“. Man erlebt nicht oft Sarkasmus bei Walter. Und weil die Situation so anspruchslos heruntergefahren ist, stelle ich eine Frage, die man sonst eher den Kolleginnen von der Regenbogenpresse überlässt: "Woher nimmst du eigentlich deine anhaltende Faszination am Autofahren, jetzt, wo du schon alles gewonnen hast, doppelt und vierfach??"

Er antwortet sofort: "Wenn ich so geschmeidig eine Kurvenkombination durchfahre und erwische mit den Innenrädern genau den Scheitel und das Auto zieht so sauber durch die Ideallinie, das ist etwas, das mich immer noch so erfreut wie am ersten Tag nach meiner Führerscheinprüfung. Damals musste ich mit dem Porsche 356 einmal nachkorrigieren und schimpfte laut mit mir: ,Röhrl, Blödheit!' Seither achte ich darauf, dass mir das nicht mehr passiert."

So viel also zum Thema „Musikantisch Fahren“.