Heimspiel: mit dem Speedster auf Spurensuche in Hamburg
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Heimspiel: mit dem Speedster auf Spurensuche in Hamburg

Was ist Heimat? Das findet man heraus, indem man in einen Porsche Speedster steigt und eine Nacht lang jeden Ort besucht, der einmal wichtig war – und wieder wichtig wird.

Text: Wiebke Brauer Foto: Michael Nehrmann 18.01.2019 7 min

Hafenstadt, Hansestadt, Hort der Erinnerung. In Hamburg bin ich geboren, aufgewachsen, hängen geblieben, es ist eine zwiespältige Liebe. Die ich zugegebenermaßen auch für diesen Porsche empfinde. Ein seltener, indischroter Traum von 1989, der dem Fotografen Tränen in die Augen treibt – und mich in die Verzweiflung. Weil er keine Servolenkung hat. Weil er zu bunt für diese Stadt ist, in der die Farbe Dunkelblau schon als maximal aufregend gilt. Die Doppel-Hutze des Speedsters, für die ihn manche »Quasimodo« schimpfen, finde ich ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Hinzu kommt eine gewisse meteorologische Sorge. Uns wurde streng verboten, das Verdeck des Museumsfahrzeugs zu schließen. Aber wie hieß es einst in dem Pressetext? »Ein Cabriolet ist ein geschlossenes Auto, das man mit geöffnetem Dach fahren kann. Ein Speedster ist ein offenes Auto, das man mit geschlossenem Dach fahren kann.« Da es jedoch in Hamburg kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur feuchte Luft, darf ich mir auch keine Sorgen machen. Auf dieser Fahrt, bei der es darum geht, den Puls meiner Stadt zu fühlen.

Heimspiel: mit dem Speedster auf Spurensuche in Hamburg

Und der ist beschleunigt, keine Frage. Die Hafencity wächst schneller, als man gucken kann, überall werden Gebäude abgerissen, Kaschemmen und Clubs dem Erdboden gleichgemacht. Wenn in dieser Stadt etwas Tradition hat, dann der Hang zur systematischen Selbstzertrümmerung. Warum? Weil in Hamburg der Denkmalschutz nur gilt, wenn man ihn kommerzialisieren kann. Auf der anderen Seite wachsen und gedeihen Biotope, Subkulturen und politischer Ungehorsam. Der gehört genauso in die Freie und Hansestadt Hamburg wie die kaufmännische Tradition. Vielleicht passt der Wagen doch gut hierher. Weil sich alles ändern muss, damit es so bleibt, wie es ist. Die Stadt – und Porsche. Zum 70. Geburtstag von Porsche wurdeder neue 911 Speedster Concept vorgestellt, eine Studie mit mehr als 500 PS. Dieser hat 231. Ich starte den Motor. Ein dezent gefährliches Grollen erklingt.

Wer Autos und die norddeutsche Hafenmetropole gleichermaßen liebt, fährt auf die Köhlbrandbrücke. Wie lange es das Wahrzeichen noch gibt, steht in den Sternen, die Brücke ist zu alt, zu niedrig für die neuen Containerschiffe – und der direkte Weg in den Himmel. Blassblau an diesem Abend, nur ein Schleier liegt über der bleichen Sonne. Von hier oben scheint Hamburg unendlich zu sein, weltmännisch, grenzenlos, offen. Der Wind weht, der Motor röhrt über den Horizont hinweg und das Leben ist übersichtlich. 3.618 Meter lang ist die Brücke. Das ist die große Freiheit.

Heimspiel: mit dem Speedster auf Spurensuche in Hamburg
Heimspiel: mit dem Speedster auf Spurensuche in Hamburg

Die erste Station ist der Großmarkt. In den Hallen mit dem wellenförmigen Dach wird mit allem gehandelt, was blüht oder verzehrt werden kann: Blumen, Fisch, Fleisch, Tee, Gewürze, Nüsse. Inzwischen findet sich in dem Gebäude auch ein Theater, Konzerte werden gegeben, Musicals aufgeführt. Dass Hamburg der weltweit drittgrößte Musicalstandort nach New York und London ist, darüber spricht man in der Hansestadt eher ungern. In der Elbphilharmonie muss man gewesen sein, das natürlich schon, aber populäres Musiktheater ist unfein.

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Der Blick vom Parkdeck ist grandios, doch der Fotograf beginnt zu drängeln, das Licht verändert sich. Rein in den Porsche, wir fahren weiter in das Oberhafenquartier. Das liegt zwischen dem Großmarkt und der HafenCity, ein 67.000 Quadratmeter großes Areal, das bis vor wenigen Jahren als Lager- und Logistikzentrum genutzt wurde. Inzwischen hat sich auf dem Gebiet eine Subkultur gebildet – gefördert von der Stadt. Wir fahren über Kopfsteinpflaster zwischen lang gestreckten Lagerhallen aus Backstein hindurch, dahinter liegen ehemalige Gleisanlagen. In den Gebäuden gedeiht ein Kreativzentrum mit Künstlern, Designern und Fotografen, in einer Halle hat sich ein Markt für regionale Produkte mit zugehörigem Restaurant (und gepfefferten Preisen) eingenistet.

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Ich bewege den Porsche langsam durch Menschengruppen, die zu einer Veranstaltung strömen. Schiefe Blicke gibt es keine, in dieser Stadt ist man den Kulturclash gewohnt, 859 Millionäre und acht Milliardäre wohnen hier. Die meisten davon an der Elbe, ein paar vermutlich in der HafenCity, das ständig wachsende neue Viertel gilt als Feuchtbiotop für Reiche, Spekulanten – und für Brückenkreuzspinnen. Seit Baubeginn hat man über die gewaltigen Kolonien gelesen, die in der HafenCity und in der Speicherstadt herumkrabbeln. Richtig geglaubt habe ich es nie. Bis jetzt. Kaum habe ich den Wagen unter einer Fußgängerbrücke in der Speicherstadt abgestellt und nach oben geblickt, entdecke ich eine Spinne. Spinne? Diese Arachnide wiegt etwa ein Pfund. Ihr Netz hat sie direkt unter die Funzel gespannt, die gelblich-oranges Natriumdampflicht verbreitet und weniger Insekten anziehen soll. Vermutlich ernährt sie sich von Touristen.

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Als der Fotograf anfängt, von Farbtemperaturen zu faseln und ich in einem Fleet einen gigantischen, leichenblassen Fisch entdecke, der in das schlammige Wasser abtaucht, beschließe ich, dass wir sofort fahren müssen. Ich bestehe auf einen Abstecher zur Reeperbahn, obwohl man die Meile inzwischen meidet – aber ich bin nostalgisch. In den 80ern bin ich mal aus einer Peepshow geschmissen worden (wir waren jung und neugierig), ich erinnere mich an den Straßenstrich unten an der Elbe, die Live-Shows und Porno-Kinos auf dem Kiez. Nach den Verboten und Schließungen war es vorbei mit dem Rotlicht-Milieu. Doch dafür entstanden in den 90ern neue Bars und Clubs. Der Mojo Club eröffnete, der Tempelhof, das Molotow. Ich tanzte die Nächte durch. Vorsichtig laviere ich den Porsche über den inzwischen hochpolierten, glattsanierten Kiez in eine rumpelige Nebenstraße. Vor dem Silbersack machen wir halt. Vor der Kneipe poussiert ein Pärchen, Jugendliche tollen über das Kopfsteinpflaster. Man ahnt noch das alte St. Pauli, in dem sich unstillbare Sehnsucht mit schalem Alkoholdunst mischt. Vermutlich ist es ein bisschen wie mit dem Porsche. Auch er hat sich erneuert, genau wie meine Stadt. Aber nicht an diesem Ort, in der Silbersackstraße Ecke Querstraße. Hier bilden der Speedster und die Spelunke eine perfekte Projektionsfläche: für das Ehrliche, das Dreckige und das ewigliche Versprechen, richtig Gas geben zu können und sich frei, jung und unbesiegbar zu fühlen.

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