Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer

Intelligent Performance: Michael Mauer über den neuen Elfer

Design erzählt die Story, wird zum Statement. So gesehen darf man den neuen Porsche 911 als ebenso klare wie wirksame Ansage feiern. Ein Gespräch mit Chefdesigner Michael Mauer.

Interview: Michael Köckritz Foto: ramp.pictures 18.12.2018 8 min

Was genau hat es mit dem Klebeband auf sich?

Tapen ist der Nukleus des agilen Entwickelns, das immer als Sprint bezeichnet wird und das Tapen ist der Ultrasprint, weil man innerhalb von Minuten eine Linie für gut befinden – oder sofort eine andere Richtung ausprobieren kann.

Also ein relevanter wie rascher Vorgang?

Ja, das Tapen ist in der Modellentwicklung immer noch eine der allerwichtigsten Tätigkeiten. Weil man anhand dessen sehr schön erkennen kann, ob Linien funktionieren. Das heißt, über das Tape lässt sich kontrollieren, ob die Linien, die mathematisch erzeugt worden sind, in der Realität sauber laufen. Wenn ich zum Beispiel von hinten auf das Auto schaue, kann ich über das Tapen ganz feine Linien oder auch Flächen, auf denen die Linien liegen, optimieren.

Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer
Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer
Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer
Der neue 911 vermittelt über seine Gestaltung die Freude an der Form.
Michael Mauer
Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer

Und welche typischen Elferlinien erkennen wir beim Porsche 992, dem neuen 911?

Der erste 911 gab mit seiner Grundform auch hier die Linien vor, die bis heute prägen. Hier besticht auch beim neuen Modell vor allem die Seitenansicht mit der charakteristischen, nach hinten abfallenden Dachlinie – das, was wir »unsere Flyline« nennen –, die in den Rücken übergeht. Dazu kommt die typische Seitenscheibengrafik, die diese Linie zusätzlich noch markant betont. Am neuen 992 ist hier keine Linie zu viel, die Seitenansicht lebt einzig und alleine von ihrer Spannung und deren Ausformung. Dann die Fahrzeugkabine, das Greenhouse, das sich nach hinten verjüngt und die starken Schultern über den Hinterrädern jetzt noch deutlicher betont.

Die weiteren guten Perspektiven?

Wenn man den 992 direkt von vorne betrachtet, dominiert wie immer das Thema der Scheinwerfer und der Kotflügel – und die Bewegung über die Kotflügel. Diese Topografie rührt daher, dass sich beim 911 der Motor hinten befindet. Dadurch entsteht an dieser Stelle ein Freiheitsgrad, der wiederum etwas ganz Typisches für den 911 darstellt. Er hat keinen Kühlergrill, aber einen ­Lufteinlass und Scheinwerfer, die im weitesten Sinne eine runde Outline haben und formal eine stimmige Einheit mit den vorderen Kotflügeln und der dazwischenliegenden tieferen und flachen Fronthaube bieten. Und wenn wir über die Heckansicht sprechen, kommen die Endrohre und das tief platzierte Nummernschild hinzu. Die Optik des Hecks definiert sich jetzt über das neue und markante Leuchtenband im Zusammenspiel mit den Endrohren, dem tief platzierten Nummernschild und der formalen Integration von Heckscheibe und Motorraumgitter. Alles eindeutig und clean zugleich. Die dritte Bremsleuchte wird zum zusätzlichen Ausrufezeichen. Eine bewusste Hingucker-Provokation. Man erkennt sofort: Das ist er! Vor mir fährt jetzt der neue Elfer.

Insgesamt wirkt die Karosserie jetzt kompakter. Wie haben Sie das erreicht?

Dass Autos immer größer werden, ist ein generelles Phänomen. Der 911 ist dabei im Vergleich zu seinen Wettbewerbern noch relativ zierlich. Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, war, dass wir das Auto wieder kompakter erscheinen lassen wollten. Und knackiger. Das Bild, das ich vor Augen hatte, war Arnold Schwarzenegger, der ein nasses T-Shirt trägt, das eine Nummer zu klein ist – und unter dem sich jeder Muskel abzeichnet. Ein 911 sollte immer den durchtrainierten Eindruck vermitteln, nicht ein einziges Gramm Fett zu viel zu haben.

Und der Weg dahin?

Genau genommen ist es ein schöner Gestaltungstrick, der auch schon beim ersten Turbo, dem 930, mit Erfolg angewandt wurde. Dabei bleibt die Karosserie schmal, während man die Räder einfach über die Radläufe extrem herausarbeitet. Plötzlich wirkt alles zugleich kompakter und breiter.

Spricht auch das Interieur weiter eine typische Elfer-Sprache?

Im Innern zählt nach wie vor nur die konsequente Fahrerorientierung. Der Eindruck, in einem Auto zu sitzen, das sich ideal anbietet. Das gute Gefühl, das Wesentliche immer im Blick zu haben. Bewusst oder auch intuitiv. Je nach Stimmung und Situation. Das Design übersetzt die technischen Optionen, der Fahrer bestimmt und hat die Kontrolle. Der typische Drehzahlmesser bleibt auch im 992 analog und ist als zentrales Element in der Mitte platziert, eingerahmt von digitalen Bildschirmen außen, dazu eine ansteigende Mittelkonsole. Ein über die Instrumente laufendes Flügelprofil betont die Breite.

Das Zündschloss?

Links.

Das wird auch immer so bleiben, oder?

Im Moment würde ich das schon sagen, ja. Ob es immer ein Schlüssel sein wird, weiß ich dann allerdings nicht. Fest steht: Links erweckt man einen Porsche zum Leben.

Noch etwas, das immer bleiben wird?

Die Reduktion, die Beschränkung auf das Wesentliche, der Anspruch, dass Technik und Form ebenso untrennbar wie zeitlos attraktiv miteinander verbunden sind. Ein 911 wird niemals alt aussehen.

Porsche ist der Inbegriff eines Sportwagens, der 911 eine Designikone. Hat man Respekt oder Angst, so ein Auto neu anzugehen?

Respekt ja. Angst nein. Ich sage immer spaßeshalber, dass es ein ganz normaler Prozess ist. Ich würde aber lügen, wenn ich behaupten würde, dass dieser Prozess nach Schema X abläuft. Es ist eine Entwicklung, die auch von etwas intensiveren Diskussionen lebt. Schließlich verkörpert der 911 den Kern unserer Marke.

Intelligent Performance : Michael Mauer über den neuen Elfer
Intelligent Performance - Michael Mauer Interview

Deshalb ist das Auto auch weiterhin von großer wirtschaftlicher Bedeutung für die Marke. Haben Sie das als Designer im Blick?

Na ja, als Designer gehe ich grundsätzlich davon aus, dass Design der wesentliche Kaufgrund ist. Insofern hat das Design durchaus große Auswirkungen auf den Erfolg des Produkts. Dieser Verantwortung sind wir Designer uns immer bewusst. Porsche steht für ein Lebensgefühl, und wer einen Porsche kauft, denkt nicht nur an das Produkt, sondern an die damit verbundenen Erlebnisse. Design hat somit Signalwirkung, schafft Identität, verspricht und wird zur Kontakt- und Beziehungsfläche. Design macht den Unterschied. Optisch, haptisch, sinnlich.

Die Aufgabe auf den Punkt gebracht?

Jeder 911 signalisiert eine klare Produktidentität – und ist doch immer sofort als DER NEUE 911 zu erkennen. Außerdem entwickeln wir mit jeder neuen Evolutionsstufe des 911 immer wieder neue Designelemente, die das Potenzial haben, in unseren anderen Modellreihen zur Anwendung zu kommen.

Die Rolle der Farbe?

Bei dem Thema Farbe befinden wir uns natürlich auf einer individuellen Geschmacksebene. Jeder verknüpft mit einer Farbe etwas anderes, und wir wissen, dass alles, was wir wahrnehmen, einen emotionalen Fußabdruck hinterlässt. Jeder hat seine Vorlieben. Ich persönlich mag eher die hellen Nuancen, da sie sich am besten zum Beurteilen der Form und Linien eignen.

Wenn Sie dem neuen Modell einen Begriff zuordnen müssten, wie würde der lauten?

In meiner Vorstellung ist es ein Supersportwagen mit einem enormen Performance-Potenzial. Der neue 911 vermittelt über seine Gestaltung die Freude an der Form. Dabei ist er pur, klar und auf eine sehr stilsichere Art und Weise selbstbewusst. Nichts ist überzogen oder laut. Das Auto ruht kraftvoll-konzentriert in sich. Damit muss man niemandem etwas beweisen. »Souveräne Performance« wäre ein Begriff, der die Sache meiner Ansicht nach gut trifft.

VITA

Michael Mauer, Jahrgang 1962, studierte in Pforzheim Automobildesign. Er war in unterschiedlichen Projekten leitend bei Mercedes-Benz tätig, entwickelte als Executive Director Design bei Saab den 9-3 und den 9X und ist seit 2004 bei Porsche Leiter der Design-Abteilung. Seit 2015 ist Mauer zudem mit der Leitung des Konzernbereichs Design der Volkswagen AG betraut.

Info: Erstmals erschienen in der rampstyle #17