Mach mal Pause

Mittagspause. Und jetzt? Thomas Bubendorfer rät dringend zu einem Spaziergang. Das steigert enorm die Effizienz, verrät der Extrembergsteiger und Buchautor im Interview. Unter anderem.

Interview: Michael Köckritz Foto: Matthias Mederer 20.02.2019 6 min

Thomas Bubendorfer lebt in Monaco, diesem etwas eigenwilligen Stadtstaat an der südfranzösischen Côté d’Azur. Als er im Jahr 2017 beim Eisklettern aus einer Höhe von rund 15 Metern abstürzt, liegt er sieben Minuten bewusstlos in einem Fluss und danach sechs Tage im Koma. 13 Monate später klettert er eine neue Route in der Südwand des Großglockner. Sein Credo: nicht stehen bleiben. Aber: Bubendorfer sagt auch: »Ruhephasen sind die Voraussetzung für zukünftige Leistung.« Aber wie geht das mit diesen Ruhephasen? Für rampstyle No. 17 sind wir in einem Porsche Panamera Sport Turismo mit Bubendorfer zu seinem Hausberg nahe Monaco gefahren und haben ihn gefragt.

Wie sieht die ideale Pause aus?

Bewegung ist der Schlüssel. Das liegt in unserer Evolution begründet. Unsere Vorfahren sind im Schnitt 25 bis 30 Kilometer am Tag gegangen. Nicht gerannt. Die hatten nur Stress bei der Jagd, aber die hat nie lange gedauert. Im Laufe der Evolution hat sich dann die Adrenalingruppe gebildet, damit wir in den kurzen Momenten maximale Leistung bringen können. Auch um keinen Schmerz zu spüren. Stress ist prinzipiell nichts Schlechtes, aber wenn man ihn nicht ausgleicht, wird er gesundheitsschädlich.

Wie macht man das?

Mach einen Abendspaziergang. Trink ein Glas Wein. Schalte aber auch dein Smartphone und alle Geräte ab. Man sollte auch vor Mitternacht schlafen, weil zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens bei allen Menschen die Wachstumshormone aktiv sind. Die reparieren alles, was kaputt ist. Das geht aber nur, wenn der Cortisolspiegel niedrig ist.

Das heißt auch, dass intensiver Sport am Abend nicht die beste Idee ist ...?

Wenn man einen hohen Adrenalinspiegel hat, suggeriert der: Hey, der Säbelzahntiger ist hinter dir her, renn weiter. Und nicht: geh mal spazieren.

Knifflig.

Logisch ist es nicht. Wäre es nicht toll, wenn wir mit den Menschen genau so umgehen wie mit Autos, Aufzügen und dem ganzen Zeug? Das wird regelmäßig gewartet. Aber kein Mensch weiß, wie es seinem vegetativen Nervensystem geht.

Und wie findet man das heraus?

Das ist mein Thema. Das vegetative Nervensystem besteht aus Sympathikus und Parasympathikus, der Sympathikus ist für das Erbringen von geistiger und körperlicher Leistung zuständig, der Parasympathikus für die Erholung. Und das vegetative Nervensystem ist ans Herz gekoppelt, erzeugt Strom – und den kann man einfach messen. Wir wissen, dass das Verhältnis zwischen Sympathikus und Parasympathikus höchstens eins zu zwei betragen sollte. Der Sympathikus ist latent immer stärker. Aber bei 70 Prozent der Menschen, die wir messen, liegt das Verhältnis bei eins zu 32. Wenn das auch noch Leute sind, die Marathon machen, Mountainbiken und Tennis spielen, sage ich, dass die ganze Fitness nichts nutzt, wenn sie sich nicht mehr erholen können. Dazu arbeiten viele nicht nur acht Stunden, sondern mehr. Entweder sie sind unfit und können sich nicht mehr erholen, weil der Parasympathikus belastet ist, oder sie sind fit und können sich nicht mehr erholen. Einen Vorstand, der fit ist und erholungsfähig, den haben wir noch nie gehabt.

Noch nie?

Nie. Wenn ich in so einem Zustand bin, weiß ich, dass ich mein Potenzial gar nicht ausschöpfe. Das ist biologisch und neurologisch unmöglich. Wenn ich aber nur sechzig Prozent meines Potenzials ausschöpfen kann, brauche ich für die Arbeit, die ich zu erledigen habe, viel länger. Und die Qualität sinkt.

Wie sieht der ideale Arbeitstag aus?

Man steigert die geistige Leistungsfähigkeit zwischen 40 und 60 Prozent, wenn man alle 55 Minuten eine Pause von sechs Minuten macht und sich in diesen Pausen bewegt. Man muss das Wichtige am Vormittag machen. Der Cortisolspiegel von einem gesunden Menschen – Cortisol ist ja was Gutes, weil es leistungsfähig macht – steigt zwischen 6 und 8 Uhr morgens an, dann hat er einen Peak am Mittag. Bis 16 oder 17 Uhr sinkt er wieder, dann sollte er bis Mitternacht auf null sein. Du machst also das Entscheidende am Vormittag, zwischen 12 und 15 Uhr dann Routinegeschichten. Aber wenn man schlau ist, macht man zu Mittag eine eineinhalbstündige Pause – was die Leistungsfähigkeit am Nachmittag mindestens verdoppelt.

Und was macht man am besten in dieser Mittagspause?

Eine halbe Stunde spazieren gehen, eine Kleinigkeit essen und sich dann hinlegen. Das steigert Kreativität und Leistungsfähigkeit dramatisch. Ich weiß auch nicht, warum Konferenzen immer im Sitzen abgehalten werden. Wir wissen, dass die Kreativität im Gehen um 16 Prozent steigt. Zum Beispiel hat Napoleon die Besprechungen mit seinen Generälen im Gehen abgehalten.

THOMAS BUBENDORFER wurde am 14. Mai 1962 im österreichischen Salzburg geboren, genoss eine humanistische Ausbildung und ging auf ein englisches Privat-Internat. Mit zwölf Jahren entdeckte er die Berge für sich. Bubendorfer bestieg als Erster die Eiger-Nordwand und die Matterhorn-Nordwand ohne Seil. 1984 hielt er seinen ersten Vortrag vor Führungskräften zum Thema Motivation, inzwischen sind es über 900 – zudem schrieb er mehrere Bücher. Als Philosoph unter den Kletterern beherzigt er den Sinnspruch des Großvaters: »Was hast du für deinen Kopf getan?«

Mehr unter: www.bubendorfer.com