Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.  - Header Image
All translations for this page: Other translations for this page:

Langeweile? Eher lange Weilen. Im Porsche 911 GT3 Touring.

Weil die Farbe Blau Ruhe und Sicherheit signalisiert, ermutigt sie, außerhalb des gewohnten Rahmens zu denken und kreativ zu sein. Also nehmen wir die Einladung an und bleiben gelassen, entziehen uns dem Weihnachtstrubel. Mit etwas Glück erleben wir sogar Langeweile. Eine Autofahrt ins Blaue.

Text: Michael Köckritz Foto: Matthias Mederer 27.12.2018 8 min

Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.

Die Welt erfindet sich im Schleudergang neu und alle, alles und sich selbst dann sowieso. Mal wieder. Kennen wir schon. Nicht wirklich neu. Nur immer wieder neu erlebt. Wie eben jetzt, wo sich ein digitaler Wandel in frischer Kombination mit einer immer komplexeren Welt allen zukunfts- und karriereausgerichteten Welt- und Selbstoptimierern wunderbar als Aufregungsverstärker anbietet.

Gegenwartseitelkeit nennt der Zukunftsforscher Matthias Horx das Phänomen, dass wir uns subjektiv und kollektiv in besonders bewegten, schnelllebigen, dynamischen und aufgeregten Zeiten wähnen. Also ist man auch ebenso gerne entsprechend blauäugig beherzt wie hyperaktionistisch eifrig unterwegs. Man ist ja wichtig. Ziemlich anstrengend. Dabei bringt’s eigentlich gar nicht so viel. Zielführend geht anders.

Man könnte zum Beispiel erst einmal gar nichts machen.

Gar nicht so leicht, für diesen Beitrag mal nichts zu tun, Langeweile pur zuzulassen, sich zu trauen, faul zu sein! Außerdem war ich zur Verschärfung der Aufgabe in einem Porsche unterwegs. In einem 911 GT3 Touring. Langeweile? Aber hallo! Ausgeschlossen. Eher lange Weilen. Harter Job. Dafür war das Auto wenigstens heftmottoangemessen in Blau. Irgendwie jedenfalls. Graphitpearleffektblau nennt sich der Farbton und gibt sich leicht bis deutlich grau. Mit einem anderen Blick auf die Angelegenheit könnte man aber auch fröhlich feststellen, dass selbst das Grau bei Porsche gerne mal (auf) Blau macht. Grau atmet tiefenentspannt Blau. Bis man Gas gibt. Dann hält alles Grau der Welt die Luft an.

Aber ganz lässig langsam und mutig assoziativ der Faktencheck-Reihe nach:

Die menschliche Neigung, in unübersichtlichen Situationen aktionistisch zu agieren, wird im wissenschaftlichen Kontext »Action Bias« genannt. Der Begriff »Bias« steht für eine systematische Fehleinschätzung und typische Abweichung vom rationalen Handlungskalkül. Dummerweise gibt es gleich über einhundert solcher »wiederkehrender Denkfehler«, die sich teilweise sogar gegenseitig verstärken. Und ganz besonders dummerweise sind wir extrem anfällig für diese Dinger, was auch damit zusammenhängt, dass wir grundsätzlich nicht bewusst rational entscheiden, sondern unbewusst intuitiv. Das Bewusstsein versucht anschließend lediglich als folgsame Funktion des Unbewussten, alles mit Regeln und Formeln sowie den resultierenden Geschichten irgendwie erklär- und fassbar zu machen. Na ja, und das gelingt dann eben nicht immer. »Ökonomen gehen davon aus, dass Menschen Gehirne von Supercomputern haben«, sagt der aktuelle Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler. »In Wirklichkeit ist der menschliche Geist eher wie ein alter Apple Mac, langsam und anfällig für häufige Crashs.« Ohnehin haben die Pioniere der neuen Verhaltensökonomie das Menschenbild des rationalen Homo oeconomicus mit einer Reihe raffinierter Experimente längst in die Auslaufzone gedrängt.

Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.
Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.
Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.
Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.

Jetzt könnte man den Action Bias leicht als neuzeitliches Hektik-Phänomen deuten, eine Art kulturelles oder zivilisatorisches ADHS. Rolf Dobelli, der in seinem Brevier »Die Kunst des klaren Denkens« den Action Bias als einen von 52 Denkfehlern listet, leitet ihn evolutionsbiologisch her. Optimiert sind wir für eine Jäger-und-Sammler-Umgebung. Blitzschnelles Reagieren überlebenswichtig. Also verspüren wir in unklaren Situationen eben den Impuls, aktiv zu werden, etwas zu tun, irgendetwas, egal ob es hilft oder nicht oder vielleicht gar schaden könnte. Hauptsache Aktion. Wir handeln tendenziell zu schnell und zu oft. Danach fühlen wir uns besser – selbst wenn sich tatsächlich nichts zum Besseren gewendet haben sollte.

Was wohl passiert, wenn so eine Prägung auf eine VUKA*-Welt trifft wie gegenwärtig? Genau! Und jetzt?

Warten wir doch lieber einmal ab.

»Wahre Profis warten so lange sie eben können«, postuliert Frank Partnoy in seinem Buch mit dem schlichten Titel »Wait« als Kernbotschaft. Partnoy muss es wissen. Immerhin gilt er als einer der weltweit führenden Experten, wenn es um die Komplexität der modernen Finanz- und Finanzmarktregulierung geht. Man muss eben nur die Nerven behalten.

Selbst Steve Jobs verkündete mal mit selbstverständlicher Gelassenheit, »I’m going to wait for the next big thing«, und mit einer »Lethargie an der Grenze des Faultierhaften« war der Unternehmer und Großinvestor Warren Buffett nach eigener Aussage immer am erfolgreichsten. Guter Plan.

»Wenn du dich bewegst, musst du wissen, wohin. Wenn du dich nicht bewegst, musst du wissen, warum«, sagt Holm Friebe in der Einleitung zu seinem ebenso anregend-unterhaltsamen wie substanziell-klugen Buch »Die Stein-Strategie: Von der Kunst, nicht zu handeln«. Mit »KEEP CALM AND CARRY ON« bringt Friebe die Botschaft der von ihm entwickelten »Stein-Strategie« dann auf den Punkt. »Staying put« wird für ihn zum wunderbaren Prinzip. Die Dinge liegen lassen. Nicht handeln, abwarten.

Mit Bremsen, Verhindern und schlichter Passivität hat das hier jedoch nichts zu tun. Auch nicht mit einem Müßiggang, der das Rasten und Pausieren als notwendige Unterbrechung zu Zwecken der Rekreation empfiehlt. Ganz im Gegenteil. Unterlassen als Strategie setzt nämlich voraus, dass man auch immer handeln könnte. Man entscheidet sich nur (unbewusst) bewusst dagegen. »Die Bedingung der möglichen Verhaltensalternativen ist ein konstitutives Moment des Unterlassens«, stellt der Philosoph Dieter Birnbacher klar.

Mitunter kann Passivität dann sogar regelrecht beflügeln. Man muss Langeweile und Faulheit nur einmal gezielt zulassen.

Bleibt die Frage nach dem Wert der Faulheit in unserer Welt mit ihrer allgegenwärtigen Verehrung des Arbeitsfetisches. Weil wiederum ich augenblicklich zu faul bin, ein entsprechendes Plädoyer ausgiebig zu entwickeln, halte ich es stil­sicher entsprechend kurz: Wir können stolz auf unsere Faulheit sein. Wir verdanken ihr Fortschritt und Wohlstand. Wir realisieren es nur zu selten. Das Wesen der Ökonomie besteht bekanntlich darin, menschliche Energie und Zeit einzusparen. Faulheit wird also nur zur logisch-konsequenten Extremlösung. »Faulheit denkt scharf«, verrät eine Volksweisheit, »Faulheit ist die Mutter des Fortschritts«, eine andere. Die Dosierung macht’s auch hier. Noch Fragen?

Trying to get bored? A tough assignment, if you sit in a 911 GT3 Touring.

VUKA (englisch VUCA) beschreibt eine Welt, die durch – Volatilität (englisch: volatility), – Unsicherheit (englisch: uncertainty), – Komplexität (englisch: complexity) und – Ambiguität/Ambivalenz (englisch Ambiguity) gekennzeichnet ist.