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Der Abenteurer und die Zeitmaschine: Kyle Meyr

Kyle Meyr ist abenteuersüchtig. Sagt er selbst über sich. Er packt durchaus mal seinen Rucksack, um mitten in der Nacht und mitten in der Wildnis den Sternenhimmel zu genießen. Und zu fotografieren. Und wenn so ein silberner 911 SC Targa um die Ecke kommt, drückt er ebenso gerne auf den Auslöser. Zum Glück.

Text: Jack Weil Foto: Kyle Meyr 24.04.2020 7 min

Wenn Kyle Meyr sich selbst charakterisieren soll, dann nennt er drei Begriffe: »Autos, Kameras und die Natur.« Das Ganze mixt der Fotograf und Journalist mit einer großen Portion Abenteuerlust – und scheut dabei auch nicht die Suchtgefahr. »Ich habe meine Karriere und meine Leidenschaft darauf aufgebaut, meine Kamera mit wirklich coolem Scheiß bekannt zu machen.« Sagt der Fotograf mit norwegischen und amerikanischen Wurzeln über seinen Beruf. Die coolen Sachen findet er beim Wandern, Skifahren oder Autofahren. Sein Sehnsuchtsland ist Norwegen. Praktischerweise lebt er auch dort. Wenn dann noch ein Porsche 959 vorfährt, sind die Zutaten für eine perfekte Story à la Kyle Meyr angerichtet.

Hallo Kyle, Du hast uns ein paar schöne Aufnahmen eines silbernen 911 SC Targa mitgebracht. Warum ist so ein Porsche das perfekte Fotomotiv?

Porsche hat seine Fahrzeuge immer so designt, dass sie von sich aus fotogen sind. Die Flyline, die Schultern, die Lichter ... Vom ersten Tag an prägt sie eine einzigartige und wiedererkennbare Silhouette, die das Licht in jeder Situation wunderbar einfängt. Außerdem sind die 911er auch Zeitmaschinen: Mit subtilen Veränderungen im Design erzählen sie die Geschichte des jeweiligen Modells. Der Ur-Elfer ist raffiniert und scharf, der 930 ist einschüchternd und stark. Der 993 wiederum eher technisch und innovativ. Und so weiter, bis hin zum 992 mit all seiner Modernität und Eleganz. Der vor allem eine Ähnlichkeit mit dem ersten Elfer aufweist. Er schätzt das Beste der Vergangenheit wert und spiegelt es auf seine Art wider. Es gibt so viele Geschichten in den Linien eines Porsche. Und ich bin vernarrt in das, was sie erzählen.

Hast Du auch ein Lieblingsfoto aus Deinem Portfolio, in das Du vernarrt bist?

In meiner Lightroom-Bibliothek habe ich mehr als 300.000 Fotos ... Sich da einen Favoriten zu suchen, wünsche ich niemandem! (Lacht). Aktuell gibt es aber sogar einen. Es ist dieses Foto vom Preikestolen in Norwegen. Ich habe es vor Kurzem während des Lockdowns aufgenommen.

Vorher war ich noch nie dort. Weil aber die Grenzen geschlossen waren, mein Arbeitsleben auf Eis liegt und das Wetter perfekt sein sollte, dachte ich mir: jetzt oder nie. Also habe ich meine Tasche gepackt, bin meditative acht Stunden gefahren, zwei genauso entspannende Stunden gewandert und habe mein Zelt auf dem komplett leeren Preikestolen aufgeschlagen. Ich saß allein da und habe mir den Sonnenuntergang angeschaut. Dann habe ich meinen Wecker auf 1 Uhr nachts gestellt und mir die Sterne ohne die störenden Lichter der Stadt angeschaut. Gleiches Spiel um 5 Uhr morgens: den Wecker stellen und dann dieses Foto der 600 Meter hohen Klippe machen. Das war nur Augenblicke, nachdem die Morgensonne über dem Fjord aufgegangen war.

Das Beste war dabei, dass ich es niemandem erzählt habe. Keine sozialen Medien, keine Nachricht. Dieser Moment gehörte mir und nur mir allein. Es ist das erste Mal, dass ich dieses Foto jemandem zeige. Deshalb ist es mein aktuelles Lieblingsfoto.

Wie erzählt man eine gute Geschichte wie die gerade eben?

Eine gute Geschichte beginnt immer mit persönlichen Erfahrungen. Mangelndes Wissen kann dich in Schwierigkeiten bringen – vor allem zu Beginn deiner Karriere. Es ist nicht nur schwieriger, sich im Thema zurechtzufinden, man merkt es auch der fertigen Story an. Ein kleiner Fehler oder eine allzu vage Vermutung kann dich die Glaubwürdigkeit kosten. Der erste Schritt besteht also darin, über das zu schreiben, was man kennt. Und wenn man nicht genug weiß, dann recherchiert man und füllt die Lücken. Ein großartiges Beispiel dafür ist Hunter S. Thompson mit seinem Buch über die Hells Angels. Dafür hat er ein Jahr unter ihnen gelebt. Bei der Art und Weise, wie er die Geschichten erzählte, war er kompromisslos. Er hat sich absolut darin vertieft. Deshalb wird er heute auch von so vielen bewundert.

Was treibt Dich dabei an?

Ich hatte schon immer eine Leidenschaft für die Themen, die ich heute fotografiere. Ich bin mit Autos aufgewachsen – mein Vater war ein echter Petrolhead. Eines seiner Autos hat mich damals besonders beeindruckt. Das war sein 1970er Dodge Challenger 440 Six Pack. Dieses Cabrio ohne Sicherheitsgurte wurde aus Leidenschaft gefahren. Es war nicht praktisch, es war nicht nützlich, aber es hat verdammt viel Spaß gemacht. Und das wurde zu meinem persönlichen Thema: Meine Arbeit ist nicht bequem, nicht besonders nützlich, aber sie macht verdammt viel Spaß ...

Dasselbe könnte ich über meine »Sucht« nach Natur, Skifahren, Abenteuer und Ähnlichem sagen. Ich habe einen Weg gewählt, den andere scheuen würden. Aber ich bin einfach zu neugierig, um ihn nicht zu nehmen. Und hier bin ich nun.

Deine Bilder strahlen alle eine klare Ästhetik aus, und Du bist oft mit leichtem Gepäck in der Natur unterwegs. Kannst Du uns sagen, warum im Leben weniger mehr ist?

Das Reisen mit leichtem Gepäck hat etwas total Authentisches. Alles was ich dabei habe, beeinflusst die Geschichte – genauso wie jedes Licht, das ich dem Foto hinzufüge, jede Farbe die ich einstelle, jedes Model, jedes Kleidungsstück, das ich trage. Und so weiter. Je mehr man da ändert, desto weiter entfernt man sich von der Wahrheit. Das Leben in seiner puren Schönheit zu schätzen, darin liegt für mich der Schlüssel.

Manchen mag das Leben an sich vielleicht nicht schön genug vorkommen. Elemente zu einer Story hinzuzufügen, ist natürlich verlockend. Aber wenn man es falsch macht, dann leidet das Endergebnis. Und das stört mich an der von Social Media geprägten Fotografie heutzutage: Vielleicht geht es in einer Szene gerade gar nicht um dich selbst – also stell dich auch nicht in den Weg der Geschichte, die du gerade erzählen willst.

Dein nächstes Projekt?

Ich wünschte, ich wüsste es. Covid 19 hat mich in nächster Zeit all meiner Arbeiten beraubt. Die professionelle Kreativszene befindet sich im Moment in einer kollektiven Pause. Und die wird ihre Zeit dauern.

Mein Ziel ist es, die eigenen Fähigkeiten scharf zu halten, weiter zu produzieren und auch etwas Neues auszuprobieren. Ich mache spontane Ausflüge, um in der Natur zu fotografieren, und habe mit Livestreaming und Podcasting angefangen. Und ich fotografiere mehr Autos als je zuvor! Es erinnert mich an das, was ich an dieser Arbeit liebe. Die Freiheit, hinauszugehen und einfach wieder aus Spaß zu fotografieren. Und genau das mache ich jetzt!

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