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Kein anderes Auto

Eine Reise sollte einfach und unkompliziert starten. So wie diese mit einem Porsche 718 Cayman T. Nur so kann sie perfekt werden. Und das war sie dann auch. Beinahe.

Text: Matthias Mederer Foto: Matthias Mederer · ramp.pictures 12.10.2020 12 min

Sie erinnern sich? »Keine Staus. Keine Hektik. Keine Anrufe. Keine Termine. Keine Kompromisse. Kein anderes ... « ... Auto! Nicht ganz. Dennoch taugt dieser Roadtrip mit dem 718 Cayman T fast für einen Werbefilm.

Der Porsche parkt in diesen Tagen meist ziemlich gelangweilt in der ramp-Tiefgarage. Der Grund ist einfach: zu viel Hektik, zu viele Anrufe, zu viele Termine, zu viele Kompromisse. Da bleibt dem Porsche kaum etwas übrig, als sich mit den anderen geparkten Pkw-Kollegen in stummer Trauer an schöne Ausfahrten zu erinnern. Wobei, so zwischen den ganzen höhergelegten, weich gepolsterten, luftgefederten, rollenden Metall-Massage-Salons fühlt sich der 718 Cayman T wahrscheinlich ziemlich außenseitermäßig. Vermutlich rümpfen die anderen sogar die Kühlerhaube über ihn. Was will der Zwerg? Der hat nichts zu bieten, keine Ledersitze, keine Rückbank, keine Soundanlage. So in der Art. Eine schreckliche Vorstellung. Und so steht er da eben: in Alarm-Rot mit Keramik-Carbon-Bremsanlage, leichten Schlaufen als Türöffner, manuell verstellbaren Schalensitzen, Alcantara-Lenkrad und verkürztem Sechsgang-Handschalter. Ansonsten nichts.

Kein Navi, kein Entertainment- oder sonstiges System. Das Ding ist so leer geräumt wie der Bäcker abends kurz vor Ladenschluss am Tag vor einem verlängerten Wochenende. Das Einzige, was an diesem Auto wirklich maximal schwer ist, ist der Tank. Der ist randvoll. Ich starte das Spaß-Gerät, klassisch mit Zündschlüssel, links neben dem Lenkrad. Ein Vierzylinder-Turbo. Gut, dass der nicht die Tiefgarage zusammenbrüllt bis die Alarmanlagen der umstehenden Karossen anspringen, war vorher klar. Aber der Sound ist erwachsen und lässt dich wissen, dass das hier kein Spielzeug für Teenager ist. Schon das Einlegen des Ganges mit Betätigen eines strengen Kupplungspedals hat etwas Nostalgisches. Macht man so heute ja eigentlich kaum noch. Ein bisschen wie Schreibmaschineschreiben.

Nur wohin fahren?

»An die Nordsee.« Sagt eine Stimme im Kopf. »An die Nordsee«, höre ich mich leise die Stimme im Kopf wiederholen. Die Assoziationskette zu diesem Gedanken muss man vielleicht aufschreiben. Es ist Feierabend. Feierabend bedeutet Feierabendbier. Feierabendbier gibt es im Kino nebenan, friesisch-herb, wie es die Brauerei bewirbt. In den 1990er-Jahren gab es hierzu einen Werbefilm, der, mit einer rauchig-ruhigen, sehr markanten Männerstimme unterlegt, eben jenen Text gesprochen hat, der auch oben diesen Beitrag einleitet. Der nicht minder berühmte Leuchtturm, der dieser Brauerei als Sehnsuchtsmotiv im Clip wie auf den Bierdeckeln dient, steht an der Nordsee – genauer gesagt ist es der Leuchtturm in Westerheversand. Also Nordsee!? Einfache Strecke sind das gute 800 Kilometer. Es ist Freitagabend. Fürs Wochenende stehen keine Termine an. »Keine Kompromisse«, höre ich die Stimme im Kopf wieder. »Keine Kompromisse«, höre ich mich die Stimme wiederholen.

Man sollte wissen, das »T« stand bei Porsche ursprünglich mal für das günstige Einstiegsmodell. Ab 1968 gab es das für den 911. Weniger PS, nur 110 statt 130, weniger Gänge (4 statt 5), aber auch weniger Prestige. Wer etwas auf sich hielt, griff zu einem »S«. Mit dem 911 der Baureihe 991 beschloss Porsche dann, die T-Idee neu zu interpretieren. Von günstig kann keine Rede mehr sein, und der Rest ist so kompromisslos auf das Fahren reduziert, dass auch wahre Puristen zunächst mal sprachlos drinsitzen – um dann doch den Haken für das Navi- und Entertainmentsystem in der Optionsliste zu setzen. Der 718 Cayman T steht dem in nichts nach. Eigentlich ist er der T-Idee noch weit näher als der 911. Das Mittelmotorkonzept kommt noch deutlicher zum Tragen.

Ich fahre zunächst auf direktem Weg zum Autoteile-Laden und kaufe mir einen Adapter für den Zigarettenanzünder. So habe ich wenigstens einen USB-Anschluss, um das Handy zum Navigieren zu laden. Purer und kompromissloser wäre es freilich, sich mit einer Straßenkarte den Weg zu suchen, oder sich gar anhand von Straßenschildern zu orientieren, oder mithilfe selbstgebastelter Sonnenuhren auf dem Armaturenbrett, oder was weiß ich ... Ich will es mal so sagen: Ich bin ein kleiner Mann großer Worte. Große Taten sind dann nicht immer so mein Ding. Mir ist der flauschige Bademantel im Spa weit vertrauter als das Zelt bei Wind und Regen. Es heißt, wahre Sieger werden in einer Niederlage geboren. Da gehe ich auf Nummer sicher und gebe hier und da auch mal den entspannten Loser.

Genug geschwätzt. Am Samstagmorgen startet die Mission »Keine Kompromisse«. Fahrzeugnase in den Wind und ab gen Norden. Das Ding mit dem »T« ist bereit, du bist im Grunde ab Tiefgaragenauffahrt verwachsen mit diesem Auto. Die Ergonomie dieser Schalensitze mit dem hauchdünnen Alcantara-Tuch, das an manchen Stellen so etwas wie einen Sitzbezug simuliert, fasst Wirbelsäule, Rücken und Rumpf so perfekt, dass du nicht wieder aussteigen willst. Das, was dieser sehr harte Sitz vor allem auf längerer Strecke leistet, das kriegt keine Osteopathie hin. Nach einer Stunde auf der Autobahn bist du selbst nach einem langen Büro-Tag beschwerdefrei, nach zwei Stunden willst du nie wieder aussteigen. Nach drei Stunden muss ich das erste Mal tanken. Bin aber auch selber schuld. Sicher, ich könnte diesen Zwei-Liter-Turbomotor auch mit Greta-Thunberg-gefällt-das-Litern fahren, aber das bin ich nicht. Und mal ganz ehrlich, den Fahrspaß, den ich aus diesem Fahrzeug mit realistischen 11 bis 14 Litern rauskitzeln kann, den kriegst du bei anderen nicht unter 25 bis 40 Litern. Irgendwie ist das also auch eine Form der Nachhaltigkeit. Und überhaupt, das schiere Tempobolzen auf den langen Geraden ist im 718 beinahe das unspannendste aller spannenden Ereignisse. Keine Frage, er macht das gut, aber mit 300 PS kleben dir halt schon so einige SUV-Schwätzer am Heck.

Zumindest bis zur nächsten schnellen Rechts. Und damit sind wir dann beim eigentlichen Thema: die Kurven! Denn die Kurven machen den Unterschied aus. Überhaupt sind es ja sowieso die Kurven, die alles ausmachen. Das Fahren, die Liebe, das Leben! Im 718 Cayman T lenkst du bei deutschen Autobahntempi in Kurven ein mit einer entspannten Selbstverständlichkeit, mit der ein routinierter Casanova schöne Frauen anspricht. Und immer hast du dieses leicht chauvinistische Lächeln im Gesicht, weil du einfach weißt, dass du noch mit dem geringsten Aufwand ganz easy ans Ziel kommst. Da schaust du dann höchstens mal etwas verwundert in den Rückspiegel, wo sie denn bleiben, die allzu Aufdringlichen von der Gerade eben. Und dann siehst du sie, ganz klein, und sie biegen und würgen und eiern durch die Kurve, dass es ein Graus ist.

Der feine und objektive Ästhet einer sauber gezogenen Querbeschleunigung mag beim Anblick solcherlei Fahrwerks- und Reifenschinderei tatsächlich Übelkeit empfinden, am Steuer eines 718 T aber grinst du dir diabolisch einen und schaust nach vorne. Blickführung ist das Stichwort. Und dann hechelt das adipöse Metallvolk eh wieder hinten ran. Bis zur nächsten Kurve halt. Wirklich aufdringlich wird keiner. Auch der Fahrer eines BMW X6M nicht, der mit exakt doppelter PS-Zahl nach der ersten Links eine Demut in den Sicherheits-Abstand legt, für die er von anderen BMW-Fahrern bei der nächsten Hauptversammlung an der Tankstelle sicher verspottet wird. Es ist ein erhabenes, rhythmisches Langstreckenfahren in diesem Porsche. Es geht nicht um das Ausloten von Grenzbereichen, es geht um die hohe Kunst des sauberen Fahrens. Für nichts anderes ist dieser Cayman gebaut. Jedes Teil ordnet sich dieser Aufgabe bedingungslos unter.

Der Musterschüler unter den Einzelteilen dieser Streberklasse namens 718 Cayman T ist aber die Bremsanlage. Keramik-Carbon. Entwickelt und gebaut ursprünglich mal für Kaliber wie den 911 Turbo oder gar den brachialen Über-Porsche GT2 RS. Diese Anlage zügelt im Hauptberuf Dutzende Male hintereinander einen 918 Spyder aus Tempo 340 runter und fragt anschließend in der Boxengasse völlig unbeeindruckt: »Noch mal?« Überhaupt ist es ja die negative Beschleunigung, wie es im Beamtendeutsch so furchtbar heißt, die alles entscheidet. Und das, was diese Bremsanlage mit der Geschwindigkeit im Zusammenhang mit dem Fliegengewicht von einem Porsche 718 Cayman T anstellt, hat mit den gelernten physikalischen Ereignissen beim Abbremsen eines Pkw nur mehr wenig gemein. Stellen Sie sich einfach vor, Sie gehen mit einem versammelten Chapter der Hell’s Angels zu einer Kneipenschlägerei auf dem Dorf. So ähnlich tritt diese Bremsanlage selbst höchsten Geschwindigkeiten gegenüber. Da wird nicht diskutiert, da wird nicht gequatscht. Ein Tritt (auf’s Bremspedal freilich), und das war es. Das Kräfteverhältnis aus Fahrzeuggewicht und Leistungsfähigkeit dieser Bremsanlage ist so extrem zugunsten der Bremsanlage ausgelegt, dass das geübte vorausschauende Fahren auf der deutschen Autobahn jenseits der 200er-Marke eine neue Dimension erhält: Plötzlich gilt es nicht mehr nur weit nach vorne zu schauen, sondern auch im Innenspiegel weit nach hinten. Vertreterkombis mit Abteilungsleiter-Motorisierung mögen bis zu einem gewissen Tempo gut mitfahren können, sollte es aber tatsächlich mal zu einem ernsthaften Abbremsen kommen, käme dieser 718 so abrupt zum Stehen, dass so gut wie jedes andere Fahrzeug nahezu ungebremst durch einen hindurchfahren würde – selbst mit der Reaktionszeit und den Fähigkeiten eines Rennfahrers am Steuer. In diesem Fall gehen Material und Ingenieurs-Leistung vor Fähigkeiten. Die Demut beim Beschleunigen fördern und fordern ja nahezu alle Porsche, dieser Cayman fordert sie aber auch beim Bremsen.

Am späten Nachmittag parkt der Cayman T dann ein gutes Stück entfernt von der Warft, auf der der Leuchtturm Westerheversand steht. Geht nicht anders. Der Turm will seine Ruhe, zumindest wenn es sich um Autos handelt. Eine steife Brise heißt uns willkommen. Bereits seit den 1970er-Jahren wird der Turm von ebenjener Brauerei als Werbemotiv genutzt. Auch auf den Konservendosen der »Norda«-Fischkonserven ist dieser Turm zu sehen. Und auf dem Filmplakat zu »Otto – der Außerfriesische« ist er auch zu sehen, obwohl er im Film gar nicht vorkommt. Ich mache ein Foto. Dann geht es ins Hotel. Darauf ein Feierabendbier.

Am Sonntag geht es wieder zurück. Und an der Stelle wird es dann ein bisschen peinlich für mich. Ich lasse meine Frau fahren. Sie ist auf die 834 Kilometer fast eine Dreiviertelstunde schneller als ich, was weniger am Fahrstil liegt als vielmehr an der Tatsache, dass sie nur zwei Tankstopps einlegt und auf eine Mittagspause verzichtet. Ansonsten genießt sie die pure Lust am Fahren. Für meinen Geschmack sogar ein bisschen zu sehr.

Ach ja, hatte ich erwähnt, dass sie im vierten Monat schwanger ist?