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Jetzt hören wir also Bewegung

Mit dem Taycan 4S gestaltet Porsche den Einstieg in die Elektromobilität äußerst dynamisch. Das regt an zu einer bewusstseinserweiternden Reise in Zeiten des Neustarts.

Text: Bernd Haase Foto: Porsche 01.06.2020 9 min

Um Stille wahrzunehmen, muss man manchmal schon sehr genau hinhören. Das Fehlen von Flugzeuggeräuschen? Das fast auf null heruntergedimmte Grundrauschen der Hauptstraße am anderen Ende des Wohnviertels? Es braucht manchmal ein paar Tage, wenn nicht Wochen, um solche Veränderungen zu registrieren. So ein Lockdown bietet sich wunderbar an, seine Rezeptionsfähigkeit auf die Probe zu stellen. Hat man sie nämlich einmal entdeckt, die Stille, stellt man fest, dass sie gar nicht so still ist. Was vielleicht daran liegt, dass Menschen natürliche Geräusche wie das Rauschen der Blätter, das Plätschern von Wasser oder den Gesang von Vögeln gar nicht erst als Geräusch identifizieren, sondern als Teil des natürlichen Kosmos empfinden. Der US-Akustikökologe Gordon Hempton bezeichnet daher als Stille die Abwesenheit der Geräuschkulisse einer modernen Welt. Mein Nachbar dagegen empfindet es bereits als äußerst still, wenn der V8 seines Pony Car nur genussvoll vor sich hinblubbert anstatt – vom Gasfuß angestachelt – grimmig zu fauchen.

»Es ist eben eine Frage der Perspektive.«

Einen weiteren Blickwinkel trägt hierzu der Taycan 4S bei. Wenn die E-Sportlimousine von Porsche flach geduckt herangleitet, drängt sich das mit der Stille nämlich unweigerlich in den Vordergrund. Man hört quasi, dass man nichts hört. Nicht im akustisch-physikalischen Sinne. Sondern die über mehr als ein Jahrhundert gelernte automobile Einheit von sportlichem Aussehen und selbstbewusster Geräuschkulisse wird hier in reiner Bewegung aufgelöst. Spannend wird es dann, wenn man dem Taycan 4S nicht lässig dahingleitend in einem Wohngebiet begegnet, sondern in einem seiner natürlichen Biotope. Eine Passstraße bietet sich da prima an. Wenn so ein Taycan 4S also die Linien der Großglockner-Hochalpenstraße oder des Berninapasses in raschen Schwüngen nachzeichnet, fängt das Gehirn des entfernten Beobachters unweigerlich an, seine eigene Geräuschkulisse dazu aufzubauen.

Synästheten können so etwas quasi perfekt, also verschiedene Sinne miteinander zu vermischen. Sie hören Farben oder riechen Wörter. Klingt nach übersinnlicher Esoterik, ist aber äußerst real. Bei einem Experiment der City University London übersetzte beispielsweise jeder fünfte Proband Lichtblitze in Töne, obwohl gar nichts zu hören war. Der Psychiater Markus Zedler bezeichnet diese Fähigkeit als »eine Spielart der Evolution, die es dem Bewusstsein erlaubt, durch die Verknüpfung der Sinne und die Kopplung mit Gefühlen mehr Informationen zu generieren«. Kurz: Das Gehirn ist besser vernetzt.

»Und jetzt lässt uns also der Taycan 4S etwas hören, was überhaupt nicht vorhanden ist. Gar nicht schlecht für einen Sportwagen.«

Die bewusstseinserweiternde Wirkung von Sportwagen hat sich bislang ja eher auf adrenalingeschwängerte Zustände bezogen. Auch das kann der Taycan 4S spielend. Je nach Batterie-Ausstattung (Performance-Batterie oder Performance-Batterie plus) stehen ihm 530 oder 571 PS zur Verfügung. Mit denen wuchtet er seine 2,3 Tonnen Lebendgewicht mithilfe der Launch Control in vier Sekunden von null auf hundert oder in 2,3 Sekunden von 80 auf 120 km/h. Dazu dreht er auf präpariertem Eis munter Pirouetten oder schlängelt sich schon fast leichtfüßig durch sommerliche Kreisverkehre. Porsche 4D-Chassis Control nennt sich die integrierte Fahrwerksregelung. Alle Fahrwerkssysteme werden in Echtzeit analysiert und synchronisiert. Sie optimieren so das Fahrverhalten. Hinzu kommt die elektronische Dämpferregelung Porsche Active Suspension Management (PASM). Das System reagiert gleichermaßen auf den Zustand der Fahrbahn wie auf die Fahrweise. Kontinuierlich wird die Dämpfung für jedes einzelne Rad geregelt. Die aktive Wankstabilisierung Porsche Dynamic Chassis Control Sport (PDCC Sport) arbeitet mit elektromechanischen Stabilisatoren. Bei Bedarf reagiert das System in Millisekunden.

Dazu kommt die Hinterachslenkung. Bis etwa 50 km/h agiert sie entgegensetzt zu den Vorderrädern und bewirkt dadurch in Kurven dynamischeres Einlenkverhalten, bei hohen Geschwindigkeiten arbeitet sie gleichsinnig zur Vorderachse. Der Radstand wird virtuell verlängert und so wird eine nochmals erhöhte Fahrstabilität erreicht, etwa bei Spurwechseln auf der Autobahn. Dass die im Unterboden verbauten Batterien zu einem besonders niedrigen Fahrzeugschwerpunkt führen, der sogar tiefer als beim 911 liegt, ist dabei auch kein Fehler. So weit, so typisch Porsche. Die wahre Bewusstseinserweiterung aber vollzieht sich beim Konzept an sich. Porsche erfindet sich völlig neu – sowohl mit gängigen Bordmitteln wie bei der ausgefeilten Fahrwerkstechnologie als auch mit völlig neuen Konzepten wie der 800-Volt-Architektur. Die beschleunigt den Taycan nicht nur an der Ladesäule rasant – von fünf auf 80 Prozent in etwas mehr als 20 Minuten –, sondern sorgt auch für schnelleren Energiefluss zwischen Batterien und Motoren bei verminderter Erwärmung. Spitzenleistungen können deshalb nahezu beliebig oft wiederholt werden, ohne dass die Elektronik wegen Überhitzung zurückrudert.

Dass die Designer für die Gäste im Fond sogenannte Fußgaragen zwischen den tiefstmöglich platzierten Batterieblöcken erfunden haben, hilft nicht nur der Kopffreiheit, sondern ermöglicht auch die sportwagentypischen Proportionen und die für Porsche so typische Flyline – die nach hinten abfallende Dachlinie. Der Taycan schmiegt sich flach auf die Straße. Wie eine Raubkatze kurz vor dem Sprung. Angespannte, gestraffte Muskeln, auf Effizienz getrimmt, immer bereit, zum Sprung anzusehen.

»Es faucht wieder von der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Pony Car erheischt Aufmerksamkeit.«

Der Taycan 4S ignoriert es gekonnt. Er muss sich eigentlich auch nicht mehr beweisen. Das haben seine beiden größeren Brüder bereits erledigt. Mit Taycan Turbo und Taycan Turbo S hat bei Porsche zum Start in die Elektro-Ära gleich mal das Nonplusultra an Leistungsfähigkeit am Markt platziert. 560 Kilowatt im Overboost-Modus katapultieren den Turbo S in 2,8 Sekunden auf 100 km/h. So ähnlich muss sich der Start eines Düsenjets von einem Flugzeugträger aus anfühlen. Der kleine Bruder braucht da nicht mehr so auf den Putz zu hauen. Er weiß ja, dass er trotzdem so gut wie alle anderen Verkehrsteilnehmer spielend hinter sich lassen kann. Wenn man das Ganze also mal als Familienaufstellung betreibt, darf er sich abhängig von seinem sozialen Umfeld, der Intensität elterlicher Liebe und so weiter frei entwickeln, was ja gerade in Zeiten des Umbruchs und Neustarts entwicklungspsychologisch förderlich sein kann.

Daher war es sicher kein Zufall, dass der Taycan bei den »World Car of the Year Awards 2020« sowohl den Titel »World Performance Car« als auch den des »World Luxury Car« gewann. Damit erfüllen sie heute bei Porsche nebenbei das, was sie bereits Anfang der 1990er augenzwinkernd beim 911 bewarben. Damals texteten sie: »Sie können länger frühstücken. Sie sind früher zum Abendessen zurück. Gibt es ein besseres Familienauto?« Im Taycan ist jedenfalls ausreichend Platz für eine vierköpfige Familie, um diese wohin auch immer in kürzester Zeit zu befördern. Inklusive Gepäck. Aufgrund der Antriebsart werden selbst »Fridays-for-future«-erprobte Kinder nicht den Aufstand proben, sondern vermutlich im Gegenteil stolz auf die nachhaltig denkenden Eltern sein.

Bleibt noch die Sache mit der Stille. Denn von Nahem betrachtet ist diese auch beim Taycan nicht ganz so lautlos wie die Umwelt in Zeiten des Lockdown. Im Soundlabor im Porsche Entwicklungszentrum in Weissach haben die Ingenieure nämlich jahrelang am Klang der Elektromobilität »made by Porsche« gefeilt. Er lässt sich am besten als eine Mischung aus startendem Düsenjäger und voll beschleunigendem ICE beschreiben. Oder doch ein bisschen Raumschiff? In jedem Fall: ungemein kraftvoll, mit klarem Statement zum E-Antrieb. Muss man sich gar nicht so sehr anstrengen beim Hinhören. Die Rezeptoren sind eh hellwach. Aber sowas von.