Formsache: Jean-Claude Biver über den Porsche GT3 Touring

»Wer die Kernessenz eines 911 haben will, der muss sich einen GT3 Touring kaufen.« Sagt zumindest Jean-Claude Biver, Präsident der Uhrensparte des Luxuskonzerns LVMH, dem die Marken Hublot, TAG Heuer und Zenith gehören. Das und mehr wollten wir dann etwas genauer wissen.

Interview: Michael Köckritz Foto: Matthias Mederer 01.02.2019 10 min

Ein schwarz-gläserner Bürowürfel unweit des Genfer Sees. Ein schweres Gittertor fährt langsam auf, ein Wachmann kontrolliert penibel jeden, der einfährt. Genau hier, etwas unscheinbar direkt an der Autobahn, sitzt die Schweizer Uhrenmanufaktur Hublot. Jean-Claude Biver erwartet uns in einem Konferenzraum. Im Gespräch ist der 69-Jährige bisweilen laut, energisch, er lacht, er gestikuliert und er haut auch mal mit der Faust auf den Tisch. Doch er hört auch zu, nimmt sich Pausen, um seine Worte zu wählen. Das habe viel mit Respekt zu tun, sagt er, mit Respekt für die Leistung anderer Menschen. Für Biver ein zentrales Thema: »Mein größter Erfolg heißt Ricardo Guadalupe«, sagt er. Der ist aktuell CEO von Hublot. »Vor 25 Jahren hat er bei mir angefangen, wir haben jahrelang zusammen gearbeitet, ich habe ihn gefordert und gefördert, und als er im Jahr 2011 mein Nachfolger als CEO wurde, hat niemand gemerkt, dass ich nicht mehr die Geschicke leite, sondern er. Und das ist großartig! Das ist echter Erfolg, denn Erfolg ist für mich das, was man hinterlässt bei den Menschen. Wenn jemand nichts hinterlässt außer vielleicht Geld, dann hat er für niemanden gelebt. Man misst seinen Erfolg an der Menge, die man hinterlässt, die Menge an Wissen, das man weitergibt. Das ist der echte Zweck des Lebens.«

Wir setzen uns.

Herr Biver, Sie nennen immer wieder Neugierde als eine Ihrer wichtigsten Eigenschaften. Wann waren Sie zum letzten Mal richtiggehend überrascht?

Ich bin jeden Tag von mir selbst überrascht, davon, dass ich lebe, dass ich riechen und schmecken kann. Aber wir reden wohl nicht von solchen Überraschungen. Also, wann war ich zum letzten Mal professionell überrascht? Hmmm ... Als ich den Porsche 911 GT3 Touring gesehen habe. Das hat mich überrascht, da dachte ich mir: Aha, das ist die Konzentration dessen, was der Porsche 911 heute bedeutet. Wer die Kernessenz eines 911 haben will, der muss sich dieses Auto kaufen.

Das sagen Sie jetzt, weil wir ein Automagazin sind.

Nein, ganz ernsthaft. Die ganze Geschichte ist in diesem 911 konzeptionell auf den Punkt gebracht. Das hat mich überrascht, weil ich das sehr interessant finde. Und eigentlich kann so etwas auch nur Porsche machen, weil nur Porsche diese einzigartige Form hat. Ferrari zum Beispiel kann keine solche Zusammenfassung machen, weil Ferrari mit jedem neuen Modell auch eine neue Form kreiert, ein anderes Konzept verfolgt. Diese große industrielle Kohärenz, das ist meine letzte industrielle Überraschung.

Und abseits der Automobilindustrie, was hat Sie da überrascht?

Jeff Bezos hat mich überrascht mit seiner Idee, dass er jetzt eine Uhr bauen will, die ewig gehen soll, also auch in zehntausend Jahren noch genau den Verlauf von Zeit und Mond anzeigt, und dass er hierfür 45 Millionen Dollar für die Entwicklung bereitstellen will.

Warum überrascht Sie das so sehr?

Weil Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt und ein Leader in der digitalen Gegenwart, sich plötzlich mit der Ewigkeit beschäftigt. Ich bin geneigt zu sagen, bei jedem anderen würde ich das verstehen, wenn zum Beispiel der Vatikan so ein Projekt finanziert, würde ich das verstehen, das gehört zu deren Philosophie, aber Jeff Bezos, das hat mich wirklich überrascht.

Ist Neugierde für Sie etwas Selbstverständliches?

Nein, leider nicht. Es ist selbstverständlich, solange man jung ist. Die Selbstverständlichkeit eines Kindes ist die Neugierde. Der Mensch ist so angelegt, dass die Neugierde ihm hilft, erwachsen zu werden. Die größte Herausforderung besteht darin, sich diese Neugierde im Erwachsensein zu erhalten, denn mit der Neugierde kommt das Wissen – und plötzlich ist man ein Wissender und hört auf, neugierig zu sein. Das ist ein Drama. Man sollte Neugierde für Erwachsene unterrichten. Nur wenn man etwas beständig wiederholt, bleibt man im Training. Die Neugierde ist nur ab Geburt natürlich, später geht sie verloren und man muss sie sich bewusst erhalten. Genauso verhält es sich mit dem Lernen. Ein Kind lernt eine Sprache, ohne dass es ihm jemand erklärt. Durch Neugierde und Nachahmen. Und dann schicke ich meinen Sohn mit 20 Jahren nach China und sage ihm: »Du lernst jetzt Chinesisch!« Und er schaut mich an und bekommt gleich Kopfschmerzen bei dem Gedanken und fragt mich: Warum? Da habe ich ihm erklärt, dass 1,5 Milliarden Menschen Chinesisch sprechen, und sie alle haben diese Sprache gelernt, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Neugierde und Lernen gehören zum Menschen, das einzige Problem ist, dass wir aufhören, neugierig zu sein und zu lernen. Doch dann werden wir alt.

Das heißt, Sie trainieren Ihre Neugierde jeden Tag, wie ein Sportler?

Im Grunde ja. Es gibt Menschen, die morgens aufstehen und 100 Liegestütze machen. Für die ist das normal. Für mich wäre das nicht normal, ich gehe lieber joggen. Aber ich trainiere meine Neugierde, auch darauf, mir bewusst zu machen, dass ich lebe, dass ich lebendig bin. Oft sind wir uns dessen ja gar nicht mehr bewusst, wir erachten es als normal. Erst wenn wir krank werden, werden wir uns dessen wieder bewusst, weil wir erst dann wieder begreifen, was es heißt, gesund und lebendig zu sein. Und genauso ist es mit der Neugierde. Ich muss mir das vor allem am Anfang immer wieder ins Bewusstsein rufen.

Jean-Claude Biver nimmt seine Armbanduhr ab und reicht sie uns. Es ist die erste Uhr, bei der Hublot das Werk selbst gemacht hat, aus Titan, das Gehäuse aus Magnesium.

Sie bedeutet mir sehr viel. Es war seinerzeit der leichteste Chronograf der Welt. Und dann liebe ich natürlich Autos, obwohl sie unnötig sind. Wie den Porsche.

Jetzt ist ein Porsche, genau wie eine teure Uhr, als Statussymbol etabliert. Läuft das klassische Statussymbol Gefahr, abgelöst zu werden? Und was bedeutet das für die Marken?

Es kann ein Problem werden. Lassen Sie es mich an einem Beispiel festmachen: Cristal Champagner von Louis Roederer war vor einiger Zeit plötzlich sehr beliebt bei US-Rappern. Die haben das Zeug wie Coca-Cola getrunken und damit auch in den Clubs und auf Partys herumgespritzt. Sie haben so gefeiert, wie es eben ihre Kultur war. Da gehörte es dazu, sehr teuren Champagner wie billigen Sekt zu behandeln. Eines Tages sagte Louis Roederer in einem Interview, es schmerze ihn zu sehen, wie mit seinem edlen Produkt umgegangen werde. Ich glaube, es war daraufhin Jay Z persönlich, der ab diesem Moment die Marschroute vorgab, Cristal Champagner zu meiden. Seine Begründung war: Wenn der Herr Roederer glaubt, er könne uns sagen, wie wir mit seinem Champagner umzugehen haben, dann hat er sich getäuscht. Wir bezahlen seinen Champagner schließlich, also können wir damit machen, was wir wollen. Daraufhin haben die Jungs aufgehört, Cristal zu trinken. Der Herr Roederer hat das sehr bereut. Natürlich kann man über das Werteverständnis dieser Rapper diskutieren, aber aus Sicht eines Verantwortlichen, der ein Luxusprodukt herstellt, darf ich mich niemals über den Kunden beschweren.

Gibt es Themen, die Sie langweilen?

Ja, die Repetition. Das langweilt mich. Ich kann das auch nicht. Ich bereite zum Beispiel keine Vorträge vor. Ich halte rund 30 Vorträge im Jahr, darunter auch auf dem Wirtschaftsforum in Davos. Ich habe nichts vorbereitet. Ich setze mich zehn, fünfzehn Minuten vorher hin und gehe ein paar Ideen durch, aber ich bereite nichts vor, denn wenn ich etwas vorbereite und dann anschließend einfach wiederhole, was ich vorbereitet habe, dann ignoriere ich das Publikum, dann lasse ich keine Entwicklung zu. Aber für mich ist wichtig, dass sich etwas entwickelt, und das hängt vom Publikum ab. Ich entscheide dann während des Vortrags: »Gehe ich in diese Richtung oder in diese Richtung?«

Sie lesen kein Buch zwei Mal, schauen sich nicht ihren Lieblingsfilm öfter an?

Nein. Die Repetition ist meine größte Schwäche, weil ich das hasse. Schon immer. Schon in der Schule.

Warum betrachten Sie das als Schwäche?

Weil es manchmal besser ist, etwas zwei Mal zu lesen (lacht). Oder auch einfach mal liegen zu lassen. Mein Chef bei Omega hat mir gesagt: »Wenn Dir jemand ein neues Produkt auf den Tisch legt, zeige keine Emotion, lass es liegen. Zehn Tage lang. Und dann schaust Du Dir das Produkt erneut an und Du wirst sehen, dass Deine Emotion eine andere ist.«

Klappt das mittlerweile?

Ein bisschen.

Wie oft haben Sie sich den Porsche GT3 Touring angeschaut, bevor Sie ihn gekauft haben?

Nie.

VITA

Jean-Claude Biver wird 1949 in Luxemburg geboren. Er entdeckt seine Leidenschaft für mechanische Uhren nach einem Studium der Ökonomie während einer Ausbildung in der Schweizer Uhrenmanufaktur Audemars Piguet. Zusammen mit Frédéric Piguet belebt er die Traditionsmarke Blancpain wieder, die er später an den Swatch-Konzern verkauft. Er entwickelt Omega zur Bond-Marke und zur erfolgreichsten Konzernmarke, bevor er 2003 kündigt und sich in eine neues Abenteuer mit Hublot stürzt. Heute ist Biver Präsident der Uhrensparte des Luxuskonzerns LVMH, dem die Marken Hublot, TAG Heuer und Zenith gehören. Außerdem ist der fünffache Vater, der nebenbei einen Bergbauernhof betreibt, seit drei Jahren Interims-Chef von TAG Heuer und seit Januar 2017 auch CEO bei Zenith.