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Immer der Sonne hinterher

Treffen sich zehn Porsche Besitzer und fahren in den Sonnenuntergang. Nein, das beschreibt nicht die Abschlusssequenz eines Roadmovies, sondern den Auftakt des sogenannten »Sunset Drive«, einer Ausfahrt-Reihe, die erst drei Wochen alt ist. Der Automobildesigner und Fotograf Markus Haub hat sie ins Leben gerufen. Uns berichtet er jetzt über das Erlebnis der Jungfernfahrt.

Text: Alexander Morath Foto: Frederic Schlosser 09.08.2019 6 min

Es ist heiß an diesem Donnerstagabend. Sehr heiß. Akkurat aufgetürmte Eiskugeln verwandeln sich im Handumdrehen in eine klebrig-süße Milchsoße, die aus dem Waffelhörnchen tropft. Deutschlandweit sind die Freibäder und Badeseen selbst noch zu später Stunde zum Bersten voll, die Biergärten sowieso. Menschen schwitzen, suchen nach Abkühlung. Meteorologen werden wenig später vom heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen berichten. Und ausgerechnet an diesem Tag im Juli 2019 treffen sich zehn Porsche Begeisterte in einer Mainzer Brauerei, um gleich gemeinsam der untergehenden Sonne entgegenzufahren …

Gute Bedingungen für einen »Sunset Drive«? Mehr noch. Initiator Markus Haub nennt sie »legendär« und berichtet uns vom Auftakt der wöchentlich stattfindenden Ausfahrt.

»Es war der heißeste Tag, den Deutschland jemals erlebt hat. Temperaturen bis zu 42,6 Grad, in Mainz „nur“ 40. Also legendäre Bedingungen für ein wenig luftgekühlten Spaß – und den ersten ›Sunset Drive‹! Die Idee dazu kam mir, als ich mal wieder unterwegs war, um in meiner Region neue Strecken kennenzulernen. Die Suche führte mich letztlich in die Rheinhessische Schweiz, meist am Abend, weil zu dieser Zeit einfach nicht mehr viel los ist auf den Straßen und es für mich zudem der schönste Moment des Tages ist, wenn die Sonne sich senkt und das Licht weich wie Zuckerwatte wird.«

»Da dachte ich mir: Alleine fahren ist zwar schön, aber in der Gruppe fahren ist noch viel schöner. Also habe ich einen Aufruf unter Freunden und in verschiedenen regionalen Chats gemacht. Und dann ging es auch schon los. Startpunkt war die Brauerei Kühn Kunz Rosen in Mainz. Hier gibt es ausreichend Parkplätze und die Möglichkeit, noch eine Kleinigkeit zu essen oder zu trinken. Wie viele Teilnehmer aber tatsächlich kommen, weiß man natürlich erst dann, wenn es so weit ist. Doch mehr und mehr bekannte Gesichter trafen ein. Am Ende sind es an die zehn Porsche Besitzer, die sich auf die Reise gen Sonnenuntergang machen.«

»Türen fallen ins Schloss. Sicherheitsgurte rasten ein. Erst brabbelt der Pulk an Sechszylinder-Boxern ein Stück lang über die Autobahn, dann geht’s in Saulheim ab auf die Landstraße in Richtung Wörrstadt. Über Nack und Kriegsfeld geht es weiter nach Gerbach. Hier, wo sich Fuchs und Hase ›Gute Nacht‹ sagen, ist zu dieser Zeit nicht mehr viel los auf den Straßen. Nur noch Mähdrescher und Traktoren verrichten ihre Arbeit, sie ernten die Felder und wirbeln dabei mächtig Staub auf. Im Gegenlicht sieht das fast aus wie ein Saharasturm. Dazu die schon tiefstehende Sonne und das zu Rollen gepresste Stroh, das den Straßenrand säumt. All das sorgt in seiner Kombination für eine einzigartige Stimmung und bietet die perfekte Kulisse für unsere Ausfahrt.«

»Es sind Momente von unbeschreiblicher Schönheit, man fühlt sich wie in die Hügellandschaft der Toskana versetzt, wenn nicht sogar auf einen anderen Planeten. Ich schaue in den Rückspiegel, und beim Anblick der mir folgenden Elfer schlägt mein Herz jedes Mal ein Stück höher. Flüssig gleiten wir im Konvoi über die kurvige Landstraße. Immer den Lichtstrahlen entgegen, um auch ja pünktlich zum Sonnenuntergang in Ruppertsecken anzukommen. Auf einem Parkplatz am Rand des höchstgelegenen Dorfes der Pfalz stellen wir unsere Porsche ab. Es ist jetzt 21 Uhr und der Blick auf das Umland ist in Kombination mit der untergehenden Sonne schlichtweg umwerfend.«

»Wir erfreuen uns an dem Naturspektakel und dem Inhalt der mitgebrachten Kühlbox. Der Trumm stammt aus den Achtzigern. Jahrelang begleitete er uns Kinder auf den Familienurlauben nach Österreich. Ich selbst hatte ihn noch nie dabei, nach so einem heißen Tag allerdings tut er hervorragende Dienste und spendet frisches Rothaus-Bier und Flensburger Fassbrause. Ohne Alkohol, versteht sich.«

»Nach unserer gemeinsamen Ausfahrt postet ein Teilnehmer ein Zitat in unsere Chatgruppe. ›Keiner von uns kommt hier lebend raus. Also hört auf, euch wie ein Andenken zu behandeln. Esst leckeres Essen. Spaziert in der Sonne. Springt ins Meer. Sagt die Wahrheit und tragt euer Herz auf der Zunge. Seid albern. Seid freundlich. Seid komisch. Für nichts anderes ist Zeit.‹ Das passt gut, finde ich. Wobei ich eine Sache ergänzen möchte: ›Fahrt dem Sonnenuntergang entgegen.‹ Dafür bleibt immer Zeit.«

Markus Haub

Mehr Informationen über den »Sunset Drive« findet Ihr unter:

www.garagex.de