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Im Höllental der Genesis

»Nehm uns nicht übel, daß wir öfters über dich hinfahren und gleichsam aller Furcht vergessen. Wir fürchten uns genug, aber was zu tun?« So räumte einst im Jahr 1774 der Abenteurer und Forscher Georg Wilhelm Stellers seinen Respekt vor dem Land Kamtschatka ein. Und heute? Mit einer gehörigen Portion positiver Anspannung machen wir uns auf den Weg.

Text: Matthias Mederer Foto: Matthias Mederer 06.09.2019 6 min

»Es gibt nur eine mögliche Farbe für unser Expeditionsfahrzeug«, lasse ich meinen Kollegen noch am Flughafen in Petropawlowsk-Kamtschatski, der Hauptstadt, wissen: »Lava-Orange«. Er zögert kurz, weist darauf hin, dass es sich dabei ja schon um die Launch-Farbe des Cayenne Coupé gehandelt habe und man diese Kombination dann vielleicht doch schon ein, zwei Mal in den Medien gesehen habe. Aber ich bleibe stur. Dann zeige ich ihm eine Meldung der Deutschen Presseagentur: »Erloschen geglaubter Vulkan brodelt wieder!« Und weiter im Text heißt es, dass gerade Vulkane, in denen es lange nicht rumort habe, besonders gefährlich seien. Bei aktiven Vulkanen könne sich die Energie nicht im Inneren ansammeln, bei inaktiven Vulkanen wäre dies anders. »Da kann eine Eruption katastrophal sein«, so ein Experte. Sollte der Bolschaja Udina benannte Vulkan tatsächlich ausbrechen, so schreibt es die Fachzeitschrift Journal of Volcanology and Geothermal Research im Juni, so könnten die Folgen verheerend sein, nicht nur für Russland. Da macht natürlich nur ein Auto in Lava-Orange Sinn. Das leuchtet auch dem Kollegen ein. Entspannter macht es ihn nicht. Wir rollen los. Noch ist alles ruhig.

Wir sind neun Zeitzonen östlich von Moskau, zwischen Beringstraße und Ochotskischem Meer, einem Ort, über den es heißt, nirgendwo anders lägen Hölle und Paradies so eng beieinander wie hier. Es ist Mitte August, die Braunbären verlassen die Wälder und gehen auf Jagd – vorzugsweise nach Lachsen. Ausgewachsen soll es hier Grizzlys mit fast 900 Kilogramm Gewicht geben, die Größten ihrer Art. Rund 30.000 Bären leben auf der Halbinsel, die so groß ist wie Frankreich. Sie teilen sich das Land mit rund 350.000 Menschen. Im Schnitt verlieren pro Jahr rund 30 Menschen ihr Leben bei einem Aufeinandertreffen mit einem Bären. Während wir uns bei einem Trip durch Deutschland gerne auf Sicherheitsfeatures wie einen Abstandstemporegelautomaten mit Spurhalteassistent verlassen, setzen wir hier dann in den meisten Situationen doch auf einen Ranger mit Gewehr. Eines vorneweg: Für diese Geschichte kam kein Tier zu Schaden. Menschen übrigens auch nicht. Wenn man mal von den Moskito-Bissen absieht.

Mit dem Porsche Cayenne Coupé durch Kamtschatka zu fahren, ist in gewissen Teilen kein großes Problem. Die Offroad-Fähigkeiten reichen für die gröbsten Unebenheiten der vorhandenen Wege und Pisten. Erst dort, wo man »offroad« dann wortwörtlich nimmt, wird es auch für den Porsche schwierig. Aber das gilt im Grunde für jedwede Form von Fahrzeug. Es sei denn, es handelt sich um ein Luftfahrzeug. Wir wechseln in den Helikopter. Und damit auch die Perspektive.

Viele Regionen Kamtschatkas sind auch heute noch ausschließlich über den Luftweg erreichbar. Zum Glück für die Grizzlys. Gäbe es Straßen oder auch nur halbwegs befahrbare Wege, Wilderer hätten die Bärenpopulation wohl längst dramatisch dezimiert. Über 1.300 Kilometer, von Nord nach Süd, erstreckt sich Kamtschatka als nahezu menschenleere, subarktische Wildnis, geprägt von grüner Tundra und schwarzem Lavagestein. Aus der Vogelperspektive bietet sich das Land an wie eine Idylle aus einem Werbefilm für unberührte Wildnis. Doch der Anblick trügt. Tatsächlich liegt unter einem ein Pulverfass. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Druck zu groß wird.

Seit zwei Millionen Jahren arbeiten sich hier die tektonischen Urkräfte der Pazifischen Platte unter die Platte Eurasiens. Beim letzten großen Ausbruch – im Jahr 1984 – sprengte der Goreli-Vulkan die gesamte Spitze seines Kegels in einem gigantischen Feuerberg ab. Zurück geblieben sind Kraterseen mit kochender Schwefelsäure – heiß, stinkend. »So in etwa dürfte sich wohl auch der Vorhof zur Hölle anbieten«, brüllt der Kollege rüber, als wir bereits wieder im Helikopter über die Landschaft fliegen. Ich nicke zustimmend. Obwohl auch ich keine Ahnung vom Vorhof der Hölle habe, aber die Vorstellung, dass dies hier ein wahres Biotop für Geister- und Dämonengeschichten ist, fällt einem nicht schwer. Noch bis vor 100 Jahren waren die Vulkane ein Tabu für die Ureinwohner, einzig die Schamanen kamen bisweilen hierher, um sich Gnade von den Göttern zu erbitten. Mittlerweile tummeln sich hier regelmäßig Geowissenschaftler. Für sie ist Kamtschatka ein gigantisches Freiluftlabor. Eine besonders verrückte Aktion lieferte 2009 ein russischer Extremsportler und früherer Skysurfing-Weltmeister. Waleri Wladimirowitsch Rosow sprang mit einem Wingsuit-Anzug aus einem Helikopter über dem aktiven Mutnowski Vulkan ab und landete auf einer Eisfläche im Krater. Wir bleiben in sicherem Abstand.

Die Eindrücke dieses Landes an nur zwei Tagen zu erleben und zu verarbeiten ist nahezu unmöglich. Für gewöhnlich dauern Abenteuerreisen nach Kamtschatka auch länger. Zwei bis drei Wochen sollte man sich schon Zeit nehmen. Darüber sind sich auch alle abends am Lagerfeuer einig. Einheimische Jugendliche führen einen traditionellen Tanz auf. Dazu gibt es roten Kaviar auf Weißbrot mit Butter. Und ein Glas Wodka. Um die Vulkan-Geister milde zu stimmen. Es hilft. Denn auch bis zum Abflug am nächsten Tag bleibt alles ruhig.