Flo im Flow: ein Porsche Outlaw und sein 911 SC von 1979

Kante zeigen. Aber mit Pfiff und Klasse. Florian Diettrich erklärt uns, wie man sich so einen »Porsche Outlaw« vorstellen muss. Ein Gespräch über Customizing, Nonkonformität, Community-Zusammenhalt und einen Kauf auf eBay, mit dem für Flo alles begonnen hatte.

Hi Flo, stell Dich doch mal kurz unserer Community vor.

Gude, ich bin Florian Diettrich aus Frankfurt am Main, Gründer und kreativer Kopf von Spadescustomz und Macher von 911 Garage Germany. Letzteres ist das Ergebnis meiner autodidaktischen Schrauberleidenschaft. Ich fahre einen 1979er 911 SC.

Du bezeichnest Dich selbst als »Porsche Outlaw« – was muss man darunter verstehen?

Es ist eine Lebenseinstellung, wie man sich und das Alt-Porschefahren sieht und empfindet. Der derbe Begriff »Outlaw« aus der amerikanischen Biker- und Hot-Rod-Szene ist mittlerweile in der Altblech- und Youngtimer-Autoszene angekommen und ein Synonym für Nonkonformität, ein sehr spezielles Anderssein. Individuelle Veränderungen ergeben am Wagen einen Stil, der irgendwie mehr Charakter hat, mehr »Kante« besitzt. Aber mit Pfiff und Klasse. Eben ein Wagen, der einzigartig ist und – ganz wichtig – sicher nicht glattgebügelt daherkommt! Patina ist irgendwie Pflicht, gepflegte Gebrauchsspuren, eine Optik, die ihr »Alter« mit Stolz und Würde trägt, aber die Technik muss sitzen! Dazu eine Prise Stahl, Holz, Leder, geschwärzte Teile, Attribute aus dem Motorsport, was Selbstgemachtes ... Und dass man selber schraubt, mit den Mitteln, die man in diesem Moment eben hat. Heißt, dass man sich auch mal im Laternenlicht dreckig macht, dass nicht immer alles »gerade« ist und dass man manchmal auch über die Stränge schlägt. ;-)

Du besitzt ein Skateboard mit dem Motiv Deines eigenen Porsche. Ebenso ein T-Shirt. Man kann also mit Recht behaupten: Da ist jemand Feuer und Flamme für sein Blue-and-Yellow-Car. Woher kommt diese Leidenschaft?

Da gebe ich meiner Mom den Credit ;-)
Von ihr habe ich das Kreativ-Gen und die starke Affinität zu Form und Grafik und bunten Sachen, mein Blick für Dinge, überhaupt meine ganze Extrovertiertheit. Vom Vater kommt der Mut zum Machen, der Umgang mit Werkzeug, sich an Technisches heranzutrauen. Diese Paarung schürt unweigerlich einen Vorwärtsdrang, der zu Leidenschaft führt. Skateboard und T-Shirt sind eine ganz spezielle und großartige Geschichte! Startschuss war das Kennenlernen von Sebastian Toddenroth, ein Grafiker, der bereits ein kleines Charity-Projekt laufen hatte, um die Kinder-Schlaganfall-Hilfe zu unterstützen. Da kamen wir dann ganz schnell zusammen! Das Skateboard ist eine Sonderanfertigung für mich. Damit konnten wir aber gut für die Sache werben. Die T-Shirts haben sich bis nach Neuseeland (!!) verkauft, und so kam bereits eine Spende von EUR 1.000,- zusammen!

Liebe auf den ersten Blick oder Annäherung mit Anlaufschwierigkeiten? Wie verlief die erste Begegnung mit deinem Elfer?

Das war kein Schaufensterkauf beim Klassikerhändler. Es war ein unerschrockener eBay-Kauf 2012 und eine Budgetsache. Meine zwei Mercedes W123 Coupé liquidierte ich dafür. Trotz der Preise damals ging dennoch nicht allzu viel (heute lache und weine ich, dass ich keinen 75er Carrera 3.0 oder Turbo 930 oder so gekauft habe).
Die Bilder der Anzeige versprachen einen Neunelfer, vier Räder, ein Lenkrad, optisch kein Glamour, kein Sondermodell. Er kam auf einem Hänger daher und wirkte desolat, Blech gut, Technik mau. Aber verdammt, ich wollte den! Ich fuhr ihn sogar auf eigener Achse in die heimische Garage, konnte mein Glück kaum fassen! Später, als ich die Mängel sukzessive freilegte, konnte ich dann kaum fassen, dass ich das schadenfrei überlebt hatte.

Du hast es nicht nur überlebt, sondern auch dem Porsche neues Leben eingehaucht. Was musstest du tun?

Er war verbraucht, könnte man sagen. Es war zwar alles dran, aber eben betagt und verschlissen. Die Füchse poliert, Fahrersitz gerissen, Tönungsfolie am Glas, Motor ziemlich verölt. Ich hatte zwar einen fetten Ordner mit allerlei Doku der drei Vorbesitzer, der die »Pflege« dokumentierte, wovon aber real nimmer viel übrig war. War dennoch im Glauben, der King zu sein, so stolz war ich. Erst mal habe ich für den TÜV vier Wochen lang Dreck gefressen, bin mangels Bühne auf Knien und auf dem Rücken um den Wagen gekrochen, bekam am Ende aber die Plakette! Dann wollte ich erst mal nur fahren, fahren, fahren! Doch ich merkte schnell, dass das so alleine nicht reicht. Sukzessive riss ich Fahrwerk, Bremse, Einspritzung raus, setzte alles instand (strahlen, pulvern, neue Buchsen, Elektrik, Düsen, Bilstein-Fahrwerk und so viel mehr ...), ließ die Füchse restaurieren, besorgte Turbositze, neue Scheibendichtungen, Himmel, die alte Klima flog raus, Heizung umgebaut, richtig Kilos abgebaut. Über die letzten sechs Jahre hat er sich entwickelt, es war ein Reifeprozess. Und heute habe ich meinen Stil gefunden. Leicht tiefergelegt, breite, schwarze Füchse, Frontlippe und im Wechsel ein Entenbürzel, ein 78er Momo Prototipo S, SSI-Abgasanlage, Überrollbügel, Domstrebe, Leichtbauteppich, Carrera-Ölkühler ... aber vor allem der Look steht nun, the #blueandyellowcar!

Was rätst Du jemandem, der sich einen alten Elfer zulegen möchte? Auf was sollte man beim Kauf unbedingt achten?

Ich rate: machen! Besser gestern als morgen! Ich verstehe Leute nicht, die ich nach fünf bis acht Monaten treffe und die sich immer noch nicht entschieden haben. Suchst du noch, oder fährst du schon?! Man möge sein Budget ehrlich prüfen, keinen Igel in der Tasche haben. Reserve für unmittelbare Kosten einkalkulieren. Sich mehrere Wagen ansehen, ohne ein Zeitdieb zu sein, mal zum Händler fahren und auch zu privaten Anbietern, um ein Gefühl zu bekommen, wo Wunschdenken und Realität ihren Nenner finden. Dazu auf Treffen fahren, mit Leuten reden, offen sagen, was man will, Kontakte knüpfen. Steini von Fuhrwerke.com ist ein guter Ansprechpartner ... und keine Angst vor einem US- oder Japan-Reimport! Es sind alles alte Autos, so zwischen 30 und 50 Jahre alt, da ist ein »deutsches Auto« nicht pauschal besser als beispielsweise einer aus Arizona. Ohnehin hat jeder Wagen sein ganz spezielles Wehwehchen. Und dank Internet bleibt einem an teilbarem Wissen nichts vorbehalten, lässt sich alles nachlesen und erfragen.

Und danach? Wie viel Pflege benötigt so ein Elfer?

Je nachdem, wie man ihn rannimmt. Den Verschleißgrad kann man selbst beeinflussen, was Bremse, Kupplung usw. angeht. Ansonsten ist das ein ganz einfach gestrickter Wagen, wo man viel selbst machen kann. Vielleicht noch das Reparaturbuch von Dempsey zur Hand, und schon macht man den Glühbirnenwechsel selber, und morgen zieht man den Motor. Echt kein Hexenwerk. Und es gibt viele freie Werkstätten, welche gut und gerne und zu fairen Preisen helfen (Grüße an Giuseppe Scalise/DRUX, bester Mann!).

Ist ein Elfer ein Auto für jedermann?

Erst einmal wünsche und gönne ich es jedem, dass er das Erlebnis Porsche erfährt, im wahrsten Sinne! Und ja, jeder kann ihn fahren, man muss sicher kein Rennfahrer sein; ein G-Modell (ab Ende 76 mit Bremskraftverstärker) zum Beispiel fährt sich wie ein Alltagsauto. Den Gang zum Supermarkt absolviert er genauso wie die Passfahrt am Wochenende. Was macht mehr Spaß?

Was bedeutet das Lebensgefühl Porsche für Dich?

Bis vor Kurzem hätte ich es nicht wirklich auf den Punkt bringen können, ohne episch zu werden, bis jüngst ein anderer »Outlaw« (Magnus Walker, Anm. d. Red.) Folgendes aussprach: »For me the greatest about driving a Porsche is chaos and freedom.« Das trifft es voll!

... was wäre denn der »epische« Ansatz?

Egal welcher Lufti, jeder einzelne ist ein Sportwagen! Man spürt es sofort! Selbst der 912 von 1968 mit seinem Vierzylinder-Motor bringt Geräusch, Geruch und Gefühl für die Sinne und sein Charme kompensiert dann auch locker den Umstand, dass er in der Endgeschwindigkeit eben nicht mit einem 993 mithalten kann. Wobei Geschwindigkeit auch gar nicht so wichtig ist. Viel lässiger ist doch die Erkenntnis, dass man könnte, wenn man wollte. Es geht auch darum, dass der Lufti bedient, was man als Elferfahrer sucht: Die Emotionen werden abgeholt! Die Wagen sind genial gebaut, gefühlt unkompliziert und doch so raffiniert! Dann diese Karosserielinie, man muss sie einfach immer wieder erwähnen, speziell die Torpedokotflügel bis zum 964 sind das Beste! Und wir haben Glück, dass es so viele gibt! Die Chance, einen sein eigen nennen zu können, ist viel höher, als wenn wir alle Fans italienischer Hersteller wären (lacht). Und dann ist da noch die gewaltige und heroische Sportwagenhistorie der Marke! Die Baureihen vom 550, 356, 911 RSR und IROC, über 904/910/917, dann 935 usw., bis zum Gipfel mit dem 919 Hybrid! Einfach WOW!

Welchen Moment mit oder in Deinem Porsche wirst Du niemals vergessen?

Sicherlich der Kauftag. Aber da sich die Ereignisse ja überschlagen, gilt: Alle Höhen und Tiefen, alle Momente mit und beim Elfer sind emotional! Der Sprint auf der Bahn, der Sound, der Geruch, das Gefühl im Sitz und in der Hand! Großartig ist die Community, die sich real und digital hilft und bereichernd ergänzt (#PorscheLeben). So erlebt man die tolle Hilfsbereitschaft vom einen, der für den Getriebeausbau seine Hebebühne freigibt (huhu, Martin), vom anderen wird Abschlepphilfe von der Autobahn geboten (Cheers, Dennis) usw. Und dann sind da die Zusammenkünfte mit den Jungs, um dann beim Kaffee zu palavern oder durch die Eifel zu fahren (#crewsn, #kottenrun). Man fiebert förmlich dem Frühling entgegen, kennt die Termine auswendig und wartet nur darauf, bis es endlich wieder losgeht!