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»Es war, als ob ich auf einer Zeitmaschine sitzen würde«

In den 60ern fuhr Richard Vincent mit seiner Velocette MSS Rennen in Kalifornien. Dann kam der Krieg. Mehr als 40 Jahre später traf er zwei Franzosen, die das Bike wieder aufbauten.

Text: Wiebke Brauer Foto: Laurent Nivalle 13.05.2020 7 min

Es gibt Geschichten, die so erstaunlich, ja so ausgedacht klingen, dass man sie nicht glaubt. Diese gehört dazu. Es ist die Geschichte eines Mannes, der in den 60ern in Kalifornien die Wellen reitet und Motorradrennen fährt. Der 1967 in den Vietnam-Krieg zieht, schwer verletzt wird und 50 Jahre später auf zwei Franzosen trifft, die sein Motorrad wieder aufbauen, das Jahrzehnte in einer Scheune stand. Und sie endet mit einer Ausfahrt. Aber erzählen wir die Story am besten der Reihe nach.

Wenn man heute mit Richard Vincent spricht, hat man nicht das Gefühl, sich mit einem 72-Jährigen zu unterhalten. Er erinnert sich an die Rennen mit der Velocette so präzise, als sei es erst gestern gewesen – und er muss noch immer darüber lachen, wie der Fahrer einer BSA hinter der Ziellinie in Tränen ausbrach, weil er von Richard Vincent und seiner schäbig aussehenden Velocette ausgestochen wurde. Die Motorräder des britischen Herstellers sind für ihre Qualität bekannt, für ihre Geschwindigkeit ebenfalls. Richard Vincent erzählt: »Als ich sie bekam, wusste ich überhaupt nicht, wie ich sie fahren sollte. Der Motor hatte es in sich.« Richards Velocette MSS macht optisch vielleicht nicht viel her, verfügt aber dafür über einen Zylinderkopf von Lou Branch, dem Velocette-Importeur in Los Angeles Anfang der 60er. Die Maschine ist das, was man maßgeschneidert nennt, auf den Tank pinselt Richard mit roter Farbe die Worte »Dyno Tune Drop Out«, frei übersetzt: »Leistungsprüfungs-Totalausfall«. Ein interner Scherz, weil Richard damals nicht genug Geld besaß, um die Leistung der Maschine bei einem Speedshop zu messen. »Es war nur ein Witz von mir«, lacht er. Genau der gleiche Humor findet sich in den bunten Bändern am Lenker, wie man sie von Kinderfahrrädern kennt. »Ich hatte sie immer dran, ich bin nie ohne sie Rennen gefahren.«

Richard fährt nicht nur Rennen. Er gehört zur Generation »Endless Summer«, rund um Santa Barbara surft und segelt er – und er filmt und fotografiert. Ein guter Freund von ihm ist der Surf- und Filmpionier George Greenough. Gemeinsam dokumentieren sie die Szene in Kalifornien in den 1960er-Jahren, die Fotos zeigen einen großen und athletischen Sunny Boy auf einer abgerockten Maschine. Wie Werbeplakate sehen sie aus, für ein sorgloses Bilderbuch-Leben im hellen Sonnenschein. 1967 findet der ewige Sommer ein jähes Ende. Richard wird eingezogen, zum Offizier ausgebildet und an die Front in Vietnam geschickt. Nur zweieinhalb Monate ist er dort. Auf die Frage, wie alt er damals war, antwortet er: »Ich war im Krieg ›the old man‹. Ich war 21 Jahre alt.« Richard wird schwer verletzt, an der Brust, am Arm und an den Augen, wird mehrfach operiert und verbringt fast ein Jahr in verschiedenen Krankenhäusern in Vietnam, Japan und schließlich auf O’ahu in Hawaii. Seine kiloschweren Kranken-Akten will man ihm bei der Entlassung nicht aushändigen. »There is nothing like being in the war«, sagt er. Man sieht den großen Mann am anderen Ende der Leitung vor sich, ahnt, dass sein Mund ein wenig schmaler geworden ist, aber es klingt nicht verbittert.

Nach Hause zurückzukehren ist für ihn keine Option. »Ich wollte nach dem Krieg nicht zurück nach Santa Barbara, ich konnte es nicht ertragen, nicht mehr Rennen fahren zu können – und ich wollte nicht über Vietnam reden.« Er zieht mit seiner Frau nach Oregon, sie kaufen ein Stück Land. Richard schlägt sich durch, sie haben eine Schafherde. Es ist kein einfaches Leben. Richard: »Schafe machen dich entweder verrückt oder du wirst bescheiden.« Richard Vincent ist ein bescheidener Mensch. Der allerdings noch immer vom Rennfahren träumt. Die Motorräder von einst verschwinden jedoch in einer Scheune, stauben ein, verrotten.

Allerdings nicht für immer. Es ist Richards Sohn, der ihn überredet, die Velocette und die Film- und Fotodokumente 2016 auf der »Wheels&Waves California« und ein Jahr später in Frankreich auszustellen. »Es war, als ob man einen Topf mit Honig hingestellt hätte«, amüsiert sich Richard noch immer. Beim »Wheels & Waves«-Festival in Biarritz trifft er auf Zoé David und Frank Chatokhine. Frank ist der Chef vom Atelier Chatokhine, einem Customizing-Shop in Amilly, einer Stadt 150 Kilometer südlich von Paris – und spezialisiert auf britische Rennmaschinen. Die Idee kommt auf, seine Velocette und einen Triumph Racer zu restaurieren. Richard muss zwar eine Weile darüber nachdenken, sagt dann aber zu. »Ich hätte es mit niemandem anders gemacht. Wir hatten so verdammt viel Spaß zusammen.« Die Motorräder gehen wieder aufs Schiff, verschwinden für Monate im Atelier Chatokhine, werden vom Team mit der Unterstützung von Deus Ex Machina mit unendlicher Mühe und sorgfältigster Wahrung der Patina wieder instand gesetzt – und zurück nach Kalifornien transportiert.

»Die echte Überraschung war nicht der Anblick, ich wusste ja, wie die Velocette aussehen würde«, so Richard. »Es war der Moment, als ich wieder auf mein Track Bike aufstieg. Die Sitzbank war genau auf mich zugeschnitten, der Lenker genau so, wie ich ihn haben wollte. Es war, als ob ich auf einer Zeitmaschine sitzen würde – als ob ich wieder in der Vergangenheit wäre.« Das größtmögliche Happy End einer Geschichte? Vielleicht. Fragt man Richard, ob er ein glücklicher Mensch sei, gibt der große Mann in Oregon eine sehr kurze und sehr heitere Antwort, die sich kaum übersetzen lässt:

»Always have been.«