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Erinnerungen an Gerhard Mitter

Vor genau 50 Jahren, am 1. August 1969, verunglückt Gerhard Mitter auf dem Nürburgring tödlich. Die Lenkung an seinem BMW Formel 2-Rennwagen ist defekt. Seine größten Siege feiert der dreifache Bergeuropameister auf Porsche.

Text: Michael Petersen Foto: Porsche 01.08.2019 6 min

Vor 50 Jahren ist Gerhard Mitter der beste deutsche Rennfahrer. Mit Unterstützung von Ford Köln hat der Porsche und BMW Werksfahrer konkrete Pläne, um 1970 in die Formel 1 aufzusteigen. Nach ihm haben das Fahrer wie Stefan Bellof, Michael Schumacher, Sebastian Vettel oder Nico Rosberg geschafft. Haben deren Erfolge die Erinnerung an Gerhard Mitter aus Böblingen verblassen lassen? »Ich freue mich immer, wenn auch nach 50 Jahren noch jemand meinen Bruder erwähnt«, sagt Eva Kühnel. Die Auktionatorin ist die Schwester des Rennfahrers. Sein Sohn heißt ebenso Gerhard Mitter. Die Ähnlichkeit zum Vater ist verblüffend, nur ist der jüngere größer gewachsen. Gerade erst startet er mit einem Formel Junior-Rennwagen des Vaters mit DKW-Motor beim Solitude Revival vor den Toren Stuttgarts.

Dass dies möglich ist, hat auch mit Rainer Klink zu tun. Der Chef des Tübinger Museums Boxenstop stellt fest: »Die Engländer feiern jeden drittklassigen Rennfahrer auch noch nach Jahrzehnten als Hero. Bei uns gerät selbst ein Champion wie Gerhard Mitter in Vergessenheit.« Klink lernt den Sohn vor geraumer Zeit kennen und weiß, was zu tun ist. Als ein Mitter-Formel-Junior in einem Fachmagazin angeboten wird, schlägt er zu. Gerhard Mitter Junior und zwei Mechaniker kümmern sich um die Restaurierung. Die Arbeit an diesem Rennwagen bringt ihn dem Vater näher. Er beginnt sich intensiv mit der Karriere seines Vaters zu beschäftigen. Das Porsche Museum bringt 2019 einen Rennwagen Mitters in die Öffentlichkeit. Der 910/8 Bergspyder wird im März auf der Retro Classics gezeigt. Dieser 910 mit der Chassisnummer 031 ist der Lieblings-Dienstwagen von Gerhard Mitter, der damit 1967 die Europa-Bergmeisterschaft gewinnt. Dieses Championat ist damals sehr populär, Mitter siegt 1966, 1967 und 1968 dreimal in Folge. Der 910 031 fährt 1967 zum letzten Mal über die Ziellinie. Bremsflüssigkeit, Benzin und Öl werden abgelassen, die Batterie ausgebaut, und schließlich wird der Rennsportwagen in den Museums-Fundus überführt. Dort schlummert der Porsche. In diesem Jahr wird er behutsam konserviert, nicht restauriert. Und dieser 910 trägt dazu bei, dass der Name Mitter einem breiteren Publikum wieder bewusst wird.

Gerhard Mitter, Jahrgang 1935, stammt aus dem Sudetenland. Er kommt von ganz unten. Und setzt sich durch. »Mein Vater hat immer gesagt, was er denkt. Ganz egal, wer vor ihm stand«, sagt der Sohn heute. Das verschafft ihm nicht nur Freunde. »Dazu wollte er immer gewinnen, Zweiter werden reichte nicht.« Zielstrebig wie er ist, erkennt er früher als andere die Bedeutung des Sports auch für einen Rennfahrer. 200 Liegestützen am Stück gehören zum täglichen Programm, Mitter läuft auf den Händen durch die Wohnung, um den Gleichgewichtssinn zu trainieren. Wenn andere Partys feiern, ist Mitter nicht zugegen.

Mitte der 1960er-Jahre ist Mitter Rennwagenkonstrukteur und Motortuner. Erst kümmert er sich um DKW-Triebwerke, später gewinnen Fahrer mit von ihm leistungsmäßig deutlich nach vorn gebrachten Porsche 911 zahlreiche Rennen. Das ist nicht alles: Mitter betreibt zuletzt drei Autohäuser in Tübingen, Leonberg und Böblingen. Er bringt Porsche, Audi/NSU und Simca unter die Autofahrer. Einer der ersten großen Erfolge mit einem Porsche gelingt Mitter 1963 beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. Mit einem zwei Jahre alten Formel 2 Porsche 718 des Holländers Graf Carel Godin de Beaufort wird er hinter drei Formel 1-Rennwagen von John Surtees, Jim Clark und Richie Ginther Vierter. Die Folge: Seit 1964 gehört Mitter der Werksmannschaft von Porsche an und beginnt seinen Siegeszug am Berg. Daneben fährt er bei vielen Sportwagen-WM-Läufen auf der ganzen Welt für Porsche. Sein größter Erfolg ist der erste Platz bei der Targa Florio auf Sizilien im Mai 1969. Mitter gewinnt gemeinsam mit Udo Schütz.

Der Böblinger spielt in der Werksmannschaft eine immer bedeutendere Rolle. So ist er es, der im März 1969 beim Auto Salon in Genf an der Seite von Technik-Vorstand Ferdinand Piëch den neuen, revolutionären Porsche 917 enthüllt. Nicht Jo Siffert, der schnellste Fahrer im Team, sondern der technisch versierte Mitter verschafft sich so viel Respekt, dass er zum ersten Ansprechpartner der Fahrer für Porsches Rennleitung aufsteigt. »Gerhard war der Chef im Team und Sprecher der Fahrer«, schaut der langjährige Rennleiter Peter Falk zurück. Mitter fährt viele Versuche für Porsche. Ein stolzer, ehrgeiziger Rennfahrer mit sehr viel Ahnung von der Technik sei er gewesen. »Das war nicht immer von Vorteil«, deutet Falk manchen Disput mit den Ingenieuren des stets entschlossen wirkenden Bergkönigs an.

»Ich habe meinen Vater nie richtig kennenlernen können«, sagt Gerhard Mitter Junior, der ihn im Alter von sieben Jahren verloren hat. Zu den Rennen begleitet er den Vater nur selten. »Meine Mutter wollte das nicht. Sie hatte Angst, dass der Rennbazillus auf mich überspringt«, sagt der Junior. Geholfen hat das nicht allzu viel. Vor allem bei Motorradrennen ist der Sohn erfolgreich. Profirennfahrer wird er freilich nicht. Für den Broterwerb betreibt er seit 1990 auf dem Anwesen des Vaters in Böblingen seit 1990 eine Motorrad-Werkstatt. In dem großen Raum im Untergeschoss hat er über dem mit Holzplatten abgedeckten ehemaligen Swimmingpool ein kleines Museum eingerichtet. Ein frühes Motorrad, einige Pokale, ein Rennanzug, ein Helm erinnern an den großen Rennfahrer.

Gerhard Mitter wird nur 33 Jahre alt.