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Die Werkstatt am Rande der Welt

Wenn es in Berlin einen Chefschrauber gibt, dann ist es Thomas Lundt. Er ist Obermeister der dortigen Kfz-Innung und führt seit gut dreieinhalb Jahrzehnten die Porsche Werkstatt Lundtauto Sportwagenservice. Hier spricht er Klartext über das Auto, über Politiker und über Migranten als Auszubildende. Alles andere würde nur zu Missverständnissen führen.

Text: Michael Köckritz & Matthias Mederer Foto: David Breun 05.06.2020 21 min

Herr Lundt, wie steht es aktuell um den Oldtimermarkt?

Vor zwei, drei Jahren war der Hype auf dem Höhepunkt, da wurden für Autos so absurd hohe Preise bezahlt, dass man das Grausen bekam. Zum Glück befinden wir uns jetzt in einer Konsolidierungsphase. Die Preise liegen etwa dreißig Prozent unter den Summen, die noch vor drei Jahren bezahlt wurden. Heute wird nur noch für wirklich gute Autos richtig viel Geld gezahlt. Und die Leute sind besser informiert. Die bringen zum Autokauf einen Sachverständigen mit, der besser beurteilen kann, was an so einem Wagen geleistet wurde und was er wert ist.

Nervt Sie das, wenn da so viele mitreden?

Im Gegenteil, ich freue mich, wenn ein Kunde einen Spezialisten mitbringt. Eine bessere Expertise als die von einem Kollegen kann ich nicht bekommen. Allerdings sollten die auch Ahnung haben. Nicht so wie neulich, da erschien ein sogenannter Sachverständiger, der nur herumnölte und alles besser wusste. Den fragte ich: »Sagen Sie mal, sind Sie ein Kollege?« Und er: »Nein, ich bin Rechtsanwalt und fahre schon seit zwanzig Jahren Oldtimer.« Also bitte! Ein bekannter deutscher Sängerbrachte auch mal so einen merkwürdigen Experten mit. Die brauche ich hier nicht. Aber über echte Sachverständige freue ich mich. Und jeder, der ein Auto über 50.000 Euro kaufen will, sollte daran nicht sparen.

Ist der 911 tatsächlich immer noch die sicherste Wertanlage?

Es gibt ein paar hochpreisige 911er-Sondermodelle, die es geschafft haben, über die ganze Zeit sehr hoch gehandelt zu werden. Ich warne aber davor, so ein Fahrzeug als Spekulationsobjekt zu sehen. Nennen wir es lieber eine relativ sichere Anlage. Ich habe schon einige Leute erlebt, die sich beschwert haben, weil ihr Oldtimer über die Jahre an Wert verloren hat. Gleichzeitig fahren sie aber mit einem Audi A8 herum, der nach dreieinhalb Jahren nur noch knapp die Hälfte wert ist.

Kann man davon ausgehen, dass bald die nächste Welle mit hohen Preisen kommt?

Ich glaube, dass wir froh sein können, wenn wir bei Oldtimern ein bestimmtes Niveau erreichen. Es liegt möglicherweise nach einem kleinen Tal im Herbst wieder etwas höher, und mit Glück pendelt es sich da ein. Die ganze Berichterstattung über Autoabgase und den CO2-Effekt geht natürlich auch an den Oldtimern nicht vorbei. Die Zahl derer, die sich freuen, wenn du mit einem alten Elfer an ihnen vorbeifährst, wird auch nicht größer. Ganz im Gegenteil, der Nachwuchs fehlt.

Ist ein Auto, das vor 30 Jahren gebaut wurde, nachhaltiger als ein neues?

In jedem Fall. Die Fahrzeuge sind da und haben in über dreißigJahren bewiesen, dass sie heute noch nutzbar sind und in der Regel werden sie nicht mehr als 2.000 Kilometer im Jahr gefahren. Völlig unbedeutend für die Umwelt. Darüber hinaus gab es in den letzten Jahren keinen tödlichen Unfall mit Fahrzeugen, die ein H-Kennzeichen tragen.

Wie viele Oldtimer sind derzeit in Deutschland gemeldet?

Es gibt ungefähr 400.000 Autos mit H-Kennzeichen, das ist nicht mal ein Prozent. Die Entwicklung steigt allerdings rasant, weil immer mehr Autos – wie zum Beispiel der Golf, der Baby-Benz oder der VW Bus T3 – jetzt in das Alter kommen. Da gibt es eine Menge gut erhaltener Autos. Auch die haben das Recht, ein H-Kennzeichen zu tragen.Leider gibt es aber viele Leute, die sich das H-Kennzeichen nur holen, um Steuern zu sparen. Das verwässert allerdings ein bisschen den eigentlichen Sinn.

Was glauben Sie, wie wird es in Zukunft auf unseren Straßen aussehen?

Derzeit sind in Deutschland 54 Millionen Kraftfahrzeuge gemeldet, ich glaube nicht, dass es bald zu einem signifikanten Abschwung kommen wird. Allerdings wird die Zahl mit der Zeit sicher weniger, da wir ja kaum noch Platz haben. Vor allem in der Stadt gibt es einfach zu viele Autos, das ist Fakt. In Berlin ist der Senat Schuld, weil der keine Alternativen bietet. Der öffentliche Personennahverkehr wird nicht ausgebaut, die sind nicht in der Lage, zu entscheiden, ob man eine U-Bahn-Linie verlängert oder nicht. Da muss man erst eine Machbarkeitsstudie machen. Da fragst du dich schon: »Sind da nur noch inkompetente Menschen am Werk?« Aber lassen wir das. Ich rege mich sonst auf. Nein, Automobilität in der Stadt wird es weiterhin geben. Inwieweit der Oldtimer in Zukunft betroffen sein wird, bleibt die Frage.

Wenn jetzt noch die E-Autos dazukommen, könnte es noch enger werden.

Die Vermehrung des innerstädtischen Individualverkehrs sehe ich nicht, da ein E-Auto in der Regel ein bis zwei Fahrzeuge mit Verbrennermotor ersetzt.Wir werden weltweit nicht mehr als maximal 14 bis 15 Prozent der Fahrzeuge elektrisch antreiben können, weil die Rohstoffe fehlen. Selbst bei 14 Prozent haben wir schon alle Ressourcen dieser Welt ausgeraubt und Länder wie beispielsweise Chile und Argentinien zerstört. Die haben kaum noch Trinkwasser, weil sie das ganze Wasser für ihre Erdenauswaschung verwenden. Darüber redet keiner. Die Politik setzt sich nicht vernünftig mit dem Thema auseinander, das ist das Problem.

Zu viel Lobbyarbeit im Hintergrund?

Nun ja, am liebsten würde ich darauf antworten: weil die Politiker wiedergewählt werden wollen und der Einfluss der deutschen Automobilindustrie auf unsere Regierung schon wesentlich größer ist, als man sich das vorstellen kann. Lüge und Unvernunft, blinder Aktionismus beherrschen aktuell das Thema. Es wird nirgends so viel gelogen wie beim Umweltschutz.

Größer, als es für das Land gut ist?

Das müssen die Leute entscheiden, die noch ein paar Jahre auf dieser Welt leben müssen. Ich weiß aber zum Beispiel, dass, wenn wir fünfzig bis siebzig Prozent der recycelten Kunststoffe für die Verpackung von Lebensmitteln verwenden dürften, man in Deutschland auf einen Schlag 60 Millionen Tonnen CO2 einsparen könnte. Aber davon will keiner etwas wissen. Das interessiert die Leute nicht, die aber gleichzeitig eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf der Autobahn fordern, um gerade mal eine Million Tonnen CO2 einzusparen. Die wäre übrigens der Todesstoß für die deutsche Autoindustrie.

Inwiefern?

Jeder Hersteller und Importeur, der in Deutschland entweder Autos produziert oder ins Land lässt, muss damit rechnen, dass seine Fahrzeuge ausgefahren werden. Das bedeutet, dass alle Wagen so gebaut sein müssen, dass das auch sicher möglich ist. Große Bremsen, große Kühler, große Sicherheitssysteme. Und wenn der deutschen Autoindustrie dieses Merkmal genommen wird, dann gnade ihr Gott. Die Sicherheit ist der Hauptgrund, warum selbst Leute in Ländern wie den USA, in denen sie gar nicht schnell fahren dürfen, unbedingt unsere Autos haben wollen.

Kommen wir nochmal auf die Oldtimer zurück. Wie lautet Ihre Definition von Luxus?

Dass ich mir Dinge leisten kann, die ich nicht unbedingt brauche, aber die mein Leben verschönern. Es ist eine Möglichkeit, mir etwas mehr zu gönnen, weil ich mehr geleistet habe.

Ginge es auch komplett ohne Luxus?

Auf jeden Fall. Ich bin das neunte von elf Kindern. Und was »nichts« heißt, weiß ich. Alles, was ich heute besitze, haben meine Frau und ich – und inzwischen auch unsere Tochter – zusammen aufgebaut. Wir waren eine der ersten Werkstätten in Berlin, die die Auszeichnung »Fachbetrieb historische Fahrzeuge« bekamen.

Was bedeutet es für Sie, einen Oldtimer richtig zu restaurieren?

Der wichtigste Benchmark ist, dass der Restaurateur versucht, möglichst viel vom Original zu erhalten. Natürlich kommen auch mal Kunden, die alles neu haben wollen, was mir persönlich widerstrebt. Gott sei Dank gibt es aber noch eine Menge Menschen, die alte Fahrzeuge lieben. Bei jedem Oldtimer, den wir seit Jahrzehnten restaurieren, lernen wir dazu. Wir versuchen unsere Qualität von Objekt zu Objekt zu steigern. Die neuen oder alten Besitzer würden nicht auf die Idee kommen, so ein Auto wieder zu verkaufen.

Die wollen einfach nur fahren…

Genau, »artgerecht halten« sagen wir dazu. Ein Oldtimer darf nicht herumstehen. Und ein Oldtimerbesitzer kleidet sich mit seinem Fahrzeug. Es sei denn, der Wagen stammt aus der Vor-vor-Kriegszeit. Ich besaß mal einen Hudson 33 aus dem Jahr 1912. Den konnte ich hin und wieder mal um den Block fahren, ich wurde von Passanten beklatscht, aber das war auch alles.

Welches Teil des 911ers hat Sie während Ihrer Karriere die meisten Nerven gekostet?

Gute Frage. Aber die kann ich so gar nicht beantworten. Es gibt immer wieder Autos, die zwicken uns wochenlang, bis wir dahinterkommen, wo das Problem liegt. Das zieht sich durch alle Modelle durch. Je neuer sie sind, desto schlimmer ist es. Aber bis 1998 kennen wir inzwischen alle Probleme unserer Porsche. Und bei manchen Fahrzeugen haben wir uns ganz schön die Zähne ausgebissen. Da gibt es tausend Geschichten.

Bis 1998…

…weil im April 1998 die letzten luftgekühlten gebaut worden sind, dann kam der Wechsel von 993 auf 996. Momentan denken wir darüber nach, ob wir uns mit den jetzt aktuell gebauten Porsche überhaupt weiterhin beschäftigen sollen.

Warum?

Weil diese Autos viel zu anspruchsvoll sind. Und Porsche repariert immer mehr Fahrzeuge über das Intranet, also über das eigene Netz. Da kommen wir nicht hinein. Also geben wir die Autos bei Porsche ab, die kümmern sich dann und berechnen uns 235 Euro die Stunde. Warum sollen wir da noch weiter mitmachen? Bei Beulen, kaputten Reifen oder Bremsen helfen wir natürlich, aber wenn es um Probleme mit dem Motor geht, glaube ich nicht, dass wir das weiterhin tun werden. Natürlich steht Porsche für eine hervorragende Ingenieurleistung, darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Ich frage mich nur, ob die Autos wirklich immer alles kriegen müssen, was geht.

Können Sie das genauer erklären?

1992 kam der 968er Porsche heraus. Schöner Drei-Liter-Motor mit Vario-Cam und so weiter. Ein tolles Auto, Vierzylinder, kostete aber in der vom Werk angebotenen Version über 100.00 Mark. Dann lief das Auto nicht, weil es den Leuten zu teuer war. Was hat Porsche gemacht? Sie nahmen alles wieder heraus, E-Fensterheber, Klimaanlage, alles raus, und nannten das Auto einfach »Clubsport«, und der Preis fiel von über 100.000 D-Mark zurück auf 73.000 D-Mark. Danach lief es wie geschnitten Brot und jeder konnte sich die Extras zu dem Auto noch dazubestellen. Das war der ganze Trick. Und da müssten wir heute mal wieder hinkommen. Es gibt sinnvolle und schöne Extras wie ESP. Aber dann gibt es welche, bei denen du dir wirklich an den Kopf fasst. Der 380 SEC von Mercedes besitzt einen Schalter, mit dem du von innen den Innenspiegel einstellen konntest. Also, falls du den Arm nicht hochkriegen solltest, hättest du auf der Mittelkonsole noch einen Drehknopf. (lacht) Wer kommt denn auf so etwas?

Träumt man noch von besonders schönen Modellen, wenn man den ganzen Tag schraubt?

Natürlich! Ich bin Autofan durch und durch und gucke hin und wieder auch über den PorscheRand hinweg. Ein Traumauto habe ich auch, das ist der EB110, der Bugatti. Bei dieser Technik fange ich beinahe an zu sabbern. Ach ja, und dann bin ich im letzten Jahr zu meinem FordHändler hier nebenan gegangen. Und was stand da?

Ein GT40?

Nein. Ein Bullitt. Ich sagte nur »Boah, ey!«. Liebe auf den ersten Blick! Ich hatte so mit 100.00 Euro gerechnet, aber er sollte nur 53.000 Euro kosten. Die Verkäuferin meinte noch: »Ich kann Ihnen aber keinen Rabatt darauf geben.« Und ich antwortete: »Das wäre auch total bescheuert!« Ja, dann habe ich mir den Bullitt gekauft. Ein Traum. Sechsganggetriebe, handgerissen, V8-Motor, Auspuff in vier Stufen einstellbar. Okay, bei Nässe in der Kurve grauenvoll zu lenken, aber dafür hat man ja Autofahren gelernt, nicht?

Würden Sie den Wagen wieder verkaufen?

Nee, den Bullitt gebe ich nicht mehr her. Meinen Hudson habe ich verkauft und noch einen Elfer. Manchmal muss man Ballast abwerfen. Dann hatte ich noch einen Continental Mark II, einen Lincoln, den habe ich auch verkauft. Momentan besitze ich noch einen 993 Turbo WLS II, also die 450-PS-Version aus April 1998, einen der letzten und ohne Schiebedach. Den gebe ich auch nicht mehr her, der und ich, wir sind ein Pärchen.

Wie viele Kilometer fahren Sie mit diesen Autos?

Jeder Wagen kriegt im Jahr so zwei-, dreitausend Kilometer. Und dann habe ich noch eine kleine Harley-Davidson, eine Road King von 1998. Mit der fahre ich auch gerne. Motorradfahren bedeutet für mich Freiheit.

Anders als beim Oldtimerfahren?

Das ist eine völlig andere Welt. Mein schönster Trip ging quer durch die USA, von Georgia nach Los Angeles, weiter nach Dawson City in Kanada, dann hinüber nach Alaska und dann über Milwaukee zurück. 42 Tage, 18.500 Kilometer.

Klingt spannend.

Ich war der reichste Mann der Welt. Bin alleine gefahren und musste 42 Tage niemanden fragen, ob wir jetzt hier tanken oder wo wir übernachten sollen. Ich habe auf dem Ding nur gesungen und gejubelt und habe mir so den Stress der Selbständigkeit von dreißig Jahren aus dem Schädel gefahren.

Wohin fahren Sie, wenn Sie mit Ihren Oldtimern unterwegs sind?

Ins Umland. Sonntags geht’s früh los, in Richtung Perleberg oder Fürstenwalde. Dann schön zu Mittagessen und zurück, dann hast du deine 150 Kilometer heruntergeschnullt und der Wagen kommt wieder ins Körbchen. Durch die Stadt fahre ich mit meinem Cayenne-V8-Diesel, damit die alle gleich Bescheid wissen. Neulich fragte mich doch ein Journalist, ob ich mich deswegen nicht schäme. Ich meine, hat der noch alle Tassen im Schrank? Ich antwortete: »Ich fahre ein Fahrzeug mit Zulassung und das ist mein Arbeitsgerät. Was ist daran so falsch?«

Gibt es noch mehr Dinge im (Auto-)Leben, die Sie überraschen?

Meine Frau fuhr mit Anfang zwanzig einen Alfa Romeo Junior. Das war aber eine solche Rostmorchel, dass ich irgendwann gesagt habe: »Mausi, das Ding muss weg.« Da hat sie geheult wie ein Schlosshund. Vor einigen Jahren meinte sie dann, dass sie sich so ein Auto nochmal wünschen würde. Also fand ich einen Wagen in Nürnberg und rief den Mann an: »Hören Sie, ich komme jetzt vorbei und schaue mir den an. Ich bin Oldtimer-Spezialist und hoffe, ich werde von dem Auto nicht enttäuscht sein.« – »Auf keinen Fall«, meinte der, »es ist in einem sensationellen Zustand.« Was soll ich sagen? Heckschaden, der Kofferboden war noch faltig, die Schweller guckten unten ab, weil sie gar nicht angeschweißt waren. Und als ich mich darüber aufregte, sagte der Typ, die Kleinigkeiten könne ich ja wohl mit links reparieren, wenn ich ja davon Ahnung hätte. Unglaublich.

Und dann?

Entdeckte ich einen Alfa in Holland. Witzigerweise hieß der Verkäufer auch noch Romeo. Ein total rostfreies, gerades Auto, traumhaft schön. Wir haben nur Wasserschläuche und Reifen gemacht. Seitdem hat meine Frau ihren Alfa Romeo wieder zurück.

Ist ein Motor für Sie ein Kunstwerk?

Grundsätzlich schon, und zwar auf mannigfaltige Art. Ich weiß nicht, wie viele Motoren ich schon repariert habe. Zweihundert, dreihundert Stück? Und jedes Mal, wenn ich so einen Motor neu starte, ist das ein ganz besonderes Gefühl. Immer! Das gilt nicht nur für die 911er-Motoren, sondern auch für die Ferrari- oder eben, wie gesagt, die Alfa-Motoren. Oder letztes Jahr haben wir einen Audi quattro gemacht, einen Ur-quattro. Komplett revidiert, Gott sei Dank hatte ich noch fünf originale Übermaßkolben gefunden. Und dann fuhr der Kunde damit die historische Monte und hat auch noch gewonnen.

Haben Sie sonst noch ungewöhnliche Autos restauriert?

Ja, vor anderthalb Jahren haben wir ein GrummanPost-Auto für das Zeithaus in der Autostadt von Volkswagen restauriert. Davon wurden gerade mal 47 Stück in den USA hergestellt, heute gibt es weltweit nur noch zwei Exemplare, wovon wir einen gemacht haben. Und jetzt kommt der Kracher: E-Motor mit Kupplung und Fünf-Gang-Getriebe. Das fand ich lustig. Der landete also bei uns, weil VW damit seine Elektromobil-Geschichte aufarbeiten wollte. Grumman ist aber eigentlich ein Flugzeughersteller und nutzt dieses harte Blech, beim Bearbeiten sind wir fast irre geworden. Dann haben wir noch recherchiert: Wie war das Auto damals lackiert? Wie sahen die Postzeichen zu der Zeit aus? Zum Schluss mussten wir die Elektrik noch auf aktuelle E-Stecker umbauen. Das war vielleicht ein Gefummel.

Noch eine andere Frage: Sie achten in Ihrem Betrieb darauf, auch Migranten zu beschäftigen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich habe mich früher immer über Kollegen geärgert, die sagten: »Diese Leute sind zu doof zum Ausbilden.« Und ich hielt dagegen: »Nein, man muss sie nur richtig anleiten.« Um das zu beweisen, stellte ich jemanden an, der nur Sechsen im Zeugnis hatte. Also den erdenklich schlechtesten Kandidaten für eine Kfz-Mechanikerlehre. Ich sagte zu ihm: »Streng Dich an, Du trägst eine große Verantwortung. Wenn das mit Dir hier klappt, bist Du ein Vorbild für andere.« Um es kurz zu machen:Nach zwei Jahren war der Servicemechaniker. So habe ich hier schon einige durch die Ausbildung gekriegt, die woanders keine Chance bekommen hätten. Das war noch vor der Flüchtlingskrise 2015.

Und dann?

Dann haben wir interessierte Flüchtlinge durch die Berliner Innung geschleust. Die sollten sich in kleinen Gruppen mal das Handwerk angucken. Und da habe ich gleich gesagt: »Passt auf, Leute, wenn einer dabei ist, der wie ein Champignon aus der Wiese guckt, dann schickt mir den.« So kam Hassan zu mir. Er hat schon mal an Autos herumgeklopft, sagte er, ansonsten betrieb er in Syrien einen Obstladen. Heute ist er einer der wichtigsten Mitarbeiter in meiner Karosserieabteilung. Dem kann man geben, was man möchte, er macht immer ein Kunstwerk aus dem Blech. Ein Libanese gehört auch noch zu meiner Gang. Der ist jetzt 19 und sollte erst abgeschoben werden. Aber mit der Ausbildung konnte er das verhindern. Jetzt ist er schon über drei Jahre da. Und wenn der im Sommer ausgelernt hat, brauche ich den hier als Fachkraft. Nur mit zwei von sechs Flüchtlingen hat es nicht funktioniert. Ich würde immer wieder so handeln. Ich konnte mich in dieser Welt etablieren und hocharbeiten und mir einen gewissen Wohlstand schaffen. Mit meinem sozialen Engagement kann ich der Gesellschaft auch etwas zurückgeben. Wir sind ja alle verantwortlich für unser Land.

Das nennt man wohl gelungene Integration.

Wenn man sich kümmert, geht das auch. Wenn ich aber eine Aversion gegen Ausländer habe, kann ich das natürlich vergessen. Unser Land ist nun mal so, wie es ist, die Menschen sind jetzt da, und mir ist es lieber, wir machen aus ihnen vernünftige Mitglieder unserer Gesellschaft, als dass sie auf der Straße herumlungern. Ich glaube, es wäre viel einfacher, wenn die Deutschen auch mal am eigenen Leib erleben könnten, wie es den Flüchtlingen in ihren Heimatländern so erging. Ich würde gerne mal so ein ganzes Dorf, das zu siebzig Prozent AfD gewählt hat, 14 Tage lang im Bus durch Syrien fahren lassen. Wenn alle mal den Ball ein bisschen flacher halten, in sich kehren und darüber nachdenken würden, in welcher traumhaften Situation sie in Deutschland leben, wäre vielen geholfen. Das wäre mein größter Wunsch.