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Die tapferen Spyderlein

Vom 550 Spyder bis zum 718 Spyder – seit 1953 pflegt Porsche den klangvollen Namenszusatz. Auf den Rennstrecken in aller Welt hat sich diese Spyder-Familie in die Siegerlisten eingetragen. Ach ja, die Vorgeschichte beginnt mit einer britischen Kutsche.

Text: Michael Petersen Foto: Diverse 05.11.2020 7 min

Automobilexperten und erst recht Porscheaner verstehen es, sich trefflich zu streiten über Herkunft und Definition von Begriffen wie Speedster, Roadster, Cabriolet oder Spyder. Zur ultimativen und abschließenden Klärung dieser Frage forschen wir bei der in Sachen Wahrheitsfindung letzten Instanz nach, dem Porsche -Archiv in Zuffenhausen. In den Tiefen der Regale und Ordner ist dick unterstrichen der Satz zu finden: »Die vier Bezeichnungen sind jeweils firmenspezifisch und nicht allgemein genormt.« Und weiter: »Die oben genannten Definitionen gelten nur für Porsche.« Wir greifen den »Spyder« heraus und suchen nach »oben genannt«.

Dort findet sich sogar eine lange und eine kurze und, knackige Version. Die lange, kurz zusammengefasst: »Spider« steht im Englischen für Spinne – und dieser Begriff wurde im 18. Jahrhundert auf Kutschen bezogen, deren Hinterräder größer waren als die vorderen. So entsteht die Spinnenoptik, heißt es da jedenfalls. Doublecheck: Im Lexikon der Kutschenbegriffe ist »Spider« leicht zu finden. Doch nun genug davon, wenden wir uns Porsche zu, und da müssen wir weit zurückgehen, nämlich 67 Jahre.

Max Hoffmann, legendärer USA-Importeur von Porsche, fällt beim ersten Blick auf einen im Jahr 1953 ganz neuen Porsche auf, dass die Hinterreifen etwas breiter ausfallen als die vorderen Pneus. Er ist es, der den Begriff »Spyder« als Zusatz auserwählt, der 550 Spyder ist geboren. Doch warum nur mit »y« statt mit »i«? Womöglich um urheberrechtlichen Fragen oder Verwechslungen aus dem Weg zu gehen. Schließlich verwendet mancher italienischer Automobilhersteller das »i« beim Spider. Nun zur kurzen und knappen Version, gültig für Porsche: »Ein Spyder ist ein offenes Auto, dessen sehr niedrige Windschutzscheibe nur die Funktion eines Windabweisers hat. Seitenfenster oder ein Verdecke besitzt ein Porsche Spyder nicht.«

Na ja, jedenfalls gilt das für die Ahnenreihe vor dem 718 Spyder. Vor dessen Geburt wählt Porsche den Adelstitel Spyder vor allem für eine ganze Reihe aufregender Rennfahrzeuge. Der 550 Spyder ist sogar der erste Porsche, der von der ersten Zeichnung an für den Rennsport entwickelt wird. In Erinnerung geblieben sind nicht nur Automobil-Enthusiasten zwei Ereignisse: zum einen die Carrera Panamericana im November 1954 in Mexiko. Hans Herrmann belegt hinter zwei viel stärkeren Ferrari – mit den Top-Fahrern Umberto Maglio und Phil Hill/Richie Ginther – Platz drei im Gesamtklassement und gewinnt seine Klasse beim damals mit Abstand schnellsten und härtesten Straßenrennen der Welt. Der mit großen Sponsor-Aufklebern (Fletcher-Aviation, Telefunken, Castrol) und mit roten Heckflossen (»Rotschwänzle«) eingesetzte versehene Porsche ziert bis heute viele Poster. Das sei hier nur ganz am Rande erwähnt, der Name Carrera zieht sich seit diesem Einsatz durch die gesamte Porsche Geschichte. Bis heute.

Unvergessen allerdings auch der Tod des Schauspielers James Dean (»Jenseits von Eden«, »… denn sie wissen nicht was sie tun«, »Giganten«). »Little Bastard« tauft der talentierte Hobby-Rennfahrerseinen Porsche. Am 30. September 1955 nimmt ihm unweit der Kleinstadt Marion, Indiana, ein Straßenkreuzer die Vorfahrt. Dean kann nicht ausweichen. Der 24- Jährige ist sofort tot, sein Beifahrer Rolf Wütherich wird schwer verletzt. Im Jahr 1956 gewinnt Umberto Maglioli mit dem 550 A Spyder im Alleingang die Targa Florio auf Sizilien. Sein Nachfolger, 718 RS 60 Spyder getauft, gewinnt den Klassiker im Jahr 1960 ebenso, diesmal wechseln sich Jo Bonnier und Hans Herrmann ab. Trotz der gestreckten Form des RS 60 Spyder ist die Verwandtschaft der beiden Rennsportwagen unverkennbar.

Das gilt auch für die »Großmutter«. So taufen Porsche Monteure ein Einzelstück mit geringem Bekanntheitsgrad, aber großer Rennhistorie. Porsche 718/8 RS Spyder heißt der Achtzylinder-Rennsportwagen aus dem Jahr 1961, mit dem Edgar Barth 1963 und 1964 Europa-Bergmeister wird. Warum »Großmutter «? Die Antwort ist ganz einfach: weil dieser RS Spyder vier Saisons lang im Einsatz ist. Nur zwei Mal am Start steht 1968 der Bergsypder 909. Der nur mit 430Kilogramm extrem leichte Porsche mit weit nach vorn gerücktem Fahrer wird Vorbild für den 908/03. Auch der natürlich ein Spyder.

Dieser wendige Porsche mit Achtzylinder-Dreiliter-Triebwerk wird für die Weltmeisterschaft der Jahre 1970 und 1971 entwickelt. Richtig, damals beherrscht der Porsche 917 die Langstrecken-Rennen. Nur passt dieser später zum Sportwagen des Jahrhunderts gewählte Zwölfzylinder-Typnicht zu den engen Pisten der Targa Florio und der Nürburgring Nordschleife. Mit seiner überragenden Handlichkeit ist der 908/03 auf diesen Strecken in seinem Element. Dieser Spyder gewinnt drei der 1970 und 1971 auf diesen Rennstrecken ausgetragenen WM-Läufe. Privatteams setzen den 908 bis in die Achtzigerjahre ein, teilweise bestückt mit Turbomotoren. Vom Typ 917 gibt es ebenfalls mehrere Spyder-Versionen.

© Porsche

Die spektakulärste: der 917/30 mit bis zu 1 .400 PS. Mark Donohue ist mit diesem stärksten Rennsportwagen aller Zeiten 1973 in der kanadischamerikanischen CanAm-Serie unschlagbar. Ein aufgeladenes Triebwerk treibt auch den 936 Spyder an. Der gewinnt 1976 die Sportwagen-WM und 1976 wie 1977 das 24- Stunden-Rennen von Le Mans. Für die 1981er- Ausgabe dieses Langstreckenklassikers verfügt Porsche über kein siegfähiges Fahrzeug. Ganz kurzfristig wird der 936 wird aus dem Porsche Museum geholt, technisch aufgerüstet – und gewinnt die 24 Stunden von Le Mans ein drittes Mal. Porsche WSC Spyder heißt ein zunächst für die USA konzipierter, aber dort nie eingesetzter Prototyp. Für die Le Mans-Ausgaben 19696 und 1967 wird er in Weissach für das Rennteam von Reinhold Joest stark überarbeitet. Ergebnis: Team Joest holt bei dem 24-Stunden-Klassiker gleich zwei Gesamtsiege.

2005 und 2007 ist der RS Spyder auf der anderen Seite des Atlantiks erfolgreich. Der offene Prototyp wiegt 775 Kilogramm. Er wird von einem V8-Motor mit 3,4 Litern Hubraum angetrieben, dessen Leistung durch einen Luftmengenbegrenzer auf 353 kW (480 PS) begrenzt wird. Das Team des überaus erfolgreichen Unternehmers und Rennstallchefs Roger Penske setzt den RS Spyder in der American Le Mans-Serie (ALMS) ein. Er holt zahlreiche Gesamtsiege, obwohl er gar nicht in der Top-Kategorie startet. Und heute? Porsche pflegt den Namenszusatz »Spyder« auch nach bald sieben Jahrzehnten immer noch. Das Top-Modell der Boxster-Baureihe heißt schlicht »718 Spyder«.