Die Perfektion des Unperfekten

Geht ein Mann zum Schönheitschirurgen und lässt sich seine Falten verstärken. Zugegeben: ein schlechter Witz. Kein Witz dagegen ist die sogenannte Patina-Restaurierung, die in der Classic Car-Szene gerade ihren Durchbruch feiert.

Text: Alexander Morath Foto: Matthias Jung / Porsche Klassik 18.02.2019 2 min

Mut zum Lackkratzer! Entgegen dem anthropologischen Schönheitsideal gehört das würdevolle Altern in der Classic Car-Szene zum guten Ton. Mehr noch: Es steht für Authentizität und vermittelt auf den ersten Blick ein Gefühl über den wahren Charakter eines Wagens. Ein von der Sonne Kaliforniens geküsster roter Elfer? Wirkt zwar etwas blass ums Blech, setzt aber gerade mit dieser lebensechten Optik das Kopfkino in Gang. Die Synapsen rattern. Bilder entstehen. Auch Eindrücke. Wir kombinieren endlose Küstenstraßen mit Meeresrauschen und Menschen, die auf Wellen reiten. Man kann ihn förmlich spüren, den leicht salzigen Windstoß, der uns durch das offene Fenster trifft.

Und was erzählt der gründlich polierte Strahlewagen so? Nicht viel. Oder zumindest nicht mehr, als dass er sich in einer gut behüteten Garage augenscheinlich am wohlsten fühlt. Das Restaurierungs- und Veredelungsunternehmen »Das Triebwerk« konzentriert sich deshalb auf identitätsgebende Gebrauchsspuren am und im Auto und bereitet sie wie ein archäologisches Fundstück wieder auf.

So entstehen automobile Charaktertypen. Geschichtenerzähler. Eben Autos wie jener Black-Plate-Porsche 356, der seine Racing-Gene stolz nach außen trägt. Lederriemen und Rallyestreifen, Startnummer und feine Vintage-Aufkleber: Das alles wirkt so wunderbar stimmig und nachvollziehbar wie die kleinen Dellen, die diesen 356 zwar nicht perfekt, dafür aber verdammt glaubwürdig machen. Und das tut doch gerade in photogeshopten Zeiten, in denen Nasekorrekturen so angesagt sind wie Snapchat-Filter, auch mal ganz gut.