Was für ein (Blick-)Fang: die Neuauflage von »Moby Dick«

Was für ein (Blick-)Fang: die Neuauflage von »Moby Dick«

Wohl nur eine Marke kann sich erlauben, zum eigenen Geburtstag 77 Exemplare eines 800.000 Euro teuren Retro-Autos zu »verschenken«, das kaum zu gebrauchen ist. Aber eines kann der moderne Moby Dick: faszinieren.

Text: Roland Löwisch Foto: Stefan Bogner 18.12.2018 4 min

Man gibt sich bodenständig. Kein Champagner spritzt über die Bühne – es wird nur ein kleines Bierfass angestochen. »Stuttgart-Ale« soll drin sein, oder »Renns-Porter«. Egal, den Protagonisten, darunter Ex-Rennprofi Mark Webber, Porsche Vertriebs-Vorstand Detlef von Platen, GT-Baureihenchef Frank-Steffen Walliser und Porsche USA-Chef Klaus Zellmer, schmeckt’s. Sie prosten dem Publikum zu, das sich hier zum Porsche Rennsport Reunion in Laguna Seca eingefunden hat, sie prosten sich gegenseitig zu – und sie prosten dem Geschenk an alle Fans zum 70. Geburtstag der Firma zu: dem Porsche 935/18.

Was für ein (Blick-)Fang: die Neuauflage von »Moby Dick«

Geschenk? Wie man es nimmt. Ja, wenn man sich sowieso keinen Porsche leisten kann, sich trotzdem über jedes neue Modell freut und die Historie der Marke stets zelebriert. Nein, wenn man wahrscheinlich sowieso keine Chance hat, eines der nur 77 Stück zu ergattern oder sich unglücklich in den Sportler verliebt und die 800.000 plus 1.948 Euro vor Steuern (man beachte den Gag, dass das Kleingeld an das Geburtsjahr der Marke erinnern soll) nicht aufbringen kann. Einziger Trost: Das Auto darf kaum etwas.

Das ist aber alles ziemlich egal. Ein neuer Porsche ist ein Erdbeben, erst recht, wenn so viel Retro darin steckt wie beim 935/18. Optisch und namentlich soll er erinnern an den Porsche 935/78, Spitzname »Moby Dick« – das stärkste 911-Werksderivat, das je fahren durfte: 1976 holte Porsche nach fünf Jahren Abstinenz bei den Produktionsrennwagen der Gruppe 5 wieder die Markenweltmeisterschaft. »Moby Dick« – so genannt wegen der breiten und langen Karosserie – war eine weitere Entwicklungsstufe. Von 845 PS aus einem Sechszylinder-Boxer-Biturbo befeuert, raste der Sportler auf der Hunaudières-Geraden in Le Mans mit 366 km/h dem Ziel entgegen, was allerdings nur für den achten Gesamtrang reichte. Ein Sieg wurde beim Sechsstundenrennen in Silverstone eingefahren. So richtig wurde das Auto also nicht gefordert. Macht nichts – für Kult hat es dicke gereicht.

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Das neue Modell basiert auf dem 911 GT2 RS und trägt einen 700 PS starken Sechszylinder-Biturbo-Boxer im Heck. Die schon fast unverschämt schöne Karosserie besteht aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff, das ganze Konstrukt bringt nur 1.380 Kilo auf die Waage. Zudem handelt es sich um den wohl bislang wertvollsten Porscherennzitateträger der Porsche Geschichte: Die LED-Heckleuchten erinnern an den LMP1-Renner 919 Hybrid, die verkleideten Felgen direkt an den 935/78, die Außenspiegel an den 911 RSR, die Titanabgasendrohre an den 908 aus dem Jahr 1968. Der Getriebewählhebel (Siebengang-PDK) in Schichtholzoptik greift das Design von 917, 909 Bergspyder und Carrera GT wieder auf, das Carbonlenkrad stammt aus dem aktuellen 911 GT3 R. Das Auto könnte also, wenn es denn dürfte. Denn es ist nicht homologiert und darf damit nicht an FIA-Rennen teilnehmen. Außerdem kann es keinen TÜV bekommen und darf deshalb nicht auf der Straße gefahren werden. Also das optimale Auto, um in Sammlungen zu verschwinden. Schade eigentlich. Allerdings gibt es den 935/18 eben nur deshalb, weil die Ingenieure bei der Entwicklung freie Hand hatten. Letztlich können Besitzer also entweder bei Trackdays ihre Kumpels in Grund und Boden fahren, ohne einen offiziellen Blumentopf zu gewinnen, oder sie ergötzen sich am Geschenk samt Wahnsinns-Sound in den eigenen vier Garagenwänden.

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Vielleicht entdecken sie dann auch die versteckten Feinheiten. Wie den Herstellerhinweis. Dazu muss man dem modernen Dicki tief ins Heck kriechen. Dort, links oben, ziemlich versteckt hinter der ausufernden Aerodynamik, findet sich der stolze Hinweis, wo das Auto gemacht wurde. Nicht »Made in Germany«, nicht »Made in Stuttgart«, nicht mal »Made in Weissach«. Dort steht »Made in Flacht« – ein selbstbewusster Hinweis der Porsche Motorsportabteilung, die zwar in Weissach beheimatet ist, aber rein geografisch tatsächlich knapp in dem benannten Weissach-Ortsteil residiert.

Ehre, wem Ehre gebührt.

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Info: Erstmals erschienen in der ramp #44