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Der Rennwagen des Jahrhunderts

Hans Mezger und sein Porsche 917. »Es gibt wahrscheinlich kein anderes Rennfahrzeug in der Geschichte des Automobils, das gleich viel Beachtung, Anerkennung, Bewunderung und Lob bekommen hat«, betont der Gesamtprojektleiter fünf Jahrzehnte nach dem Debüt des Seriensiegers. Und das hat auch mit der Turbotechnik zu tun.

Text: Michael Petersen Foto: Porsche 22.03.2019 6 min

Der Konstrukteur Hans Mezger lächelt, wenn er nach 50 Jahren auf den Porsche 917 schaut. »Viele Erinnerungen an damals kommen wieder hoch«, sagt Mezger, Jahrgang 1929. Mit spürbarem Stolz in der stets leisen Stimme berichtet er von dem großen Aufsehen, das dieser Sportwagen bei Fans wie Fachwelt erzeugt hat. Zwei gewonnene Sportwagen-Weltmeisterschaften und zwei CanAm-Titel in Übersee sind Legende. »Aber mit dem 917 kam der Durchbruch der Abgasturboladertechnik«, hält Mezger fest, der auch den 911-Boxermotor gezeichnet hat. Der Porsche 911 Turbo debütierte 1974. Die Folgen spüren heute viele Autofahrer, wenn sie auf das Gaspedal treten. Weil Abgase einen Lader beschleunigen, der wiederum zusätzlichen Sauerstoff für die Verbrennung bereitstellt, steigt die Leistung rapide an. Ganz grob geschätzt ist dies bei der Hälfte aller Straßenautos der Fall. Ein paar graue Haare mehr, die Gesichtszüge zeugen von Lebenserfahrung, aber Mimik, Dynamik und Zugewandtheit haben in den Jahren nicht nachgelassen. »Eigentlich war der 917 ja nur vier Jahre so richtig erfolgreich«, schaut Mezger zurück.

Das gilt für die Jahre 1970 bis 1973. Er lächelt einmal mehr. Der 917 hat nichts von seiner Faszination verloren. Ganz genau fünf Jahrzehnte ist es her, seit dieser Porsche im März 1969 auf dem Genfer Autosalon vorgestellt wurde. Damals zogen Porsches Entwicklungschef Ferdinand Piëch und Rennfahrer Gerhard Mitter die Hülle von einem Wagen, der die Geschwindigkeiten im Motorsport in neue Dimensionen verschieben sollte.

Bis 1968 hatten die leichten und wendigen Porsche gegen wesentlich stärkere Konkurrenten von Ferrari oder Ford Achtungserfolge errungen. Doch Klassensiege reichten dem in Extremen denkenden Ingenieur Piëch nicht aus. Er sah sich das Reglement für die Saison 1969 genau an: Wenn ein Hersteller 25 Exemplare eines Sportwagens baut, darf er Motoren mit fünf Litern Hubraum einsetzen. Mitte 1968 begann ein Team um diesen Gesamtprojektleiter Hans Mezger mit der Arbeit für einen Rennsportwagen der Superlative. Dazu gehörte ein Zwölf-Zylinder-Motor mit zunächst 4,5 Litern Hubraum und mehr als 500 PS. Im Mai 1969 standen 25 Porsche in Zuffenhausen zur Abnahme bereit. Am Ende der Saison 1969 gewannen Jo Siffert/Kurt Ahrens in Österreich den ersten WM-Lauf mit einem 917. Die Bilanz bis 1973: Zwei Sportwagen-WM-Titel, zwei Le Mans-Siege und – mittlerweile dank der Turbotechnik weit mehr als 1.000 PS stark – zwei Meistertitel in der CanAm-Serie. Dazu durfte sich der 917 »Rennwagen des Jahrhunderts« nennen.

1970 siegte der Porsche erstmals in Le Mans

Das Ausstellungsstück in Genf 1969 trug die Chassisnummer 001. Dieser Wagen stand im Herbst 1969 auch auf der IAA und trug wenig später als erster Porsche die hellblau-orangenen »Gulf«-Farben, die Steve McQueen legendär werden ließ. »Die 001 diente Repräsentationszwecken, dieser 917 wurde nie in einem Rennen eingesetzt«, betont heute Alexander Klein, Leiter Fahrzeugmanagement des Porsche Museums. Im Juni 1970 siegte Porsche zum ersten Mal bei den 24 Stunden von Le Mans. Hans Herrmann und Richard Attwood fuhren den 917 mit der Chassisnummer 023 zum bis dahin größten Erfolg. Dieses Auto wechselte später mehrfach den Besitzer. Porsche aber wollte den Le Mans-Sieg kommunizieren, wie man heute sagen würde. Als Folge wurde die 001 auf die Optik des Le Mans-Sieger-Autos umgebaut. 45 Jahre lang stand der nun rot-weiße 917 für den Le Mans-Erfolg, einige Runden drehte er bei historischen Motorsport-Events. »Mehr als 300 Kilometer ist er jedoch nicht gefahren worden«, erklärt Alexander Klein.

50-Jahr-Jubiläum vom Porsche 917

Mit Blick auf das 50-Jahr-Jubiläum des 917 entstand die Idee, den Wagen wieder in den Ur-Zustand zu versetzen. »Zu unserem Glück flossen Weiterentwicklungen des 917 in dieses Fahrzeug nicht ein«, führt Klein weiter aus. Für die Restaurierung mussten während der letzten zwölf Monate dennoch rund 3.500 Stunden aufgebracht werden. Zeichnungen wurden digitalisiert und moderne 3D-Technologie genutzt. Auch die früheren Karosseriebauer, Konstrukteure und Projektleiter wie Hans Mezger selbst wurden zurate gezogen. Alles geschah unter der Vorgabe, möglichst viel der alten Substanz zu erhalten. Unumgänglich war, den Rohrrahmen um rund 15 Prozent zu ergänzen. Front und Langheck wurden mithilfe der alten Zeichnungen neu konstruiert. Dach, Türen, Frontscheibe, Schweller, selbst die Lampenträger sind originale Teile, ebenso wie Fahrwerk, Motor und Getriebe. Pünktlich zum 50-Jahr-Jubiläum nach der Genfer Premiere hatte dieser bei der Retro Classics seinen ersten Auftritt in den alten Farben seit 1969. Beim »Members Meeting« Anfang April in Goodwood wird die 001 in Aktion zu sehen sein. Vom 14. Mai bis zum 15. September gehört sie zu einer 917-Sonderschau im Porsche Museum. Konstrukteur Hans Mezger gebührt das Schlusswort. Er hat es für das mit vielen Auszeichnungen versehene Porsche 917-Standardwerk von Walter Näher verfasst: »Es gibt wahrscheinlich kein anderes Rennfahrzeug in der Geschichte des Automobils, das gleich viel Beachtung, Anerkennung, Bewunderung und Lob bekommen hat wie der Porsche 917. Bemerkenswert dabei ist, dass diesem außergewöhnlichen Fahrzeug nicht nur von Anhängern des Motorsports Interesse entgegengebracht wurde, sondern auch von Hochschulen, Universitäten und Ingenieurvereinigungen auf der ganzen Welt.«