All translations for this page: Other translations for this page:

Der (An-)getriebene: Keanu Reeves

Lange galt Keanu Reeves bei Kritikern als untalentierter Schauspieler – dann wurde »der Schmerzensmann des Actionkinos«, wie er einmal genannt wurde, wiederentdeckt. Wer ihn heute erlebt, hat das Gefühl, es mit einem östlichen Denker zu tun zu haben. Allerdings blitzt in seinen -Antworten manchmal eine solche Ironie auf, dass klar wird: Ganz so ernst nimmt dieser Mann das Leben doch nicht. Heute wird er 56 Jahre jung.

Text: Rüdiger Sturm Foto: Porsche 02.09.2020 9 min

2019 gilt als sein Jahr. Als Schauspieler, der sich vom Posterboy der 90er zum Blockbuster-Superstar mit einer enigmatischen Aura entwickelte – vor allem aber als Mensch, der große Summen an Charity-Organisationen spendet und durch seine Bescheidenheit glänzt. Im Internet wird Reeves inzwischen zur Heilsfigur stilisiert. Weil er mal auf einer Bank saß und gedankenverloren ein Sandwich aß oder allein in einem Kino einen Film guckte und dabei Popcorn futterte. Zum viralen Hit wurde »Keanu Reeves’ Death Answer«. Dabei handelt es sich um einen Talkshow-Ausschnitt, der seine Antwort auf die Frage zeigt, was nach dem Tod eines Menschen passiere. Reeves gab keine schlagfertige oder belustigende Antwort, sondern atmete tief durch und sagte: »Ich weiß, dass die, die uns lieben, uns sehr vermissen werden.« Noch immer fährt Reeves mit der U-Bahn zur Arbeit – und auch an seiner Art zu spielen hat sich nichts geändert.

Allerdings versteht man sie heute nicht mehr als Limitierung, sondern eher als fast poetische Qualität. Der »New Yorker« widmete dem Schauspieler in diesem Sommer einen langen Artikel mit der Überschrift »Keanu Reeves Is Too Good for This World«, dabei spielte Reeves schon vor 25 Jahren in Bernardo Bertoluccis »Little Buddha« den indischen Prinzen Siddhartha. Zuletzt war Keanu Reeves, der gerne schnelle Motorräder fährt und ein Faible für Porsche hat, mal wieder als Gehetzter zu sehen – im dritten Teil der äußerst erfolgreichen »John Wick«-Reihe, in der er sich unerbittlich dafür rächt, dass jemand seinen kleinen Hund meuchelte. 2021 geht der Rachefeldzug voraussichtlich in die nächste Runde.


Sie sind durch unzählige Actionfilme gejagt – dabei ging es mit dem Surfbrett über Wellen, im Bus über das Flughafengelände von Los Angeles, durch virtuelle Universen oder durch die Straßenschluchten von New York. Wo kommen Sie zur Ruhe?

Im Eisbad.

Das müssen Sie kurz erklären.

Wenn ich drehe und trainiere, entspanne ich mich im Eisbad. Danach geht’s ins Warme und zum Schluss wieder ins Eisbad.

Klingt jetzt nicht sonderlich gemütlich. Was genau tut daran gut?

Eisbäder sind ideal für die Muskeln, Gelenke und für die körperliche Erholung allgemein. Sie helfen bei Entzündungen und kurbeln die Blutzirkulation an. Ich entdeckte das damals beim »Matrix«-Dreh für mich.

Wie lange halten Sie so ein Bad im Eis aus?

Ich versuche, 10 bis 15 Minuten zu schaffen. Wenn ich ganz zum Schluss heraussteige, fühlt sich alles ganz warm an. Und ich möchte dann nur noch schlafen – was ich auch tue. Danach bin ich wieder bereit für die Schlachten des nächsten Tages.

Aber Sie können ja nicht immer ins Eisbad steigen, wenn Sie Harmonie suchen.

Ich finde Ruhe und Frieden in jedem Moment, in dem ich Pause mache – und wenn ich im Einklang mit der Welt bin. Wenn es mir persönlich und den Menschen, die ich liebe, absolut gut geht.

Und das kann ständig und überall sein?

In jedem beliebigen Moment. Man muss nur diesen einen Moment erwischen und versuchen, ihn festzuhalten. Das kann sein, wenn ich unterwegs zur Arbeit bin oder wenn ich auf meinem Motorrad sitze. Ich mag auch das Gefühl des Neuanfangs. Wenn ich zum Beispiel aufbreche, um einen neuen Film zu drehen, denke ich ganz aufgeregt (Reeves klatscht in seine Hände): »Okay, was passiert als Nächstes? Wo geht’s hin?« So fühlte ich mich beispielsweise, als ich für sieben Monate nach Sydney flog, um dort »Matrix« zu drehen. Daran habe ich schon Spaß.

Auch das Motorrad ist ein Quell Ihres Glücks, wie Sie sagten ...

Oh ja, ich liebe das. Vor allem hier in Los Angeles, wo es so viele wunderschöne Strecken gibt – ob nun in den Bergen oder am Ozean. Ich verbringe grundsätzlich gerne Zeit in der Natur. Ich bin da voller Ehrfurcht. Du siehst den Himmel über dir und merkst, dass du dich eigentlich nur auf einem Planeten befindest. Dieses Gefühl ist bei solchen Trips ganz ausgeprägt. Du kommst dir vor, als würdest du dich langsam auflösen, und alles, was du spürst, ist Demut, Staunen und Liebe.

Sie klingen sehr mystisch-spirituell. Passenderweise haben Sie ja einmal Buddha gespielt ...

Ich bin kein Buddhist, wenn es das ist, was Sie meinen.

Aber hat diese Erfahrung Ihre Sicht auf das Leben beeinflusst?

Ja, das schon. Ich fand die Vorstellung vom Samsara, dem Zyklus des Lebens, faszinierend. Das ganze Konzept von Geburt und Tod und die Vergänglichkeit allen Daseins erweiterte meinen Horizont enorm. Ich wurde mir vieler Dinge bewusst, zum Beispiel auch, was das Thema Mitgefühl angeht – wie man es lernt, sich in die Lage anderer zu versetzen. Wie fühle ich selbst? Und wie fühlt mein Mitmensch? Warum tut er das, was er tut?

Der Buddhismus meint ja, dass alles Leben Leiden sei. Wie schafft man es dann, glücklich zu werden?

Es geht um die Befreiung vom Leid. Denn das Leid ist ja nicht ewig. Und dafür muss man dessen Ursprung verstehen. Kommt es von emotionalem Hunger und Verwirrung? Was ist überhaupt dieses Selbst, das so empfindet? Das gilt es zu reflektieren, um eine objektive Perspektive dazu einnehmen zu können. Und auf diese Weise kann man sein Verhalten besser beeinflussen.

Den buddhistischen Lehren nach kommt das Leiden vom Verlangen. Das heißt, Sie denken über Ihre Sehnsüchte und Wünsche nach, um einen objektiven Abstand dazu zu bekommen?

So könnte man das ausdrücken. Man überlegt sich: Warum tue ich das? Warum will ich das? – Ach ja, deshalb. – Wenn man den Grund kennt, kann man sich neu besinnen. Wenn nicht, würde man vermutlich immer wieder das Gleiche machen. Doch das ist ein sehr kompliziertes Thema.

Aber in Ihrer Darstellung klingt es relativ klar. Woher rührt diese Fähigkeit, sich selbst zu analysieren?

Die verdanke ich sicherlich auch meiner Schauspielerfahrung. Und alles, was ich eben erzählt habe, fußt auf meiner Arbeit an »Little Buddha«. Wobei mir manche Leute diese Rolle noch nicht mal zutrauten. Ich flog damals mit Air India und einer der Stewarts sprach mich an. Er sagte, dass er meine Filme liebt, mich in »Speed« gesehen hätte und fragt dann, was ich als Nächstes mache. Ich habe ihm dann geantwortet, dass ich mit Bernardo Bertolucci drehe. Er meinte dann: »Bertolucci, fantastisch, was für eine Rolle haben Sie in dem Film?« Und als ich sagte, dass er »Little Buddha« heißt und ich Siddharta spiele, meinte er: »Das geht nicht!«

© Porsche

Und was sagten Sie?

Warum nicht? Alles ist möglich.

Meditieren Sie eigentlich?

Ich bin da wirklich kein Kenner. Ich sprach auch mit Leuten, die nach Tibet gegangen sind, um in Höhlen zu studieren und zu meditieren. Dabei nimmt man offenbar seine eigene Persönlichkeit auseinander.

Wäre es für Sie interessant, das Gleiche zu tun?

Ja, klar.

Echt?

Im Ernst? Wahrscheinlich nicht. Ich merke schon, dass Berge eine Wirkung haben, aber ich arbeite nun mal in der Stadt. Meine persönliche Höhle ist vermutlich meine Wohnzimmercouch.

Im Multimedia-Zeitalter kann das ein ziemlich unruhiger Ort sein. Sie brauchen nur ins Netz zu gehen ...

Ich beteilige mich nicht an – wie nennt man das? – Social Media.

Das lehnen Sie ab?

Ich interessiere mich nicht dafür.

Sie wirken, als könnte Sie nichts aus der Fassung bringen. Kann es doch mal passieren, dass Sie Ihre Balance verlieren?

Klar, wenn mich etwas in den Wahnsinn treibt.

Was zum Beispiel?

Lassen Sie mich überlegen: Wann bin ich zum letzten Mal ausgeflippt? Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr erinnern.


Lesen sie das gesamte Interview und zahlreiche weitere Geschichten in der rampstyle #19.

Shop now:

rampstyle #19