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Der amerikanische Traum

Ein halbes Jahr vor dem Launch durfte der ehemalige Baseballstar C. J. Wilson bereits den neuen Porsche 718 Cayman GT4 Clubsport fahren. Streng geheim, mitten in der kalifornischen Wüste. Nein, es war keine Fata Morgana. Aber eine Vision hat der Mann trotzdem.

Text: Matthias Mederer Foto: Matthias Mederer 04.07.2019 6 min

Willow Springs Raceway, Kalifornien, USA. Die Security sichert das Gelände, Personen werden kontrolliert, Mobiltelefone mit Kamera müssen abgegeben werden. Erst dann wird der neue Porsche 718 Cayman GT4 Clubsport, noch eingepackt in einer schwarzen Tarnhülle, aus dem Transporter gerollt. Der Sichtschutz wird entfernt, Mechaniker checken Ölstand und Reifendruck der profillosen Slicks. Ein Porsche Ingenieur aus Weissach startet den Rennwagen.

Ganz konventionell mit einem Schlüssel links neben dem Lenkrad, ganz so, wie es auch in jedem anderen 718 abseits der Rennstrecke passiert. Der ehemalige Baseballspieler Christopher John »C. J.« Wilson steht schon bereit, setzt den Helm auf, streift sich die Handschuhe über, schält sich geübt in den engen Rennsportsitz.

Anschnallen, ein paar letzte Instruktionen seitens eines Mechanikers, dann der erste Rollout: Systemcheck. Zurück an die Box. Alles läuft reibungslos. C. J. bekommt die Freigabe für fünf Runden. Nach acht Runden kommt er zurück an die Box. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht. »Dieses Auto ist der Hammer!« In die Box ist er nur gekommen, weil der Sprit ausgegangen ist. »Die Mechaniker haben mir nur ein paar Liter Benzin mitgegeben, sie wollten wohl auf Nummer sicher gehen«, lacht Wilson.

In den USA ist der frühere Pitcher der Los Angeles Angels of Anaheim nicht nur für seine sportlichen Leistungen bekannt, sondern auch für seine Auto-Leidenschaft. Und der 39-Jährige ist jemand, der immer ein Ziel vor Augen hat. Sein Traum: Er will am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teilnehmen, als Fahrer und mit eigenem Team. Und Wilson ist niemand, der etwas dem Zufall überlässt.

Am Rande des Termins gibt er zu, dass er auf dem Weg nach Le Mans vielleicht auch die ein oder andere Karrierestufe überspringt und bekommt – ganz Medienprofi und Leistungssportler – gekonnt die Kurve zum neuen GT4 Clubsport und zur jahrzehntelangen Rennsporterfahrung von Porsche, auf die er vertraut. Wobei man vielleicht ein bisschen früher ansetzen muss, um den Mann und seinen geschmeidigen Ehrgeiz zu verstehen. Schon mit vier Jahren wird er zu Dirt-Track-Rennen mitgenommen, sein Vater arbeitet als Boxenmechaniker bei verschiedenen Rennteams.

Mit sechs fährt er Kart-Rennen – und entwickelt einen besonderen Geschmack. Vor allem Porsche hat es ihm angetan. »Der 962 war das Auto, das in mir ein Gefühl für den Mythos entwickelte, einem Mythos von einem Auto, das man braucht, um zu gewinnen.« Wilson geht zu seinem Vater und sagt ihm, er wolle genau diese Autos haben. Einziges Problem: Dafür braucht man Geld, sehr viel Geld.

Also legt Wilson sich seinen ersten Plan zurecht: Profisportler werden und damit so viel verdienen, um sich die Fahrzeuge zu kaufen, von denen er träumt. Wahrscheinlichkeiten oder realistische Chancen interessieren Wilson schon damals nur am Rande. Basketballprofi zu werden ist seine erste Idee, allerdings glaubt er damals nicht, dafür groß genug zu werden – knapp 1,85 Meter misst er heute.

Seine Wahl fällt auf Baseball. Nach dem ersten Training lässt ihn sein Coach wissen, er sei so schlecht, dass er lieber Fußball spielen gehen solle. Mit Soccer aber hätte Wilson nicht reich werden können, zumindest nicht in den USA. Also konzentriert er sich darauf, besser im Baseball zu werden. Akribisch arbeitet er an sich, liest Bücher, macht sich Notizen, tritt konsequent gegen Größere an. Und der amerikanische Traum geht auf. Von seinem ersten Profigehalt kauft sich Wilson einen Porsche 993. Und auch heute versucht Wilson erst gar nicht, mit seiner Leidenschaft für Sportwagen hinter dem Berg zu halten.

Mit fast kindlicher Begeisterung erzählt er von einer Ausfahrt im McLaren P1, die er mit seinen Followern natürlich auch auf den Social-Media-Kanälen teilt. Wilsons Fahrzeug-Sammlung ist inzwischen legendär. Ein bekanntes amerikanisches Auto-Portal erstellte mal eine Top-Ten-Liste der coolsten und berühmtesten Autosammler – Wilson landete als Dritter hinter Jay Leno und Ralph Lauren. Aber der zweifache All-Star-Spieler ist nicht der Typ, der sich mit etwas zufriedengibt. Und schon steht das nächste Ziel an: als Rennfahrer und Teambesitzer nach Le Mans gehen. Mit Verbissenheit hat das bei ihm wenig zu tun, am Set wirkt er locker und umgänglich – und fokussiert. Ein lässiger Spruch hier, und schon im nächsten Moment funktioniert Wilson als Schauspieler für die Kamera.

Und er kann es kaum erwarten, wieder auf die Strecke zu gehen. Wenn man Wilson zuhört, zweifelt man keine Sekunde daran. Er sagt dann Sätze wie: »Der GT4 Clubsport ist ein echtes Rennauto. Man kann ein Straßenauto für die Rennstrecke präparieren und auch Spaß damit haben, aber wenn es dann darum geht, eine gezeitete Runde zu fahren, findet man sich schnell in einem Umfeld wieder, in dem viele andere auch auf Zeitenjagd sind – und da kommt das Fahrzeug ins Spiel.« Oder: »Zuerst ist da immer eine gewisse Zurückhaltung, wenn man zum ersten Mal ein neues Auto fährt. Die besten Rennfahrer sind dem Auto immer ein bisschen voraus. Sie wissen also, was als Nächstes passieren wird. Nur – um das zu erreichen, muss man viel Zeit mit einem Auto verbringen, es wirklich kennen. Man muss an den Punkt kommen, an dem man praktisch blind um eine Kurve fahren kann, weil man genau weiß, was man zu tun hat, damit das Auto genau das macht, was man möchte. Das braucht Zeit und Übung, aber wenn man an diesen Punkt kommt, fühlt es sich richtig an.«

Keine Frage – wenn jemand etwas über richtige Zeitpunkte weiß, dann ist es C. J. Wilson. Und dass es nicht mehr lange dauern wird, bis er in Le Mans startet, ist auch klar. Sein Rennstall, mit dem er unter anderem die Porsche GT3 Cup Challenge fährt, heißt CJ Wilson Racing Team.

Christopher John »C. J.« Wilson wurde am 18. November 1980 in Kalifornien geboren – und fuhr schon mit sechs sein erstes Kartrennen. Mit 19 wurde er College State Player of the Year, 2005 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag. Als Pitcher der Los Angeles Angels of Anaheim verdiente er stattliche Summen – seit ein paar Jahren besitzt er das CJ Wilson Racing Team.