Das beste Rennen aller Zeiten: Porsche 917 vs. Ferrari 512

Das beste Rennen aller Zeiten: Porsche 917 vs. Ferrari 512

Wenn Helden aufeinandertreffen, entstehen Legenden. An einem denkwürdigen Wochenende im Januar 1971 kämpften der Porsche 917 und der Ferrari 512 um den Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Daytona. Es sollte das beste Rennen aller Zeiten werden. Wir haben es aus aktuellem Anlass einmal nachgestellt. Auf der Rennstrecke von Spa-Francorchamps.

Text: Doug Nye Foto: Steffen Jahn 9 min

Daytona, 30. Januar 1971

15.00 Uhr Ortszeit
Start zum zehnten 24-Stunden-Rennen von Daytona und zweiten Lauf zur Langstrecken-Markenweltmeisterschaft. Der Zweikampf zwischen zwei Erzrivalen, dem Porsche 917 und dem Ferrari 512, geht in die nächste Runde. »Captain Nice«, Mark Donohue, hatte sich auf seinem Sunoco-Penske-Ferrari 512M die Pole Position mit einer unglaublichen 215 km/h-Rekordrunde gesichert, ganze neun Sekunden unter der Vorjahreszeit von Mario Andretti, und 1,2 Sekunden schneller als Donohues härtester Konkurrent, Pedro Rodriguez im Porsche 917K. Vom Start weg zieht der gelb-blaue Penske-Ferrari dem Mexikaner Rodriguez davon, und die beiden Trainingsschnellsten lassen den Schweizer Jo Siffert in seinem Gulf-Porsche 917K weit hinter sich auf dem dritten Rang. Ronnie Bucknum in seinem Ferrari 512 Spyder hält sich derweil tapfer auf dem sechsten Platz.

Das beste Rennen aller Zeiten: Porsche 917 vs. Ferrari 512

Nach nur fünf Runden beginnen Donohue und Rodriguez mit den ersten Überrundungen auf dem über sechs Kilometer langen Rundkurs. Der Mexikaner Rodriguez hängt dicht am Heck des Amerikaners Donohue und blendet die Scheinwerfer auf und ab, um den Ferrari-Fahrer einzuschüchtern. In den engen Kurven des Innenkurses hat der Porsche leichte Vorteile. In der 13. Runde schießt Pedro dann aus dem Windschatten des Ferrari und schnappt sich die Führung auf der Zielgeraden. Kurz nach der ersten Kurve holt Donohue den Porsche jedoch in der Steilkurve wieder ein und kann sich leicht absetzen. Nach 20 Runden hat der Ferrari einen Drei-Sekunden-Vorsprung. Rodriguez holt auf, und in der 29. Runde schnappt sich der Mexikaner die Spitze in einem atemberaubenden Manöver, aber kurz danach müssen die beiden Führenden in die Box für den ersten Stopp. Der kleine Mexikaner beschwert sich über starke Vibrationen. Der Reifen am rechten Hinterrad hatte begonnen, sich aufzulösen. Nach 30 Runden und 54 Minuten härtester Zweikämpfe liegen der Porsche und der Ferrari gleichauf. Jackie Oliver übernimmt den Porsche von Pedro und verlässt die Box acht Sekunden hinter dem Penkse-Ferrari. 23 Stunden sind noch zu fahren.

Das beste Autorennen aller Zeiten hat gerade erst begonnen.

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16.05 Uhr
Nach den Boxenstopps des Führungsteams von Ferrari und Porsche liegt Jo Siffert mit seinem Gulf-JW 917K in Führung. Doch in der 37. Runde muss auch er an die Box. Der Ferrari mit Donohue liegt wieder auf Platz 1, Jackie Oliver 10 Sekunden hinter ihm. In der 59. Runde muss der Penske-Ferrari mit Donohue wegen Aerodynamik-Problemen in die Pits. Es dauert lange 44 Sekunden, bis »Captain Nice« wieder auf die Strecke kommt – hinter Jo Sifferts Porsche.

75. Runde. Siffert muss rein. Donohue ist wieder auf Platz 1. Nach zwei Stunden und 40 Minuten kostet eine defekte Lichtmaschine den Ferrari erst viereinhalb Minuten, später noch einmal 13 Minuten Reparaturzeit.

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18.00 Uhr
Drei Stunden nach dem Start dominieren die Gulf-JW Porsche das Rennen, liegen auf dem ersten und zweiten Platz. Aber das soll sich ändern. Das erste Rennen der Saison, die 1000 Kilometer von Buenos Aires, hatte das Team von Siffert und Derek Bell noch haushoch gewonnen. Aber als Derek Bell nach 113 Runden in Daytona den Porsche von Siffert übernimmt, schießt Öl aus dem Heck des Wagens auf die Pit Lane, und nach einer langsamen – und rauchigen – Runde muss Bell aufgeben.

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21.00 Uhr
Ein Viertel der Renndistanz ist gefahren. Sowohl Ferrari als auch Porsche hatten zum für die USA so wichtigen Rennen in Daytona alles aufgeboten, was sie hatten. Porsches Gulf-JW-Team brachte zwei 917K Coupes an den Start. Das Porsche Salzburg-Team mit von Gulf-JW vorbereiteten Martini-917ern kämpft derweil gegen drei nagelneue Ferrari 512M Berlinettas, zwei 512S Spider und einen 512S Berlinetta. Der ehemalige Honda-Formel-1-Pilot Ronnie Bucknum und Tony Adamowicz fahren den 512S Spider 1006, aber der Penkse-Ferrari 512M 1040 mit Donohue und Partner David Hobbs am Steuer ist mit Abstand der schnellste der Truppe.

Doch nach sechs Rennstunden führt der Porsche mit Rodriguez und Oliver vor dem Martini-Porsche mit Vic Elford und Gijs van Lennep am Steuer. Donohue im Ferrari ist Dritter, Bucknum und Adamowicz sind Vierter.

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23.48 Uhr
Der Reifen von Elfords Martini-Porsche platzt in der Steilurve Ost und kracht in die Begrenzungsmauer. Donohue, der direkt hinter dem Porsche liegt, bremst, um auszuweichen, und wird von hinten von Charles Perrys Porsche 911 gerammt, der wiederum in Elfords Wrack crasht. Donohue schafft es, den weidwunden Ferrari trotz gebrochenem Hinter- und Vorderrades in die Boxen zu schleppen. Mehrere Ferrari-Teams arbeiten gleichzeitig an Donohues Ferrari und kitten – im wahrsten Sinne des Wortes –den Wagen mit Klebeband wieder zusammen, doch Donohue hat 70 Minuten und 5 Runden verloren, bevor er wieder ins Rennen startet. Trotzdem liegt er immer noch auf dem fünften Platz.

Kurz vor Sonnenaufgang beginnt es zu regnen. Jackie Oliver dreht sich mit dem führenden Porsche, kommt an die Box und übergibt an den »Regenkönig« Pedro Rodriguez. Pedro wirft den 917 an exakt der gleichen Stelle aus der Bahn, kann aber weiterfahren und behält die Führung.

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8.00 Uhr
Der Regen hat vor einer halben Stunde aufgehört. Die Strecke ist trocken.

9.00 Uhr
Dreiviertel der Renndistanz sind gefahren. Pedros Porsche beendet die 557. Runde in Führung, und das trotz starken Ölverlusts und eines gebrochenen Auspuffs. An zweiter Stelle liegen mit 514 Runden der Ferrari 512S von Bucknum und Adamowicz. Doch dann: »Meine Hände zittern. Und wie!«, sagt Bucknum. „Bei Vollgas auf der Gegengeraden flog meine Heckverkleidung weg. Ich hatte mich so darauf konzentriert, den Kurveneingang genau zu erwischen, dass ich das gar nicht bemerkt habe. Als ich in die Steilkurve einfuhr, begann sich der Wagen wie verrückt zu drehen. Wir hatten keine Downforce mehr hinten! Gott sei Dank hatten wir eine Heckverkleidung vom 512M von Sam Posey, der in der Nacht im steilen Teil explodierte.«

Tony Adamowicz geht 10 Minuten später mit dem reparierten Ferrari wieder auf die Strecke.

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11.30 Uhr
Pedro Rodriguez bringt den führenden Porsche mit einem Getriebeschaden in die Box. Der Wagen steckt im sechsten Gang fest. Die Regeln verbieten ein neues Getriebe, also bauen die Mechaniker das Getriebe aus und lösen die Zahnräder mit der Zange. Vielleicht können sie Pedros Vorsprung tatsächlich retten – der an zweiter Stelle liegende Ferrari von Bucknum liegt eine ganze Stunde zurück. Der Ferrari hat selber Probleme – der Motor hört sich krank an, eine Ventilfeder ist gebrochen und die Elektrik stottert. Doch er schafft es – in der 628. Runde übernimmt der Ferrari die Führung.

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13.05 Uhr
Die Mechaniker schließen die Motorabdeckung am Porsche. Pedro Rodriguez geht wieder ins Rennen. Trotz kalten Motors, kalten Getriebes, kalter Bremsen und kalter Reifen schafft der Mexikaner auf Anhieb eine sensationelle Runde mit 1:49.5. Der Ferrari von Bucknum/Adamowicz liegt mit drei Runden in Führung. Donohue mit seinem Klebeband-512 ist an dritter Stelle, sechs Runden zurück.

Es beginnt wieder zu regnen.

Pedro wirft den Wagen um die Kurven, steuert den 917 perfekt durch die Kerbs, und holt immer mehr Zeit auf den führenden Ferrari auf. »Der war einfach nicht zu stoppen«, wird sich Ferrari Team-Chef Luigi Chinetti später erinnern.

»The race for the centuries« nähert sich seinem spannenden Finale.

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13.49 Uhr
Pedro hat sich den Ferrari geschnappt und liegt wieder vorn. Der Regen wird stärker, die Teams befürchten einen Wolkenbruch. Der Rodriguez-Porsche und Donohues Ferrari kommen an die Box, um Regenreifen aufzuziehen. Drei Runden später hört es auf zu regnen, die Strecke trocknet ab, und die beiden Kontrahenten müssen zurück in die Pits für Trockenreifen. Die Reifenstopps erlauben es Ronnie Bucknum im Ferrari, wieder die Führung zu übernehmen. Doch Bucknums Wagen ist weidwund. Die gebrochenen Ventilfedern begrenzen die Drehzahl auf 7500, 1000 weniger als normal, und nun kommt noch eine fehlerhafte Benzinpumpe dazu: Bucknum muss alle paar Runden zum Auftanken. Der Mexikaner schafft mit dem Porsche wieder Platz 1, allerdings kommt blauer Rauch aus seinem Auspuff – Rodriguez hat eine geplatzte Dichtung im Ölkühler, das Öl spritzt auf die heißen Auspuffrohre des 917. Pedro Rodriguez wird später gestehen, dass er keine Ahnung hatte, was genau Sache war. »Wir machten 10 Sekunden pro Runde auf den Ferrari gut, aber ich wusste nicht, wie viele Runden wir zurücklagen.«

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14.45 Uhr
Auch der Penske-Ferrari von Mark Donohue hat nun ein Problem mit der Benzinzufuhr. In den letzten Runden liegen die drei führenden Wagen – für Langsteckenrennen – eng beieinander: Rodriguez hat ein Runde Vorsprung vor seinem Verfolger Ronnie Bucknum, dessen Ferrari sich wieder etwas gesünder anhört. Und Bucknum holt auf.

15:00 Uhr
Es hat gereicht. 688 Runden, 4218,5 Kilometer, 175,75 km/h Renndurchschnitt. Der rauchende Porsche 917K mit Pedro am Steuer schleppt sich als Erster über die Ziellinie, Bucknums Ferrari spuckt Feuer, als er eine Runde später das Ziel als Zweiter erreicht. Der Penske-Ferrari, der als Schnellster ins Rennen gegangen war, wird mit großem Abstand Dritter.

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