All translations for this page: Other translations for this page:

Burmester: ein Gespräch mit Andreas Henke

In Zeiten von Spotify, Apple Music und Co. scheint kaum noch jemand zu wissen, was eine Stereoanlage ist. Musik wird nicht stationär gehört, sondern unterwegs. Und damit sind wir schon beim Auto. Von da ist der Weg auch nicht weit zu Andreas Henke und Burmester. Der CEO des High-End-Anbieters feinster Klangspender über den perfekten Klang, Cocooning-Zellen und Garagen-Musik.

Text: Michael Köckritz Foto: Matthias Mederer 29.07.2019 10 min

Herr Henke, Burmester steht für das Klangerlebnis schlechthin. Musik wird nicht gehört, sie wird erlebt. Sie kommen von Porsche: Ist das Auto eigentlich nicht der natürliche Feind des guten Klangs?

Ja und nein. Natürlich spielen auf der einen Seite Geräusche durch Wind, Räder oder Motor eine gewisse Rolle. Aber im Konzert gibt es auch Menschen, die nebenher noch ihr Bonbon auspacken oder mit ihren Nachbarn tuscheln. Selbst zu Hause rauscht vielleicht gerade die Straßenbahn vorbei oder knallt der Nachbar die Türe zu. Insofern sind Störgeräusche eigentlich immer und überall ein Faktor, den wir bei echter Ergriffenheit aber ausblenden. Der Vorteil im Auto ist, dass man genau weiß, wo der jeweilige Hörer sitzt. Die Musik kann also optimal in einem definierten Hörraum auf die Insassen abgestimmt werden. Baulich kann durch den Besitzer auch nichts geändert werden, kein Sofa verrückt, keine Pflanze in den Weg geschoben werden. So lässt sich das Klangerlebnis viel besser, viel berechenbarer abstimmen als im heimischen Wohnzimmer. Das Auto wird auf diese Weise zu einem idealen Konzertsaal.

Nehmen wir mal den Porsche Panamera: mindestens 5.300 Euro, sagt die Aufpreisliste. Ein Must-have trotzdem?

Ja, und da bin ich ehrlich. Nicht mal nur aus Gründen des Musikgenusses. Wenn man in so ein emotionales Produkt wie ein schönes Auto investiert, dann sollte meiner Meinung nach wirklich alles passen. Es sollte nicht nur um Fahrwerk, Lenkung, Leistung oder Optik gehen. Gerade heute ist das Auto der Ort, wo man ein wenig bei sich sein kann. Eventuell sind das die einzigen Minuten überhaupt am Tag, in denen man ungestört ist. Und dann ist da die Musik, die vielleicht einzige Art von Kunst, die wirklich jeden berührt. In sie einzutauchen, einen Klang zu erleben, wie es die Künstler beabsichtigt haben, ist, meine ich, sehr emotional und befriedigend. Ein High-End-Soundsystem ermöglicht genau das. Darüber hinaus bekommt man mit dem System weit mehr als nur den nahezu perfekten Klang ins Auto. Auch die Telefonie wird deutlich verbessert. Das heißt, während der Fahrt versteht man sich besser und ist im Gespräch deutlich entspannter. Man ist gedanklich eher beim Inhalt der Unterhaltung und erzielt ein besseres Ergebnis, als wenn das Gehirn im Hintergrund permanent angestrengt noch schlechten oder unnatürlichen Klang »passendrechnen« muss. Wir reduzieren also die kognitive Last beim Fahrer.

Andererseits ist der Preis auch verschwindend klein, bedenkt man, dass für eine Heim-Anlage von Burmester gerne mal weit über 100.000 Euro bezahlt werden. Im Porsche gibt es obendrein ein tolles Auto dazu. Wenn man so will, gratis.

Wenn man es so betrachtet, ja, das könnte eine der günstigsten Möglichkeiten sein, um an den Klang zu kommen, für den wir bei Burmester stehen. Sie werden schmunzeln: Wir haben auch tatsächlich Rückmeldungen von Porsche- und Mercedes-Kunden, dass der eine oder andere zum Musikhören in die Garage geht.

Aber gibt es den perfekten Klanggenuss – ob im Auto oder woanders – überhaupt?

Ich glaube, es gibt ihn, wenngleich er natürlich individuell definiert werden kann. Musik, sie zu hören, ist immer etwas Persönliches. Jeder Mensch nimmt Musik anders wahr. Daher würde ich es vielleicht so ausdrücken: Es gibt den perfekten Moment, um Musik auf einem maximal möglichen Klanglevel zu hören.

Wann ist so ein Moment gekommen?

Auch das ist natürlich individuell. Sei es die Tour mit dem Auto durch die Alpen oder die bereits erwähnten »fünf Minuten« am Tag, die man für sich, und nur für sich, im Auto hat.

Jetzt entwickelt sich das Auto gerade massiv in Richtung Zukunft. Wird es hier auch Gestaltungsräume und neue Technologien für Soundsysteme geben?

Ganz bestimmt sogar. Das elektrische Fahren wird neue Geräuschkulissen erzeugen, und damit für uns vollkommen neue Möglichkeiten – aber eben auch Herausforderungen. Aber vor allem das autonome Fahren wird vieles revolutionieren, weil sich die Nutzungsgewohnheiten verändern werden. Zum Beispiel die Zeit zwischen zwei Terminen, in der man abschaltet nach dem Motto: »Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht zu erreichen.« Wenn man sich ganz dem Musik- oder dann auch Videogenuss hingeben kann. Oder das Auto wird zur Cocooning-Zelle, in der man die Scheiben abdunkelt und entspannt chauffiert wird. Oder aber das Gegenteil ist der Fall und im Auto findet die geschäftliche Telefon- bzw. Videokonferenz statt. Dabei spielen natürlich auch Klang- und Stimmübertragungsqualität wie schon erwähnt eine sehr große Rolle.

Damit folgt man den großen Megatrends. Wie weit kann das eine Marke wie Burmester verändern?

Wir werden nicht irgendwelchen Trends hinterherlaufen, so viel ist sicher, sondern unser Qualitätsverständnis zur Geltung bringen. Wir werden mit unserer unternehmerischen Unabhängigkeit wo nötig sehr bewusst gegen den Main­stream, gegen den Strich bürsten und für Kontinuität stehen. Dafür, dass man weiß, wofür ein Burmester-Soundsystem steht, über das klangliche Erlebnis hinaus. Ähnlich wie es bei einem ikonischen Fahrzeug oder einer besonderen Uhr ist. Die Philosophie von Burmester steht für uns über allem Schaffen, vor allem über jedem Trend.

Könnte man mit diesem Wissen in Zukunft ein Soundsystem wie das von Burmester noch stärker als Differenzierungsmerkmal, gar als ein Kaufargument für ein bestimmtes Auto bewerten?

Das wünsche ich der Automobilindustrie nicht, glaube aber auch nicht, dass einzelne zugelieferte Komponenten wichtiger werden als die eigentliche Kerndisziplin: das Auto und individuelle Mobilität zu schaffen. Aber mit Sicherheit wird der Stellenwert von Soundsystemen zunehmen. Und es wird für herausragende Marken auch essenziell sein, ein auf Augenhöhe agierendes Soundsystem bzw. eine entsprechende audiovisuelle Einheit anzubieten.

Sie spielen auf das Premiumsegment an, und Burmester ist eine echte Luxusmarke. Was macht Ihrer Meinung nach Luxus im Moment des Erlebens aus?

Luxus ist für mich ein fast schon schwieriger Begriff. Es gibt ein tradiertes, überkommenes Luxusverständnis, mit dem ich persönlich nicht viel anfangen kann. Da geht es oft sehr stark um Show-off und Standards, die scheinbar einfach zu einem gewissen Wohlstand dazugehören sollen. Das ist für mich wenig authentisch. Ich bin eher dabei zu sagen, dass Luxus eine Qualität ist, die ich mir gönnen möchte. Luxus steht für ein sehr individuelles und bewusstes, nicht existenziell notwendiges Erlebnis, für Genuss und Wertschätzung. Das kann ein schöner Urlaub, eine ruhige Stunde Spazierengehen oder ein sehr guter Apfel sein, den ich mir bewusst gönne. Oder die Freude an einem tollen Auto – die Liste ist ebenso vielfältig wie lang. Das muss jeder Mensch für sich definieren. Und ich denke und erlebe täglich, dass jeder, der einmal vom Klang einer Burmester-Anlage verwöhnt wurde, dieses Erlebnis in seine Liste mit aufnehmen würde.

Noch was ganz anderes: Sie waren lange und erfolgreich bei Porsche. Was reizt Sie an dieser doch sehr anspruchsvollen Aufgabe an der Spitze von Burmester?

Wir haben eine überschaubare Unternehmensgröße, Wachstum ist für uns kein erstrebenswertes Ziel per se, sondern es geht uns um die Wertschöpfung. Unsere Unabhängigkeit ist unser höchstes Gut. Wenn Marianne Burmester und ich einer Meinung sind, können wir schnell und effizient gestalten. Das sind ein Freiheitsgrad und eine Handlungsgeschwindigkeit, die man in größeren Unternehmen kaum vorfindet. Davon mal ganz abgesehen habe ich so eine weitere meiner drei großen Leidenschaften – Auto, Musik, Fotografie – zum Beruf gemacht. Und was gibt es Schöneres, als die Lernkurve nochmal richtig steil zu stellen?

Spielen sie eigentlich selber auch ein Instrument?

Ich habe sehr lange Klavier gespielt, fange aber gerade an, E-Bass zu lernen. Auch, weil das ein Instrument war, das Dieter Burmester neben der Gitarre vornehmlich gespielt hat. Zu meinem Ausstand habe ich von meinen Kollegen bei Porsche einen E-Bass geschenkt bekommen, damit ich mich sozusagen auf seinen Spuren bewegen kann. Das Burmester-Team hat nun noch einen sehr guten Bass-Lehrer dazuspendiert. Ich werde es sicher nie so weit bringen wie Dieter, aber diesen nostalgischen Pfad zu beschreiten finde ich eigentlich ganz charmant.