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Am Anfang war das Matchbox-Auto

Elfer willkommen. Gerne auch luftig. Bei »Flat6High5« dreht sich alles um Hochgefühle mit dem Sechszylinder-Boxer aus Zuffenhausen. Der Kopf hinter der erfolgreichen Community ist Moritz Leidel. Kreativer von Beruf, Fahraktiver von Berufung – und mitteilungsfreudig im Interview.

Interview: Marko Knab Foto: Ben Birkl 27.06.2019 6 min

Hallo Moritz: Wenn wir von Dir wissen wollen, wo die Wurzeln von Flat6High5 liegen, welche Frage sollten wir Dir dann stellen?

Puppe oder Auto?

Das musst Du jetzt aber erklären ...

Es ist doch so: Als Kind stehst du irgendwann vor dieser Frage: Spiele ich mit Puppen? Oder mit Autos? Bei mir waren es die Spielzeugautos …

… die Dich zu einem leidenschaftlichen Porsche Fahrer gemacht haben? Nicht mehr?

Doch. Mein Großvater war Kraftfahrer und hat mich immer in die Werkstatt mitgenommen. Das hat meine kindliche Begeisterung für Autos in Fleisch und Blut übergehen lassen. Dann gab es noch hier einen Film und dort eine Serie, in der ein 911 aufgetaucht ist – und mich jedes Mal fasziniert hat. Und das hat dann zu diesem Traum geführt: einen Elfer zu besitzen. Aber am Anfang war das Matchbox-Auto.

Und wie war das mit Deinem ersten eigenen 911?

Arbeitsreich! Ich habe das Fahrzeug aus Amerika importiert und es war klar, dass ich hier Hand anlegen muss. Ich hatte schon eine präzise Vorstellung davon, wie mein Elfer aussehen soll. Als Designer hat man verschiedene Ansätze, von denen man sich inspirieren lässt. Aber ich hatte keine Ahnung davon, was auf mich zukommt.

Was kam auf Dich zu?

Acht Jahre schrauben mit vielen Höhen und Tiefen und einer Punktlandung am Ende.

Punktlandung?

Ich habe nicht nur davon geträumt, einen eigenen Elfer zu besitzen. Sondern ich wollte mit genau diesem Auto meine Frau Kerstin vom Traualtar abholen. Und ich habe es geschafft – nach einer Nachtschraubaktion, bei der wir die letzten Vergaserteile montiert haben.

Aus der Werkstatt sozusagen direkt vor den Traualter – eine gute Geschichte …

… die damit noch nicht zu Ende ist. Bei unserer Hochzeitsreise schloss sich sozusagen der Kreis. Ich hatte schon die ganze Zeit den Plan, unsere Community um eine eigene kleine Instagram-Marke zu bereichern. Als ich dann dort auf den Malediven auf das Meer hinausgeschaut habe und ein bisschen Ruhe hatte, kam mir zusammen mit Kerstin die Idee für den Namen: Flat6High5. Die ersten Designs für Sticker geisterten dann anderthalb Jahre durch das Netz, und Leute aus der ganzen Welt fragten mich schon danach. Und schon wurde aus einer Idee und einer Wortkonstellation eine kleine Marke.

Was ist Dir dabei das Wichtigste?

Community ist für mich das A und O. Gerade als Porsche Fahrer hat man häufig mit Vorurteilen und Neid zu kämpfen. Das Letzte, was man braucht, wenn man so ein Fahrzeug fährt, sind Neider. Du suchst dir immer Menschen, mit denen du dich zusammen darüber freuen kannst. Ob das jetzt eine Tour in den Bergen ist, unser Gathering-Konzept #CREWSN in Frankfurt oder der Tunnelrun mit Tom Gätke von Onassis-Porsche. Hier geht es nicht darum, wer wie viel Geld verdient, wer wie viel Porsche hat, wer wie wichtig ist. Es geht um das Fahrzeug. Und darum, eine nette Zeit zusammen zu haben.

Warum mit dem Elfer?

Es ist ein sehr ikonisches Fahrzeug, das von verschiedensten Seiten den Inbegriff eines »deutschen Sportwagens« widerspiegelt. Es hat mit den eigenen Werten zu tun, aber auch womit man täglich bei der Arbeit zu tun hat: Erfolg, Perfektion und Proportion. Wie bei Bildern oder Texten, die einen fesseln: Es sind subtile Signale, die man in sich aufnimmt. Und in der Schlichtheit des Elfers liegt einfach Perfektion. Du kannst jede Kurve ganz auf deine eigene Art interpretieren und findest deine eigene Sichtweise auf dieses Fahrzeug – auch in der Gestaltung davon.

Warum etwas Perfektes noch gestalten?

Natürlich hätte ich mir einen historischen Elfer in meiner Lieblingsfarbe, passendem Baujahr und Fabrikzustand kaufen können. Wollte ich aber nicht. Sondern ein Fahrzeug, das mich als Person genau widerspiegelt: In der breiten Masse zwar verstanden werden, aber in einer Menge unter vielen 911ern erkannt werden, so dass jemand sagt, »da ist was anders«. Im Optimalfall setzt sich die Person dann auch mit dem Auto auseinander, bekommt einen Denkanstoß, eine neue Sichtweise.

Und welche Lebensgefühle vermitteln Dir Deine beiden Autos?

Mein Ur-Elfer, ich nenne ihn übrigens »Schorschi«, ist der kleine Wilde meiner beiden Porsche. Sozusagen mein Racecar, wenn ich mal nachts Lust habe, durch die Frankfurter Häuserschluchten zu fahren. Natürlich freue ich mich dann auch, wenn er mal brüllt wie eine kleine, wild gewordene Drecksau. Das ist meins. Ich habe es erschaffen. Und diese Momente sammle ich und kuratiere sie. An jedem Moment hängt eine Geschichte, hängen inzwischen sogar Freundschaften. Und sie teilen mit dir dieses Lebensgefühl, das sich so schwer in Worte fassen lässt.

Deine beiden Porsche? Ist ein Elfer nicht genug?

Ich fahre jeden Tag von meinem Wohnort hundert Kilometer zur Arbeit, verbringe also die meiste Zeit auf der Autobahn. Irgendwann hab ich mich wegen des Parkplatzmangels in der Frankfurter Innenstadt gefragt, ob ich nicht ein kleineres Auto fahren sollte als einen Audi A6. Die nächste Frage war dann: Brauche ich einfach ein Alltagsauto, das mich von A nach B bringt? Oder will ich die 200 Kilometer am Tag auch genießen und etwas fahren, bei dem sich die Leute mit mir freuen, wenn sie es sehen?

Lass mich raten: es wurde Zweiteres?

Klar. Ein 964 von 1990, den ich »Goldie Porn« getauft habe und auf den ich in meiner Nachbarschaft gestoßen bin. Witzigerweise gibt es in England einen Doppelgänger: Gleiche Farbe, gleiches Fahrwerk, gleiche Felgen, aber im Gegensatz zu meinem mit Handschaltung und schwarzer Innenausstattung. Das hat mir gezeigt: Es gibt für jeden auf der Welt nicht nur einen optischen Doppelgänger, sondern auch einen Seelenverwandten, was Affinitäten angeht.

Moritz Leidel, Frankfurt, Jahrgang 1979, leitet als Selbstständiger seine eigene Werbe- und Kreativagentur »Cleverworx«. Er ist verheiratet mit seiner wie er sagt benzinkranken Frau Kerstin, hat keine Kinder, fährt dafür umso passionierter seine zwei Porsche 911: einen Ur-Elfer, Baujahr 1965, kurzer Radstand, delfingrau, gemoddet. Er hört auf den Namen »Schorschi«; sein Alltagsfahrzeug ist ein 964, Baujahr 1990, leinengraumetallic, mit dem Namen »Goldie Porn«.