All translations for this page: Other translations for this page:

»Alles, was wir tun, ist ein bisschen illegal.«

Er war BMX-Fahrer. Dann beendete ein Bänderriss seine Karriere, bevor sie begonnen hatte. Was tun? Vince Perraud schnappte sich eine Kamera und zog wieder mit seinen Kumpels los. Irgendwann kamen ein paar alte Porsche dazu. Und hübsche Mädchen. Heute ist Perraud einer der populärsten Fotografen der Szene. Im Juli wird er sein erstes Buch veröffentlichen.

Text: Matthias Mederer Foto: Vince Perraud 28.06.2019 4 min

Schaut man sich Deinen Instagram-Feed an, fällt eine Regelmäßigkeit auf: junge, attraktive, manchmal nackte Frauen und alte Porsche. Könntest Du Dir vorstellen, mit dieser Regel zu brechen?

Perraud: Brandneue Autos und alte Frauen? Warum nicht? Ich bin offen für alles und arbeite darüber hinaus immer auch gleichzeitig an mehreren Projekten. Bei Instagram ist es nur so: Instagram ist nicht das richtige Leben.

Und wie nah kommst Du mit Deinem Leben dem, was Instagram abbildet?

Tatsächlich fühlt es sich aktuell oftmals so an, als ob ich meinen Traum leben darf. Ich bin von faszinierenden Menschen und Freunden (hoffe ich doch zumindest) umgeben. Dazu darf ich um die Welt reisen ... und ich fahre Porsche – ich darf mich nicht beschweren.

Als Fotograf bist Du Autodidakt, kommst aus der BMX-Szene, wechselst gerne zwischen analog und digital. Gibt es irgendwelche No-Gos für Dich?

Hmm ... schwer zu sagen. Manche Leute meinen, es gibt sehr viele Regeln in der Fotografie: Komposition, Farbe, Stil und so weiter. Aber ich komme aus einem Underground-Sport, was bedeutet, alles, was wir tun, ist ein bisschen illegal. Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. So in der Art. Gerade beim Fotografieren empfinde ich vor allem viel Freiheit. Ich probiere gerne Dinge aus und entdecke dann wieder Neues. Das macht sehr viel Spaß und tut normalerweise niemandem weh. Manchmal mache ich ein Foto, denke, es ist Mist, entdecke es nach zehn Jahren wieder und bin überrascht, wie gut es eigentlich ist.

Hast Du irgendwelche »goldenen Regeln« für Dich definiert?

Nicht wirklich. Aber ich muss zugeben, ich mag diesen goldenen Moment, wenn die Sonne tief steht, da bekommt alles so eine ganz spezielle Stimmung ... manchmal hat man dann auch nur zwei Minuten Zeit, um diesen Moment einzufangen. Man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein.

Auto oder Mensch? Was hat für Dich den größeren Reiz vor der Linse?

Beides, würde ich sagen. Am meisten Interesse an einem Auto entwickle ich über den Besitzer. Sich mit diesen Menschen über ihr Auto zu unterhalten, das ist das Größte für mich. Denn eigentlich wird ein Auto ja auch erst durch diesen Menschen interessant, die gemeinsame Geschichte, die Beziehung, die zwischen diesen beiden herrscht. Als Fahrer mag ich die puren, lauten Race-Car-ähnlichen Autos. Seit ich mal den 911er von Magnus Walker fahren durfte ... Das ist mein Traum. Eines Tages will ich so einen 911er.

Du selbst fährst einen Porsche 912 mit ordentlich Patina. Was ist die Story dazu?

Um ehrlich zu sein, für einen 911 reicht das Budget aktuell einfach nicht. Trotzdem liebe ich das Auto. Ich habe es von zwei Freunden, Antoine und Julien vom französischen 912er-Club. Als ich das Auto übernommen habe, sah es ehrlich gesagt ziemlich runtergerockt aus, hatte aber kaum Rost, was wohl auch an den 20 verschiedenen Lackschichten lag ... Ich habe einen ganzen Sommer damit zugebracht, ihn sandzustrahlen, die Originalfarbe war Burgundy-Rot ... und ich komme aus Burgundy, also denke ich, da muss eine Verbindung sein. Und zu guter Letzt kenne ich vier Vorbesitzer persönlich.

Was bedeutet Charakter bei einem Auto für Dich?

Sehr viel! Bei meinem Auto ist es so, dass ich zunächst tatsächlich vor hatte, ihn sauber zu restaurieren, doch dann habe ich gemerkt, dass in diesem Auto 50 Jahre Abenteuer – ja sogar ein paar Unfälle – stecken, und ich mochte das. Also habe ich beschlossen, ich lasse das so. Ich will kein Botox-Auto, keinen Concours-Wagen. Ich will fahren, Spaß haben und mir keine Gedanken machen müssen, wenn da mal ein Kratzer passiert. Natürlich wurde ich hier auch von Freunden wie Hummel oder Joshy Robots beeinflusst ... und von den Leuten, die das Auto sehen und es einfach verdammt cool finden.