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40 Shades of Green: im 992 durch Irland

Der Wagen ist rot wie ein Porsche 911. Das Land ist grün wie Irland. Der Soundtrack ist von Johnny Cash. Und die Straßen? Rau und fordernd.

Beginnen wir am Ende. Wieder daheim. Das wohlige Aroma einer feinen kolumbianischen Röstung in der Nase. Johnny Cash auf den Ohren. Ein erster Gedanke: »Und irgendwo in Weissach schmunzelt ein Fahrwerksentwickler gerade fröhlich vor sich hin, lässt sich einen Kaffee in die Tasse laufen und schwäbelt seinem Kollegen ein »Gudde Morga« zu. Dann gehen beide wieder an die Arbeit.

Schöner Gedanke. Aber wie kam es dazu? Also der Reihe nach.

I close my eyes and picture the emerald of the sea / From the fishing boats at Dingle to the shores of Dunardee / I miss the river Shannon and the folks at Skibbereen / The moorlands and the midlands with their forty shades of green
Johnny Cash – 40 Shades of Green

Belfast, Nordirland. Es ist Abend. Greg setzt sich zu uns an den Tisch. Netter Kerl, Anfang 50. Vielleicht auch jünger. »Zigarette?« Nein, danke. Erzählt, er sei drei Monate auf Job, dann zwei Monate auf Heimaturlaub. So ganz rückt er nicht damit raus, was er macht. Tippe auf Bohrinsel oder Militär und eine angeborene Skepsis gegenüber Fremden, vor allem seit Greta Segelboot fährt. Vielleicht auch Bauarbeiter. Ist mir recht. Verliere kein Wort über den Porsche. Stattdessen: Fußball! »Kloppo is the man!« Der FC Liverpool sein Verein. Ein Arbeiterclub, zumindest für die Fans noch immer. Erzähle Greg, dass ich Kloppo mal interviewt habe. Ehrlicher Typ. Greg gefällt das, auch wenn ich nicht jedes Wort seines irischen Akzents verstehe. Zum Abschied lade ich Greg noch auf einen Whisky ein, ich zahle, er wählt aus. »Zwei Bushmills, den 21-jährigen, bitte.« Greg nimmt Eis dazu. Preis: 26 Pfund pro Glas. Greg stehen Tränen in den Augen, als er das Glas ext. Ich überschlage kurz im Kopf, rechne aus, für so ein Glas nordirischen Whisky bekomme ich fast eine halbe Tankfüllung für den 11er. Das flüssige Gold ölt die kratzende Kehle. Dann revanchiert Greg sich mit der exakt selben Bestellung. »So läuft das hier bei uns. Be nice to be nice.« Wir verabschieden uns, wollen morgen schließlich ein gutes Stück Strecke schaffen, den Arsch auf die Straße kriegen, dem Wind und dem Wetter und der verdammten Straße trotzen. Zumindest formuliere ich es so. Greg lacht. »Der alte Bushmills zeigt Wirkung. Take care.«

But most of all I miss a girl in Tipperary town / And most of all I miss her lips as soft as eiderdown / Again I want to see and do the things we’ve done and seen / Where the breeze is sweet as Shalimar and there’s forty shades of green
Johnny Cash – 40 Shades of Green

Irisches Frühstück. Die Bohnen sind tatsächlich klasse, obwohl ich in Deutschland nie auf die Idee käme, mir morgens so etwas reinzuziehen. Der Speck ist zu dick geschnitten und genau wie das Ei zu labbrig. Was soll’s? Bei dem Nährgehalt reichen tagsüber zwei Kaffee. Abends dann vielleicht ein Irish Stew, irgendwo in einem Pub. So ist der Plan. Guter Plan. Denken wir. Davor aber liegen ein paar ordentliche Meilen und Kilometer irische Küstenstraße. Ein wenig mulmig ist uns schon beim Gedanken, den schönen roten Carrera 4S über diese ruppigen Buckelpisten zu scheuchen. Zu viele Unbekannte. Nicht nur Schlaglöcher, schlecht einsehbare Kurven, versteckte Bodenwellen, sondern auch Touristen, ungewohnter Linksverkehr und Schafe. Immer wieder Schafe. Freilich, der Porsche wurde auf dem Nürburgring, der »Grünen Hölle«, abgestimmt, ihrem »Wohnzimmer«, wie sie es bei Porsche nennen. Aber kann er auch die grüne Insel? Behutsames Losrollen. Alles ganz vertraut. Fühlt sich gut an. Sehr gut sogar. Kurz mit der Wimper zucken und zack folgt der 11er der Richtung, steckt die ersten Schläge fast gleichgültig weg.

Wenn’s mal schleift, dann ist es nicht die Frontschürze, sondern die weiter unten angebrachte Gummilippe, eigens dafür angebracht. Als Fahrer brauchst du das, es ist wie ein kurzer Schmerzimpuls, du weißt dann: bis hierhin und nicht weiter. Das schafft Vertrauen. Und schon stellen die Synapsen irgendwo tief im limbischen System um. »Da geht einiges«, merkt eine innere Stimme an. Ist das Vorfreude? Oder schon Übermut? Kaffeestopp. Dramatischer Himmel. Irischer Sonnenschein. Fazit bis hierhin: Der 992 fährt fast wie auf die Straße gemalt, das Fahrwerk arbeitet wie Hüfte und Knie eines Skifahrers, ahnt alle Unebenheiten voraus, der Oberkörper, pardon, die Fahrgastzelle, bleibt weitestgehend ruhig, der 911 aber fährt immer auf Zug. Körperspannung nennen das Leistungssportler. It’s a drivers car, aber so was von.

I wish that I could spend an hour at Dublin’s churching surf / I’d love to watch the farmers drain the bogs and spade the turf / To see again the thatching of the straw the women glean
Johnny Cash – 40 Shades of Green

Fotostopp. Ein paar amerikanische Touristen. Einer sieht aus wie eine Parodie von Axl Rose. Zu seinen schlechten Zeiten. Er meint ungefragt: »What a challenge!« Ich gehe natürlich davon aus, dass er es für eine ausgesprochene Herausforderung hält, mit einem 911 über diese fürchterlichen irischen Landstraßen zu fahren, sage, dass das Auto die Straßen aber ganz vorzüglich meistert, dass ich ehrlich beeindruckt bin von dieser Abstimmung und dem gesamten Paket. Axl versteht nur November Rain, sagt: »Ich meinte eigentlich, dass du hier bei Linksverkehr mit einer amerikanischen Lenkung fährst.« Er sagt tatsächlich »amerikanische Lenkung«, nicht Linkslenker. Kurzer Blick auf die Uhr. Och, schon so spät?! Wir müssen weiter.

40 Facetten der Farbe Grün hat Johnny Cash einst in Irland ausgemacht. Vieles davon dürfte wahrscheinlich auch einfach nur eine Variante von Gelb gewesen sein, nichtsdestotrotz ist der Ansatz interessant. Gerade in einem 11er, ist der doch nicht nur der wohl weltbekannteste Sportwagen, sondern darüber hinaus auch eines derjenigen Produkte, die es in zahlreichen Derivaten für so ziemlich jede Herausforderung und jeden Geschmack gibt. Und spätestens seit Jeremy Clarkson – alles andere als ein ausgesprochener Freund des Porsche 911 – mit einem GT3 endlich seinen Frieden mit dem Hecktriebler gemacht hat, darf die Beweisführung für den besten Sportwagen der Welt als abgeschlossen betrachtet werden. Nur ein deutlich flacher über den Asphalt schnuppernder GT3 dürfte dann auf den irischen Landstraßen noch für weitaus mehr schwitzende Hände beim Fahrer sorgen als der Carrera 4S. Warten wir es ab. Die Abstimmungsfahrten auf dem Nürburgring und in Weissach sollen ja bereits in vollem Gange sein.

Am Ende ist alles Liebe. Die Menschen, das Auto, das Wetter, die Landschaft sowieso. Und auch die Straßen, in denen natürlich sehr viel Charakter und Herausforderung ruht. Gepaart mit einer Portion britischen Humors. Denn zwar mag es in Irland auf Landstraßen ein striktes Tempolimit (meistens 100 km/h oder 60 Meilen pro Stunde) geben, doch dieses selbst in einem Porsche 911 überhaupt zu erreichen, ist in vielen der sehr kurvigen Passagen wohl nur für Walter Röhrl eine realistische Zielsetzung.

I’d walk from Cork to Larne to see the forty shades of green / But most of all I miss a girl ...
Johnny Cash – 40 Shades of Green