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24 Stunden bis die Tränen fließen

An diesem Wochenende wird in Florida das erste große Langstreckenrennen des Jahres 2020 gestartet. Beim 24-Stunden-Rennen von Daytona feiert Porsche 1968 einen seiner frühen Gesamtsiege in der Markenweltmeisterschaft. Den siegreichen 907 Langheck fahren die Asse jener Zeit, Vic Elford, Jo Siffert, Jochen Neerpasch, Rolf Stommelen und Hans Herrmann. 1995 gewinnt ein Kremer-Porsche K8 Spyder. Zur Mannschaft im Cockpit gehört Jürgen Lässig. Ein guter Grund, ihn ein Vierteljahrhundert später anzurufen.

Text: Michael Petersen Foto: Marko Knab · ramp.pictures 24.01.2020 11 min

»Herr Lässig, vor genau 25 Jahren haben Sie das legendäre 24-Stunden-Rennen von Daytona gewonnen …« Rasche Antwort des Rennfahrers: »Das höre ich zum ersten Mal!« Wir haken nach: »Wir haben gründlich recherchiert, dürften wir Sie zu diesem Anlass zum Interview in die crazyaboutporsche-Redaktion einladen?«

Jürgen Lässig aus Reutlingen macht sich nicht viel aus der Statistik seiner Rennfahrerkarriere. Deswegen hat er über das 25-Jahre-Jubiläum ebenso wenig nachgedacht wie über die Zahl seiner Starts in Le Mans. »Bin ich wirklich 16 Mal dort gefahren?« So ist es. Bei diesen 16 Starts zwischen 1981 und 1997 fährt er sieben Mal unter die ersten zehn. 1987 wird er mit dem Porsche 962 C gemeinsam mit Pierre Yver und Bernard de Dryver sogar Zweiter im Gesamtklassement hinter dem Werks-962C in der legendären Rothmans-Lackierung von Stuck/Bell/Holbert.

Jürgen Lässig nimmt die Einladung an. Und abseits der Statistiken hat er uns sehr viel zu erzählen. Wieso will jemand Rennfahrer werden, wo es doch viele andere spannende Berufe gibt? »Das Geld ist es nicht«, das stellt er gleich mal klar, »für mich hat der Rennsport immer Geld gekostet.« Kern des Ganzen ist vielmehr Lust an der Geschwindigkeit. Dazu bedarf es Mut zum Risiko und die Fähigkeit, Fahrzeuge bei hohem Tempo zu beherrschen. »Man kann das schnelle Autofahren lernen, aber das Fahren im Grenzbereich kann man – oder man kann es eben nicht«, sagt er. Und bringt manchen bei crazyaboutporsche ins Grübeln. Wem Talent im Übermaß in die Wiege gelegt wird und er dies auch noch früh erkennt, der strebt schon in jungen Jahren mit viel Professionalität und noch mehr Unterstützung von Eltern oder anderen Förderern eine steile Karriere im Rennsport an. Lässig stoppt ansatzlos den Gedankengang: »Bei mir war das ganz anders.«

Allerdings: Die Freude am schieren Tempo war früh vorhanden. »Schon auf dem Fahrrad habe ich bekloppte Sachen gemacht.« Erst recht mit dem ersten Motorrad, einer gebraucht gekauften Puch 250 SGS mit sagenhaften 16,5 PS. »Das Gefühl, zum ersten Mal flott unterwegs zu sein, werde ich niemals vergessen.« Pause. Nach Jahrzehnten spürt Jürgen Lässig dem Tempo nach, findet es irgendwo in seiner Erinnerung, beginnt zu lächeln. Am Tag und in der Nacht fährt er Motorrad, wann immer es irgendwie möglich ist.

Er erzählt von seiner Hausstrecke von Reutlingen über die Schwäbische Alb nach Sigmaringen. Lacht, als er sich an zwei Bauarbeiter erinnert, die in einer langen Rechtskurve vor Trochtelfingen mit dem Aufpinseln von Fahrbahnmarkierungen beschäftigt waren. »Als ich kam, flogen Farbkübel durch die Luft und die Kerle sind in den Graben gesprungen.« Für den Weg nach Hause wählt er eine andere Route. Vorsichtshalber. Der Puch folgt eine NSU Max, die erste BMW, begleitet vom Rat mancher Freunde, bei seinem Tempo müsse er doch unbedingt mal ein Rennen fahren.

Es kommt anders. BWL-Studium in Hamburg, abends der Job als Pianist in einer Jazzband. An vielen Wochenenden geht es heim nach Reutlingen. Mit der BMW 51/3 vergehen für 700 Kilometer 6,5 Stunden. Einmal Tanken inklusive. Der junge Mann macht sich wenig später selbständig und verdient gutes Geld.

Irgendwann auf dem automobilen Aufstieg folgt zwischen Fiat 600 und noch vor dem ersten Porsche ein Alpina BMW. Als Schwabe lässt sich Lässig nicht zwei Mal sagen, dass es beim Kauf des BMW zehn Prozent Sportfahrerrabatt gibt, jedenfalls wenn der Wagen zum Sportgerät wird. Um 1974 herum muss das gewesen sein. Lässig meldet sich zu einem Rennen in Hockenheim an. Er bekommt nicht nur jenen Nachlass. Seine Fahrt wird beobachtet. Und es folgt das Angebot, einen Porsche des damals deutschlandweit hoch geachteten Rennstalls Max Moritz zu fahren.

Gute Resultate in der Rennsportmeisterschaft folgen. Zu Hause macht er sich als der Lokalmatador beim Bergrennen in Neuffen einen Namen. Kommentar zu manchem Sieg: »Im Ziel gab es einen sagenhaften Zwetschgenkuchen, da lohnte es sich, schnell den Berg hinaufzufahren.«

Wir finden in der Karriereleiter eine Abkürzung. Werden wieder grundsätzlich. »Ein Sieg löst ein unbeschreibliches Gefühl aus, das lange anhält«, berichtet Lässig aus dem Seelenleben eines Sportlers. »Ein Ausfall ist schlimm, ich habe immer Tage gebraucht, um so eine Katastrophe zu verarbeiten.« Der Sportsmann referiert darüber, ob Niederlagen auf der Piste nicht womöglich zu einer mentalen Stärke führen, die hilft, dunkle Stunden im beruflichen wie privaten Leben zu meistern. »Die hat doch jeder mal.« Im Leben ist die Ideallinie vielleicht noch schwerer zu treffen als auf der Piste.

Ein gutes Stichwort, diese Ideallinie. Sie bietet den schnellsten Weg zum Ziel. Anschaulich erklärt Lässig: »Das gilt immer, vom Fahrradfahren bis zum Rennfahren.« Diese optimale Verbindung zwischen Beginn und Ende einer Kurve sollte der Rennfahrer möglichst treffen. Die 23 Kilometer der Nürburgring-Nordschleife unterteilt Lässig in Sektionen, die er sich binnen 14 Tagen in der Eifel beibringt. Kurvenfolgen spricht er in ein Diktiergerät, er merkt sich Farbmarkierungen, die Nordschleifen-Spezialisten zur besseren Orientierung aufgemalt haben. Die Folge sind viele Gesamtsiege im Langstreckenpokal.

Die Porsche werden immer stärker: Carrera RSR, 934, 935, erst von Max Moritz, ab 1980 für die Kölner Kremer-Brüder. Hinzu kommen Starts in der legendären Procar-Serie, wo Formel 1-Stars mit identischen BMW M1 im Rahmen von Grand Prix-Rennen gegen die besten Nicht-Formel 1-Stars antreten. »Die Teams, für die ich fuhr, sind professionell, das gilt nicht unbedingt für mich«, erklärt der Edel-Amateur. Fit ist er allemal, noch heute spielt er Samstag für Samstag Fußball und Sonntag für Sonntag Tennis in der Mannschaft eines Reutlinger Vereins.

Die schnellsten Rennwagen, von dem ein Privatfahrer Anfang der Achtzigerjahre träumen kann, sind der Porsche 956 und sein Nachfolger 962 C. 650 PS stark, nur 820 Kilogramm schwer und knapp eine Million Mark teuer. Auch wenn sich diese Porsche zwischen 1983 und 1992 am Ende einer Saison als Gebrauchtwagen gut verkaufen lassen, fließt eigenes Geld des Wirtschaftsberaters in den Motorsport. Hinzu kommt die Unterstützung von Sponsoren.

Wegen der engen Bekanntschaft von Jürgen Lässig mit Jochen Holy erscheint der charakteristische Schriftzug BOSS zum ersten Mal überhaupt auf Rennwagen des Reutlingers. Der Gruppe C-Porsche im Nadelstreifendesign wird zum meistverkauften Modellauto des Porsche 956. Bei der Teampräsentation 1983 in Hockenheim setzt sich Holy auf einen provisorisch angebrachten Notsitz. Am Ende der langen Geraden vor dem Motodrom ruft Holy: »Mensch, brems endlich!« Und vernimmt die Antwort des Fahrers: »Es geht noch ein Stückle.« Nächster Satz des BOSS-Chefs: »Bitte lass mich aussteigen!« Wie kurz die Bremswege in einem Rennwagen sind, lässt sich nur beim Exempel auf der Rennstrecke herausfinden. Jürgen Lässig genießt das Umfeld des Rennsports. Die Wagenabnahme am Mittwoch vor dem Rennen mitten in der Altstadt von Le Mans. Die Fans sind den Fahrern nahe. Die schreiben Autogramm um Autogramm. Vor allem im Jahr 1989 ist der Porsche von Girls umlagert. »Nicht wegen mir, sondern wegen Paul«, grummelt Jürgen Lässig. Paul Belmondo, der Sohn des großartigen Schauspielers Jean-Paul Belmondo, gehört damals zum Fahrertrio dieses Porsche.

In der Nacht von Le Mans in kühler Luft gibt der Turbomotor noch etwas mehr Leistung ab. Als Schnellster im Feld wird der Lässig-Porsche mit 378 km/h gestoppt. Bei diesem Tempo nimmt der Fahrer die leichte Biegung gegen Ende der sechs Kilometer langen Geraden als Kurve wahr. Lässig schwärmt: »Was für ein Erlebnis, dafür habe ich das alles gemacht!« Ihn stört, dass die Vollgas-Geradeausfahrt 1990 durch zwei Schikanen entschärft wird. Und er genießt die Fahrt in die aufgehende Sonne, wenn Mensch und Maschine die Nacht unbeschadet überstanden haben. »Etwas romantisch bin ich schon veranlagt.« Was ist das für ein Gefühl, wenn das Rennen mit Erfolg beendet ist und man durch die Fahnen schwenkenden Streckenposten eine letzte Auslaufrunde dreht? Ehrliche Antwort: »Da fließen die Tränen.«

Das wäre ein schöner Schlusssatz gewesen, hätten wir nicht vergessen, den Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Daytona 1995 zu erwähnen. Bitte, Herr Lässig: »Daytona ist speziell durch die Steilkurven und die lange Nacht im Januar. In jeder Runde muss ich langsamere Autos überrunden und immer auf Überraschungen gefasst sein. Wie in Le Mans muss ich schnell sein, aber auch den Wagen schonen. Also nicht zu hart fahren ... früh schalten ...«. Daytona-Sieger erhalten ein Produkt des Hauptsponsors. Der heißt Rolex. Wo ist die Uhr geblieben? »Bei mir zu Hause natürlich«, sagt er und lacht zum Abschied.